Ergänzender Weg psychiatrischer Versorgung Einmalig in Europa: Per Mausklick direkt ins Arztzimmer in Haselünne

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Haselünne. Doktor Skype ist keineswegs futuristisch, sondern teilweise Alltag. Das Internet spielt für Mediziner und ihre Patienten eine immer größer werdende Rolle. Per Mausklick direkt ins psychiatrische Arztzimmer – das ist jetzt auch in Haselünne möglich.

  • Der Landkreis Emsland und das Krankenhaus Haselünne starten eine telemedizinische psychiatrische Versorgung
  • Hintergrund ist die kontinuierlich hohe Zahl an Depression erkrankter Patienten
  • Das Projekt beginnt mit 20 schwer Depressiven, später folgen 20 weitere
  • Sie wurden zuvor stationär psychiatrisch behandelt
  • Über ein Tablet übermitteln die Patienten Daten aus ihrem Alltag
  • Fachkräfte werten diese Parameter aus
  • Bei auffälligen Ergebnissen nehmen sie Kontakt zu den Patienten auf

„Telemedizinische psychiatrische Versorgung nach Entlassung – Neue Therapieoptionen in der psychiatrischen Versorgung im Landkreis Emsland“ ist ein Projekt des Landkreises Emsland zusammen mit dem St.-Vinzenz-Hospital Haselünne überschrieben, das das möglich macht. Ein vergleichbares Projekt gibt es europaweit nicht.

Im Alltag weiter betreuen

Durch den Einsatz telemonitorischer Technologie sollen depressiv erkrankte Patienten nach Entlassung aus der stationären Behandlung lückenlos im Alltag weiter durch die am Krankenhaus St.-Vinzenz-Hospital Haselünne angebundene Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) betreut werden. Die teilnehmenden Patienten werden, wie der Chefarzt der Psychiatrie, Dr. Gregory Hecht, im Pressegespräch erläuterte, am Ende ihres Klinikaufenthalts ausgesucht. Dabei soll es sich um Patienten handeln, die akut rückfall- oder gar selbstmordgefährdet sind. „Es werden Schwerdepressive sein, die wir auf diese ergänzende Weise präventiv begleiten.“ Keineswegs solle die Tele-Versorgung generell das regelmäßige Gespräch mit dem Psychiater ersetzen. „Das findet in der Regel mindestens einmal im Quartal statt.“

Tracker und „Gesundheitstablet“

Bei ihrer Entlassung aus der Klinik erhalten sie einen Tracker und ein sogenanntes „Gesundheitstablet“. Dieses hat keinen Internetzugang oder sonstige Apps, sondern lediglich Parameter zur Feststellung der Alltagssituation des Betroffenen. Über eine digitale Plattform ist es, wie Martin Schnellhammer vom Projekt Living Lab erläuterte, mit der PIA am Haselünner Krankenhaus verbunden. Sie ist ein ambulantes Angebot der St.-Vinzenz-Hospital Haselünne GmbH für Menschen mit seelischen Erkrankungen, die in der Regel wegen der Art, Schwere oder Dauer ihrer Erkrankung ein besonderes Behandlungsangebot brauchen.

Zunächst 40 Patienten

Für die an dem neuen Projekt teilnehmenden zunächst 20 Patienten und die nach einem halben Jahr weiteren 20 Patienten legen die behandelnden Ärzte vor der Entlassung aus der stationären Behandlung fest, welche Daten der Patient zu Hause erfassen soll. „Hierbei handelt es sich insbesondere um Fragebögen zur Befindlichkeit, tagesstrukturierenden Maßnahmen, Erinnerungsfunktionen sowie Medikamenteneinnahme“, so Johanna Sievering, Leiterin Fachbereich Gesundheit beim Landkreis Emsland. Da belegt ist, dass Bewegung bei einer Depression als wichtige Therapieoption gilt, können zudem die Aktivitäten des Patienten mittels sogenannter Aktometer (Messgerät) erfasst werden.

Fachkraft kontrolliert Daten

Die ermittelten Daten werden regelmäßig durch eine Fachkraft der PIA kontrolliert und mit den Therapiezielen abgeglichen. Hauptansprechpartner ist Tobias Wilke. Bei Auffälligkeiten wird der Arzt hinzugezogen. Mithilfe von Videokonferenzen ist dann ein direkter Kontakt zum Patienten möglich. Die Untersuchung und Bewertung (Evaluation) des Projektes erfolgt durch das Living Lab Wohnen und Pflege in Osnabrück. Darin sieht Schnellhammer eine „große Chance, Krisentendenzen zu erkennen, bevor sie zu Krisen werden“. Die behandelnden Ärzte erhielten abseits der Auge-zu-Auge-Gespräche früh wichtige Informationen. Wilke verglich das mit einem Reifen auf dem Prüfstand. „Es ist wichtig, vorher festzustellen, dass er Luft verliert, und nicht erst, wenn er platt ist.“

