Projekt am Krankenhaus Neu in Haselünne: Per Telemedizin Suizide verhindern


Haselünne. Im November startet das Haselünner St.-Vinzenz-Hospital sein Projekt telemedizinische psychiatrische Versorgung. Der Chefarzt der Psychiatrie, Dr. Gregory Hecht, sieht darin einen wichtigen Beitrag dazu, dauerhaft Kontakt zum Patienten zu behalten. „Ständiger Kontakt ist der bestmögliche Weg, Suizide zu verhindern“, sagte er im Interview.

Das Internet spielt für Mediziner und ihre Patienten eine immer größer werdende Rolle. Per Mausklick direkt ins psychiatrische Arztzimmer – das ist ab November auch in Haselünne möglich. Der Landkreis Emsland und das Krankenhaus Haselünne starten eine telemedizinische psychiatrische Versorgung. Hintergrund ist die kontinuierlich hohe Zahl an Depression erkrankter Patienten. Das Projekt beginnt mit 20 schwer Depressiven. Sie wurden zuvor stationär psychiatrisch behandelt. Über ein Tablet übermitteln die Patienten Daten aus ihrem Alltag. Fachkräfte werten diese Parameter aus. Bei auffälligen Ergebnissen nehmen sie Kontakt zu den Patienten auf.

Herr Dr. Hecht, in Kürze startet Ihr Projekt telemedizinische psychiatrische Versorgung am Haselünner Krankenhaus. Sie betreten damit Neuland ...

In der Tat stellt das Telemedizinprojekt in der psychiatrischen Versorgung etwas Neues dar. Es gibt schon jetzt interessante Studien in anderen Fachgebieten. Eine Studie der Berliner Charité konnte zeigen, dass telemedizinisch begleitete Herzpatienten eine bessere Lebenserwartung hatten. Es wurden bei diesen Hochrisikopatienten mit Herzschwäche Todesfälle verhindert. Ich freue mich sehr, dass der Landkreis Emsland für dieses innovative Gesundheitsprojekt beim Land Niedersachsen die Förderung einwerben konnte.

Sie starten mit 20 schwer an Depression erkrankten Personen. Nach welchen Kriterien werden sie ausgesucht?

Wir wissen, dass Menschen, die an schweren Depressionen leiden, ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko haben. Für das Projekt werden Patienten ausgewählt, die eine depressive Erkrankung schweren Grades haben. 60 bis 80 Prozent aller Betroffenen mit schwergradigen Depressionen haben in irgendeiner Form suizidale Gedanken. Aus dieser Patientenklientel werden wir die Studienteilnehmer aussuchen. Darüber hinaus werden bevorzugt Patienten eingebunden, die keine adäquate ambulante Weiterbehandlung haben. Dazu kommen Menschen mit zusätzlichen körperlichen Erkrankungen, die einen hohen Aufwand haben, regelmäßig zum Arzt zu kommen.

Können Sie, anonymisiert, ein Beispiel für einen Patienten geben, der zur Startgruppe gehört?

Ein typischer Patient für das Projekt könnte ein Mitte 60-jähriger Mann sein, der im Rahmen einer schweren Depression einen Suizidversuch unternommen hat. Diesen hat er zum Glück überlebt. Er hat bisher keinen Nervenarzt oder Psychotherapeuten, an den er sich wenden könnte. Dieser Patient wird von uns dann nach dem stationären Aufenthalt ambulant und telemedizinisch weiterbetreut.

Wie wurden die Patienten vorbereitet?

Es erfolgte eine intensive Vorbereitung. Sowohl auf der technischen Ebene wurden die Mitarbeiter des Projektes geschult, als auch inhaltlich mussten diverse Gesichtspunkte berücksichtigt werden.

Welche?

Um ein Beispiel zu nennen: Es erfordert viel Arbeit festzulegen, welche Fragebögen die Patienten auf dem „Gesundheitstablet“ erhalten sollen.

Gehen diese Patienten direkt aus Ihrer Einrichtung nach Hause in das Projekt?

Die Patienten werden mit dem „Gesundheitstablet“ und konkreten Instruktionen entlassen.

Bei der Entlassung bekommen die Patienten ein sogenanntes „Gesundheitstablet“. Wie läuft, ganz einfach ausgedrückt, darüber die Kommunikation mit Ihnen?

Vom Grundsatz her muss betont werden, dass ein telemedizinisches Projekt primär nicht den Arzt-Patienten-Kontakt ersetzt. Ein „Gesundheitstablet“ zeigt über verschiedene Messwerte und objektive Parameter an, wie sich das Befinden des Menschen entwickelt.

Welche Parameter konkret?

Es wird zum Beispiel die tägliche Bewegung mittels Aktimeter digital erfasst. Wenn ein Patient wochenlang sehr aktiv war, sich dann plötzlich tagelang stark zurückzieht, kann dies ein indirekter Hinweis auf eine Verschlechterung des psychischen Befindens sein. Wir erhalten dann rechtzeitig eine Art Alarm, woraufhin wir den Patienten aktiv kontaktieren können. Unabhängig davon wird in bestimmten Abständen der Patient in unserer Ambulanz gesehen.

Mit dem Tele-Projekt wollen Sie frühzeitig negative Tendenzen bei den Patienten erkennen und eingreifen können. Ist das bei Suizid-Gefährdeten wirklich möglich?

Aus Studien wissen wir, dass die unmittelbare Zeit nach der stationären Entlassung ein erhöhtes Suizidrisiko aufweist. Umso wichtiger erscheint es uns, auch geringe Abweichungen des Befindens sowie des Aktivitätsniveaus zu erfassen und den Patienten dann aktiv zu kontaktieren. Es wird auch über die Fragebögen „Suizidalität“ aktiv erfragt. Wie sich dieses konkret in der Praxis bewähren wird, ist für uns Neuland und noch nicht abzuschätzen. Aus meiner Sicht ist jedoch der dauerhaft bestehende Kontakt zum Patienten der bestmögliche Weg, Suizide zu verhindern.

Digitalisierung fasst auch in der Medizin immer Fuß. Wie stehen Sie dazu für Ihr Fachgebiet?

Die Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen weiter fort. Aus meiner Sicht gilt es, aus den Erfahrungen solch eines Projektes zu lernen. Gerade in meinem Fachgebiet ersetzt die Digitalisierung nicht den persönlichen Kontakt von Auge zu Auge mit dem Patienten. Es kann aber, und davon bin ich überzeugt, ergänzend eine erhebliche Qualitätssteigerung in der Gesamtbehandlung ausmachen.


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