Bald auf Wanderschaft Gefährliche Zeit für Jung-Uhus in Haselünne beginnt

Von Carola Alge


Haselünne. Dem Haselünner Uhu-Nachwuchs geht es gut. Die vier Jungvögel wurden jetzt von Gerard Oonk und Hans Hasper von der niederländischen Uhu-Gruppe Oehoewerkgroep Nederland gewogen und beringt. „Der Haselünner Uhunachwuchs zeigte sich den Mitarbeitern kräftig und gesund“, sagt Dr. Andreas Schüring, Naturfotograf und Experte, im Interview mit unserer Redaktion. Er war bei der Aktion dabei.

Der Uhu-Nachwuchs wurde vermutlich nach Ostern geboren. Der vor Kurzem verstorbene Küster der Kirchengemeinde St. Vincentius, Thomas Linger, hatte ihn in einer Nische auf dem Dach des Gotteshauses entdeckt und beobachtet. Dass es in diesem Jahr wieder Jungvögel gibt, ist für Schüring nicht selbstverständlich. „Der männliche Uhu kam letztes Jahr ums Leben. Die Balzrufe des Weibchens wurden aber erhört, und es fand einen neuen Partner.“

Herr Schüring, die Zahl des Uhu-Nachwuchses hat sich über die Jahre konstantgesteigert. Vier Jungtiere ist eine stattliche Zahl ...

Es war zunächst nicht klar, wie viele Uhus es sind, weil sie alle sehr dicht zusammenlagen. Aber in der Tat erblickten über der Sakristei der Kirche St. Vincentius in Haselünne vier Uhus das Licht der Welt. Die hohe Anzahl an Jungvögeln spricht für ein gutes Futterangebot und kompetentes Männchen.

Was für ein Zusammenhang besteht zwischen der Kompetenz des Männchens und der Anzahl der Nachkommen?

Ein gutes Futterangebot reicht für viele hungrige Schnäbel und ist so Schrittmacher für die Anzahl der gelegten Eier. Natürlich muss das Männchen auch in der Lage sein, entsprechend viel Beute heranzuschaffen. Bereits in der Balz beginnt es zur Stärkung der Sozialbindung seinem Partner Beute anzubieten. Dieses Nahrungsangebot synchronisiert später die Anzahl der Eier.

Wie lange bleibt der Nachwuchs seiner Kinderstube treu?

Uhus legen meist schon Ende Februar alle zwei bis drei Tage ein Ei. Für das eigentliche Brutgeschäft ist ausschließlich das Weibchen zuständig. Nach 32 bis 35 Tagen erblickt der Nachwuchs das Licht der Welt, dies entsprechend dem Legeabstand, da alle Eier vom ersten Tag an bebrütet werden. So kann der Altersunterschied zwischen Erst- und Letztgeborenem über eine Woche betragen. Die kleinen Eulen werden mit geschlossenen Augen geboren und anschließend etwa zwei Wochen von der Mutter ununterbrochen gewärmt. Nach gut einer Woche öffnen sie erstmals ihre Augen. Je nach Neststandort geht der Nachwuchs im Alter von 3,5 bis acht Wochen auf Wanderschaft. Das ist eine gefährliche Zeit. Von ihren eigenen Flügeln getragen werden sie erst im Alter von acht Wochen. Bis zu einem Alter von fast einem halben Jahr sind sie von ihren Eltern abhängig. Es dauert eben seine Zeit, bis der Nachwuchs die komplexen Ortungs- und Bewegungsabläufe des Beutefluges erfolgreich beherrschen.

Birgt die Stadt als Kinderstube besondere Gefahren?

Die Überlebenswahrscheinlichkeit eines jungen Stadtuhus ist wahrscheinlich größer als die ihrer Verwandten in den Wäldern. Und dennoch ist die Stadtlandschaft für den Nachwuchs eine besondere Herausforderung. Allzu schnell können die unbeholfenen großen Vögel in Situationen gelangen, wo der Kontakt zu den Eltern abreißt. Dies geschah im vergangenen Jahr mehrmals, als eine Jungeule hinter Mülleimern und eine weitere im Kellereingang festsaßen. Ohne Nahrung kann der Nachwuchs nur wenige Tage überleben.

Was ist zu tun, wenn man einen geschwächten Junguhu in misslicher Lage entdeckt?

Im vergangenen Jahr haben Mitglieder der Feuerwehr Haselünne hier erfolgreich schnelle Hilfe geleistet. Die geretteten Vögel gingen nach ihrer Bergung zur Beobachtung für ein paar Tage in die Tierauffangstation des Tierparks Nordhorn. Die Tiere können durch ihren stark ausgeprägten Elterninstinkt selbst Wochen später ohne Probleme wieder vor Ort in die Freiheit entlassen werden. Wer einen hilflosen Uhu findet, sollte sich umgehend an die Feuerwehr Haselünne, Tel. 05961/9569702 oder den Nabu-Obmann für verletzte Wildtiere, Dr. Erhard Nerger, Tel. 05932/3390, wenden.

Die Uhus wurden jetzt gemessen und beringt. Was für einen Hintergrund hatte diese Aktion?

Hans Hasper und Gerard Oonk von der Oehoewerkgroep Nederland (OWN) waren vor Ort und haben mithilfe der Feuerwehr Haselünne den Uhunachwuchs kürzlich in Augenschein genommen und beringt. Die niederländische Uhu-Gruppe bemüht sich seit 2014 um die Erforschung und den Schutz der Uhus in den Niederlanden und des deutschen Grenzgebietes. Etwa 80 Uhu-Reviere im Osnabrücker Land und dem Emsland stehen allein in Deutschland unter ihrer Beobachtung. Viele wissenschaftliche Publikationen basieren auf den akribischen Auswertungen unzähliger Wildkameraaufzeichnungen und Messdaten an Jungvögeln. Das mehrjährige Beringungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Helgoland soll zeigen, inwieweit sich die niederländische Population aus eingewanderten deutschen Vögeln rekrutiert. Der Haselünner Uhunachwuchs zeigte sich den Mitarbeitern kräftig und gesund. Die Relation von Gewicht und Flügelmaßen zeigte, dass es sich in Haselünne wohl um drei weibliche und einen männlichen Vogel handelt. Die Gruppe präsentiert ihre Ausarbeitungen zum Uhu auf ihrer Webseite www.oehoewerkgroep.nl.


Für viele Haselünner gehören die Uhus längst zum Stadtbild. Die Tiere scheinen in der Stadt heimisch geworden zu sein. Ihnen und ihrem Nachwuchs sollte man mit Ruhe begegnen. Die brauchen die Vögel jetzt und gerade auch bei den ersten Erkundungstouren in ein paar Wochen. Sie dürfen dann nicht gescheucht oder gestört werden und sollten auf keinen Fall gestreichelt werden, wenn sie für eine Weile am Boden sind. cw