Wichtiger Beitrag zur Prävention

Walter Borker, Verwaltungsdirektor des Haselünner Krankenhauses, und Kreis-Dezernentin Dr. Sigrid Kraujuttis sehen deshalb in dem Projekt einen „wichtigen Beitrag zur Prävention, aber auf lange Sicht auch zur Kostensenkung im Gesundheitswesen“. Die Versorgung von depressiv erkrankten Personen verursacht hohe Therapiekosten. „Durch das Projekt können mit einem vergleichsweise geringen Kostenaufwand neue Versorgungswege erprobt und etabliert werden, die das Gesundheitssystem entlasten können“, betonten beide. Mit Blick auf Prävention und Gesundheitsförderung war deshalb 2016 auch das „Emsländische Bündnis gegen Depression“ als Projekt der Gesundheitsregion Emsland gegründet worden. Es ist ein Teil des bundesweiten „Bündnisses gegen Depression e. V.“. Das hat das Ziel, die Versorgung von depressiv erkrankten Menschen im Emsland sowie den Stand des Wissens über depressive Erkrankungen zu verbessern.

Negative Tendenzen früh erkennen

Für Chefarzt Gregory Hecht ist es wichtig, über die täglich per Tablet übermittelten Parameter Aufschluss über die Situation des Patienten zu Hause zu bekommen. Befindlichkeitsskalen, Infos zu Medikamenteneinnahme und Aktivitätenprotokoll gehörten dazu. „Es gibt vieles, was einen gut stabilisiert aus der Klinik entlassenen Patienten wieder aus der Bahn werfen kann. Dank des Tele-Projekts haben wir die Möglichkeit, früher negative Tendenzen zu erkennen und ihn sofort zu kontaktieren, damit er nicht ‚versumpft‘“. Dies könne insbesondere bei Suizid-Gefährdeten lebenswichtig sein.

„Medizin 4.0 auf der Straße“, wie Schnellhammer das Projekt schmunzelnd bezeichnete, sei keineswegs futuristisch, sondern habe als wichtiges Instrument in der psychiatrischen Versorgung Perspektive.

Sorgfalt wichtig

Der Allgemeine Patienten-Verband mit Sitz in Marburg begrüßt das Haselünner Projekt. „Ergänzend kann es sinnvoll sein. So entsteht ein täglicher Kontakt, der sonst nicht gegeben ist“, sagte Präsident Christian Zimmermann auf Anfrage unserer Redaktion. Die Digitalisierung fasse auch in der Medizin immer mehr Fuß. Daran führe kein Weg vorbei. Wichtig sei, hier mit notwendiger Sorgfalt vorzugehen. Und: „Wunder darf man von der Digitalisierung nicht erwarten“.


Lückenlose Weiterbetreuung nach der Entlassung

Hintergrund des vom Land geförderten Projektes „Telemedizinische psychiatrische Versorgung nach Entlassung – neue Therapieoptionen in der psychiatrischen Versorgung im Landkreis Emsland“ ist die kontinuierlich hohe Zahl an Depression erkrankter Patienten.

Sie brauchen eine optimale kontinuierliche Behandlung, um gute Heilungschancen zu haben. Vielen Betroffenen ist der Zugang zu einer psychiatrischen Versorgung vor allem in ländlichen Gebieten auch infolge mangelnder Motorisierung erschwert, und ihre Anfahrtswege sind zudem lang.

Dem soll mithilfe des Projektes entgegengewirkt werden. Durch den Einsatz telemonitorischer Technologie sollen depressiv erkrankte Patienten im Alltag lückenlos weiter betreut werden. Im Zuge dessen werden ausgewählte Patienten mit einem sogenannten Gesundheitstablet ausgestattet, das über eine digitale Plattform mit der PIA am St.-Vinzenz-Hospital Haselünne verbunden ist.

Ziel des mit Landesmitteln geförderten Projekts ist die lückenlose Weiterbetreuung depressiv erkrankter Patienten nach der Entlassung durch den Einsatz von telemonitorischer Technologie, wodurch die Patienten eine gewisse Sicherheit erfahren und vor einem Rückfall geschützt werden sollen. Der sogenannte Drehtüreneffekt soll so vermieden werden.

Das Projekt startet Anfang Juli 2018. Dann geht es zunächst um die technische Ausstattung, also die Anschaffung von Tablets und Trackern. Ab Oktober werden die ersten 20 Patienten, nach einem halben Jahr weitere 20 Patienten betreut. Das Projekt endet im Dezember 2019.

Für dieses sowie zwei innovative Gesundheitsprojekte erhält er Zuwendungen des Landes Niedersachsen. Die Kosten belaufen sich auf etwa 50693 Euro. Davon erhält die Gesundheitsregion Emsland 45624 Euro an Zuwendungen. Der Landkreis Emsland bringt 5069 Euro auf. Mit dem Angebot an zuvor in der Klinik am St.-Vinzenz-Krankenhaus in Haselünne stationär behandelte Patienten leisten Landkreis und Krankenhaus Pionierarbeit. cw

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