Kampf für Erhalt der Nester Haselünnerin beklagt: Schwalben werden heimatlos

Von Carola Alge


Haselünne. Yvonne Schwirtz kämpft. Für ein Zusammenleben von Schwalben und Menschen in der Haselünner Innenstadt. Das ist ihrer Ansicht nach stark dadurch gefährdet, dass an Gebäuden Nester der Vögel entfernt und ein Anflug der Stellen durch Netze unter Dachüberständen verhindert wird.

  • Schwalben und ihre Nester stehen unter Naturschutz
  • Im Bereich des Markts in Haselünne wurden Nester zerstört
  • Eine Tierfreundin will das nicht hinnehmen
  • Sie kämpft für ein Leben der Schwalben in der Innenstadt

An verschiedenen Gebäuden rund um den Markt in Haselünne sind unter Überständen Lehmreste zu erkennen. „Hier haben Schwalben mal genistet“, deutet Schwirtz auf den Giebel eines Cafés. „Jemand hat zum Markt hin etwa 15 Nester entfernt, sie aber nicht vollständig abschlagen können, weil der Lehm zu hart ist“, beklagt die 29-Jährige.

Sie will das nicht hinnehmen und hat Anzeige bei der Polizei erstattet wegen Verstoßes gegen Paragraf 44 des Naturschutzgesetzes. Der besagt unter anderem: „Es ist verboten, wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören, wild lebende Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen Vogelarten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Mauser-, Überwinterungs- und Wanderungszeiten erheblich zu stören. Eine erhebliche Störung liegt vor, wenn sich durch die Störung der Erhaltungszustand der lokalen Population einer Art verschlechtert.“

Population gefährdet

Eine erhebliche Störung und Gefährdung der Population der Haselünner Schwalben sieht Schwirtz gegeben. „Die ersten von ihnen sind bereits aus Afrika zurück, die restlichen werden bis Ende Mai hier sein. Wenn das Entfernen der Nester so weiter- geht, sind mehr als 30 Tiere heimatlos“. Das will die Tierfreundin unbedingt verhindern.

Sie startete unter anderem unter dem Titel „Kein Platz für Schwalben in Haselünne“ eine Online-Petition ( wir berichteten), die bis jetzt etwa 1000 User unterzeichneten. Für sie gehören Schwalben zum Stadtbild Haselünnes dazu. „Viele von euch sind mit Schwalben in dieser schönen Stadt groß geworden. Sie gehören zu unserer Altstadt wie wir selbst [...]. Sie waren immer hier willkommen“, schreibt die Einzelhandelskauffrau. Mit den Sanierungsarbeiten in der Stadt seien die Tiere nun zunehmend in Gefahr. Nistplätze würden zerstört, einfach unzugänglich gemacht und nicht ersetzt, „denn die Schwalben störten plötzlich“.

Unter Naturschutz

Das könne und dürfe nicht sein. „Schwalben und ihre Nester stehen unter Naturschutz. Es ist verboten, ein Schwalbennest zu entfernen oder zu zerstören. Das Umsiedeln ist ebenfalls untersagt. Hauseigentümer und Mieter müssen die Tiere und ihre Nester dulden“, betont Schwirtz. Die Vögel seien standort- und gebäudetreu und auf ihre gewohnten Nistflächen oder Ausgleichsflächen in der Nähe angewiesen.

Einige von ihnen existieren im rückwärtigen Bereich verschiedener Gebäude noch. Zum Beispiel in der Nähe der Volkshochschule im Innenhof beim alten Wasserturm. „Zum Markt hin sind dagegen viele zerstört worden.“ Dass dies offensichtlich geschehen sei, um herabfallenden Kot zu verhindern, kann sie Haselünnerin nicht nachvollziehen. „Wer diese Netze an den Giebeln und Dachüberständen anbringt, kann dort doch auch einfache Schutzbretter befestigen, um lästige Verschmutzungen zu verhindern“.

Schwalben geht es in Städten immer schlechter

Schwalben gehe es in den Städten immer schlechter. „In der modernen Landwirtschaft gibt es kaum noch offene Ställe als Brutstätten, Straßen und Wege wurden asphaltiert, sodass es kaum noch Schlamm zum Nestbau gibt. Und genügend Insekten gibt es schon längst nicht mehr. Umso wichtiger ist es, die Vögel, die bei uns heimisch sind, auch heimisch zu halten“.

Die 29-Jährige, die privat Pflegestelle der Wildtierhilfe Osnabrück ist und sich um Singvögel, Wildmäuse und Wildratten kümmert bzw. verletzte oder verwaiste Tiere aufzieht und wieder auswildert, hofft auf Unterstützung in ihrem Kampf für den Bestand der Schwalben in Haselünne auch auf die Behörden. Landkreis Emsland, Stadt und Umweltamt Niedersachsen schrieb sie deshalb an. „Bisher kamen leider keine oder keine konkreten Antworten“, bedauert sie. Dabei möchte die junge Frau „niemanden anklagen“, sondern nur dafür sorgen, „dass wir gemeinsam mit den Hauseigentümern eine gute Lösung finden“.

Brettchen gegen den Kot

Darauf setzt auch der Naturschutzbund (Nabu) Emsland/Grafschaft Bentheim. „Wir machen mit unserem Projekt ‚Schwalben willkommen‘ auf die besondere Situation der Vögel aufmerksam und appellieren an Hauseigentümer, die Schwalben ungestört an den Gebäuden nisten zu lassen“, betont Jutta Over auf Anfrage unserer Redaktion. Gegen den herabfallenden Kot helfe in der Tat ein einfaches Brettchen, das man 50 bis 60 Zentimeter unter dem Nest anbringt.

Schwalben gehörten zu den besonders geschützten Vogelarten (EU-Vogelschutzrichtlinie). Nicht nur die Vögel selbst, auch ihre Nester fielen unter diesen Schutz und dürften daher nicht abgeschlagen werden. Außerdem sei es verboten, die Tiere beim Nestbau und beim Brutgeschäft zu behindern und zu stören.

Auf den Menschen angewiesen

Als Kulturfolger seien die Schwalben auf den Menschen angewiesen, da sie ausschließlich an Gebäuden nisteten. „Wenn sie nach einem 5000 Kilometer weiten Flug im Frühjahr aus Afrika zurückkommen, suchen sie gezielt wieder ihre alten Nester auf. Auch kaputte Nester werden wieder angenommen und renoviert, denn es ist immer noch einfacher, ein altes Nest zu renovieren, als mit 700 bis 1500 Lehmkügelchen ein neues aufzubauen“, so Over. Zudem werde es in den versiegelten Dörfern und Städten immer schwerer, feuchten Lehm als Baumaterial zu finden.

Der Landkreis Emsland teilte mit, er sei über den Sachverhalt informiert und untersuche ihn. Ordnungsrechtliche Maßnahmen wegen Verstoßes gegen das Artenrecht würden derzeit geprüft, so eine Sprecherin.

Der NDR berichtet am Donnerstag, 17. Mai 2018, um 19.30 Uhr in seiner Sendung „Hallo Niedersachsen“ über die Situation der Schwalben in Haselünne.

Hier geht es zur Petition: www.change.org/p/stadthaselünne-kein-platz-für-schwalben-in-haselünne.