Im Krankenhaus in Haselünne Therapeut auf vier Pfoten: Wie ein Hund psychisch Erkrankten hilft

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Der Körperkontakt der Patienten zu Faxe ist wichtig und setzt Emotionen frei. Foto: Carola AlgeDer Körperkontakt der Patienten zu Faxe ist wichtig und setzt Emotionen frei. Foto: Carola Alge

Haselünne. Katharina T. ist morgens oft wie gerädert. Meist schläft die 17-jährige Haselünnerin nachts nicht oder kaum. Grund sind Phasen schwerer Schlafstörungen und Albträume. Als Zweijährige wurde sie aus ihrer Familie genommen. Verschiedene Pflegefamilien waren ihr neues Zuhause. In einer erfuhr sie körperliche Gewalt. Ihr Trauma arbeitet sie mithilfe von Ärztin Sonja Klukkert auf. Eine wichtige Rolle spielt deren Co-Therapeut Faxe.

Faxe ist ein Leonberger. Gemeinsam mit seinem Frauchen hat er an zwei Tagen der Woche Dienst auf Station 7 im Gebäude der Psychiatrie des Haselünner Krankenhauses. Bevor man das hell eingerichtete Büro der Therapeutin betritt, wird man bereits durch ein fröhliches Türschild auf den vierjährigen Rüden aufmerksam. Darauf ist auf der einen Seite comicartig ein auf einer Couch liegender Patient dargestellt, dem dahinter ein auf einem Stuhl hockender Hund aufmerksam lauscht, „Gespräch. Bitte nicht stören“, ist daneben zu lesen. Und darunter in englischer Sprache „Meine Therapie ist ziemlich einfach: Ich wackel mit meinem Schwanz, schlecke über dein Gesicht, bis du dich wieder wohlfühlst.“

Bei der Arbeit. Dieses Türschild weist auf den tierischen Co.-Trainer in Klukkerts Büro hin. Foto: Carola Alge


Gewalt in Pflegefamilie

Faxe ist an diesem Tag schon ein paar Stunden im Einsatz. Entspannt liegt der Leonberger in einer Ecke des Raums, in dem Sonja Klukkert ihr Gespräch mit Katharina T. führt. Es geht um die Erinnerungen an die Kindheit der jungen Frau. Sie beginnen bei etwa neun Jahren in der Zeit, zu der sie in einer Pflegefamilie viel körperliche Gewalt erfuhr und ihr die Pflegeeltern damit drohten, wenn sie zum Jugendamt gehe, komme sie endgültig in ein Heim; man werde sie als Lügnerin entlarven.

Posttraumatische Belastungsstörung

Was Katharina T. durchmacht, bezeichnet Klukkert als posttraumatische Belastungsstörung durch das frühe Erleben von Gewalt und Vernachlässigung. „Je früher ein Mensch in seinem Leben das erfährt, desto tief greifender sind die Veränderungen der Persönlichkeit.“ Ganz vorsichtig arbeitet sich die 44-Jährige an die einzelnen Erinnerungen ihrer Patientin heran.

Aufmerksam verfolgt Faxe die Gespräche, die seine Besitzerin Sonja Klukkert (rechts) mit ihren Patienten führt. Foto: Carola Alge


Hund wird zum Therapeuten

Die kann dabei Wut kanalisieren und zeigen. Die tiefe Trauer, die sie in sich spürt, kaum. Ihre traumatische Belastung ist riesig. An der Stelle ist Faxe eine große Hilfe. Ihm gegenüber gibt die 17-Jährige plötzlich Emotionen preis. Als sie von ihrem blauen Gesprächsstuhl aufsteht und sich zu ihm auf den Boden setzt, ihn streichelt, kann sie endlich Tränen freien Lauf lassen. Die angehende Erzieherin weint. Den Rüden irritiert das nicht. Im Gegenteil. Er rückt näher zu ihr, legt seinen Kopf auf ihr Bein. Seine Körpersprache sagt: Ich bin deine Stütze, lehn dich an mich. Die gewichtige Fellnase dient bei Patienten, die wie die 17-Jährige traumatische Erfahrungen mit anderen Menschen machen mussten, als eine Art Brücke zum zweibeinigen Therapeuten.


Wenn die Stimmung traurig ist, geht er diese Schwere mit. Sonja Klukkert


Ruhe und Körperkontakt

Seit August 2018 ist er im St.-Vinzenz-Hospital, das zum Verbund der Niels-Stensen-Kliniken gehört, im Einsatz. Seine Eigenschaften: Der Hund strahlt Ruhe aus und empfindet die unterschiedlichen Stimmungen der Patienten – ob im Einzelgespräch oder in der Gruppe. „Wenn in einer solchen die Stimmung traurig wie bei einer Beerdigung ist, aber niemand weinen kann, geht er diese Schwere mit, schnauft, sucht den Körperkontakt“, sagt seine Besitzerin. 

