Vom Paketlager auf die Showbühne Kolping-Theater Haselünne legt großartige Premiere von „Keerls döör un döör“ hin

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Haselünne. Minutenlangen, heftigen Applaus im Stehen spendeten am Sonntagabend im fast vollbesetzten Kolpinghaus die restlos begeisterten Zuschauer den Akteuren des Kolping-Theaters. Die Premiere des neuen Plattdeutschstücks „Keerls döör un döör“, wieder von Willi Jansen inszeniert, überzeugte in jeder Hinsicht.

„Wir haben zum ersten Mal etwas mit Musik dabei. Das gab es bisher bei uns so noch nicht. Ich bin gespannt, ob das gut geht und ob es bei den Besuchern ankommt“, sagte Spielleiter Jansen vor der Aufführung. Wie sich nur kurze Zeit später herausstellen sollte, waren diese Bedenken völlig unbegründet. Denn die Schlager- und Pop-Parodien der als Travestiekünstler verkleideten Schauspieler gehörten zu den absoluten Höhepunkten des kurzweiligen Stücks. Egal ob „Dancing Queen“ von Abba, „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ von Zarah Leander oder „Yes, Sir I can boogie“ von Baccara – sobald die ersten Takte der Lieder ertönten, sprang der Funke von der Bühne auf das Publikum über.

Das Stück beginnt in der tristen Lagerhalle des Paketdienstes Hase-Kurier. Die vier Auslieferungsfahrer Hinnerk (Andreas Josefus), Paul (Dietmar Peters), Georg (Engelbert Tebben) und Manuel (Klaus Hopster) schmieden seltsame Pläne. Sie haben davon gehört, dass die Tochter ihrer Chefin Lisa Kording (Heike Wübben) eine schlimme Augenkrankheit hat. Sie beschließen, ihre graue Arbeitskleidung gegen bunten Show-Fummel zu tauschen, eine Travestie-Revue zu starten und so Geld für die Augenoperation zu sammeln. Als Managerin der in Pumps und Frauenkleidern auftretenden Männer tritt Hinnerks Mutter Lore (Elisabeth Tebben) in Aktion. Denn sie hat die Nase voll davon, abends mit ihrem Sohn auf dem Sofa zu sitzen und immer nur die TV-Serie „Unsere kleine Farm“ zu gucken. Das tollkühne Unterfangen gelingt, die Show ist ausverkauft, das Geld für die Operation ist da.

Wenn Männer in Frauenkleidung auftreten, ist oft die Versuchung der billigen Effekthascherei groß. Bei „Keerls döör un döör“ umschifft Regisseur Willi Jansen diese Klippe aber äußerst geschickt. Zum einen, weil er nicht auf vordergründigen Klamauk setzt, sondern akzentuiert gut den Kontrast zwischen langweiliger Lagerarbeit und schillerndem Showleben in den Mittelpunkt stellt. Daraus resultiert die Komik. Zum anderen funktionieren die Szenen, weil die nicht bis in die letzte Faser durchtrainierten Schauspieler ihre Rollen mit einer herrlichen Portion Selbstironie spielen. Zusammen mit den altbekannten Melodien der Hits vergangener Jahre funktioniert diese Mischung hervorragend und kommt sofort beim Publikum an.

Lokaler Bezug und versteckte Weisheiten

Das i-Tüpfelchen der Aufführung sind originelle Regieeinfälle und lokale Bezüge. So tauchen in der Ansprache der Moderatorin (Elisabeth Tebben) zum abschließenden Showteil real existierende Personen auf, wie zum Beispiel der Rezensent der Meppener Tagespost oder die stellvertretende Landrätin Margret Berentzen. Die Firma heißt Hase-Kurier, die Kurierfahrer trinken natürlich Emsland Quelle. Zuletzt müssen die vielen versteckten Weisheiten genannt werden, die in den Texten auftauchen. So sagt einer der Protagonisten zum Thema „Homosexualität“ den Satz: „Wir leben im 21. Jahrhundert. Da sollte Toleranz nicht nur ein einzelnes Wort sein.“ Und wir wissen jetzt auch, dass es neben dem Straftatbestand „Mord im Affekt“ auch das folgenreiche Delikt „Ehe im Affekt“ gibt. Und letztendlich wird niemand der Erkenntnis widersprechen wollen, die auf dem T-Shirt der Figur Lore Knocke zu lesen ist: „Älter werden ist nichts für Weicheier.“ „Keerle döör un döör“, im Original „Tough Guys“ von der kanadischen Autorin Kerry Renard, ist auf jeden Fall etwas für Leute, die sich zwei Stunden lang niveauvolles, vergnügliches, hintergründiges Plattdeutschtheater gönnen wollen.


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