Faxe lebt bei der Ärztin

Faxe kam im Februar 2015 im Alter von zehn Monaten zur Familie der gebürtigen Lünenerin. Ein Jahr später absolvierte die Ärztin eine im Mai 2017 abgeschlossene Therapiebegleithunde-Teamausbildung und bildete sich wieder ein Jahr später zur Fachkraft für tiergestützte Intervention am Institut für tiergestützte Förderung in Lingen (ESAAT-zertifziert) weiter. Seit Januar 2018 ist sie an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Haselünne medizinisch und therapeutisch tätig. Aktuell kümmert sie sich um Patienten mit posttraumatischen Belastungs- und komplexen Traumafolgestörungen


Die Streicheleinheiten genießt der Rüde. Foto: Carola Alge


Reaktionen „fast durchweg positiv“ 

Die Reaktionen ihrer Patienten auf Faxe bezeichnet die dunkelhaarige Brillenträgerin als „fast durchweg positiv“. Bevor die mit dem Leonberger in Kontakt treten, werden die natürlich im Vorfeld zu möglichen Allergien befragt. Und nach möglichen Ängsten vor Tieren, „auf die wir Rücksicht nehmen und aufgrund derer auch mal Einsatzmodalitäten verändert werden müssen“. Das aber sei selten der Fall. Viele der Patienten hielten Haustiere und ständen der tiergestützten Arbeit offen gegenüber. Sie freuten sich, wenn Faxe morgens mit zur Arbeit erscheint, und fragten nach, wenn er an einem seiner eigentlichen „Arbeitstage“ mal nicht mit dabei ist.

Liebenswertes Individuum

Der Co-Therapeut wird von vielen als liebenswertes Individuum gesehen, das eigene Bedürfnisse, Eigenheiten und Vorlieben hat, gesehen. „Er agiert, wie er das meint, und er nimmt sich seine Pausen, wie er sie braucht.“ Drill gibt es nicht. Der würde seine Empathie auch beeinträchtigen. Die Patienten begegnen ihm respektvoll. „Über ihn mit mir in den Kontakt zu kommen scheint vielen sehr viel leichterzufallen. Auch die Gruppendynamik der Patienten untereinander verändert sich, wenn Faxe anwesend ist. Er ist dann ein gemeinsames Gesprächsthema, und Erlebnisse mit ihm können geteilt werden.“ In vielen Situationen hat der Rüde eine sehr beruhigende, Sicherheit vermittelnde Wirkung durch seine entspannte Anwesenheit.

Viele kleine Momente lassen meine Wertschätzung steigen. Sonja Klukkert

Nonverbale Kommunikation

Das erlebt Sonja Klukkert immer wieder. „Es sind viele kleine Momente, die die Arbeit mit Faxe so besonders machen und meine Wertschätzung für ihn als ‚Partner‘ an meiner Seite stetig steigen lassen.“ Die Medizinerin denkt da zum Beispiel an Patienten, denen es schwerfällt, innere Anspannung zu regulieren, und für die der Körperkontakt mit Faxe oder manchmal auch einfach die Beobachtung des Hundes beim Schlafen dies deutlich leichter machten. Durch seine Art der nonverbalen Kommunikation, die für die Patienten authentisch ist und sie auf einer unbewussten Ebene anspricht, schafft er es , schnell eine vertrauensvolle Beziehung herzustellen, und öffnet damit die Tür für die sich entwickelnde therapeutische Beziehung. „Wenn Faxe gerade auch in für den Patienten anstrengenden Momenten Kontakt aufnimmt und die Situation sich dadurch entspannt und Raum gibt für ein bisschen Leichtigkeit, sind das wunderschöne Momente“, sagt Klukkert zufrieden und streicht ihrem Hund über den Kopf. Der liegt immer noch an der Seite von Katharina T. Sie streichelt ihn und setzt damit wichtige sogenannte Bindungshormone bei sich frei. Die wirken sich bei Mensch und Hund gleichermaßen positiv aus. Als die 17-Jährige den Raum nach der Sitzung verlässt, huscht ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht. 

Leckerli von Frauchen 

Es war das letzte Gespräch an diesem Tag. Faxe macht es sich auf seiner Decke unter dem Bürotisch bequem, bekommt von Frauchen ein Leckerli aus der Dose mit der Aufschrift „Sitz“. Die Augen des Hunds werden müde. Er möchte seine Ruhe haben. Die bekommt der Vierbeiner in wenigen Minuten. Therapeutin und Co-Therapeut haben Feierabend. Das jetzt umgedrehte Türschild draußen symbolisiert es. „Ich habe Pause – bitte nicht stören“, ist darauf jetzt zu lesen und ein sich auf dem Rücken räkelnder Faxe zu sehen.

Pause. Faxe möchte jetzt seine Ruhe haben. Foto: Carola Alge



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