„Ich war nie ein richtiges Kind“ Gymnasiast vermittelt Besuch Holocaust-Überlebender in Haselünne

Meine Nachrichten

Um das Thema Haselünne Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Haselünne. Ruth Barnett ist Überlebende des Holocaust. In Haselünne erzählte die 83-Jährige ihre Lebensgeschichte.

„Kindertransporte“ war das Stichwort jener Zeit. Mithilfe Erwachsener und von Hilfsorganisationen, aber ohne ihre Eltern reisten 10000 jüdische Jungen und Mädchen 1939 von Deutschland nach Großbritannien aus, um Schutz vor den Nazis zu finden. Eine von ihnen ist die damals vierjährige Ruth Michaelis aus Berlin. Am Mittwoch kam sie auf Einladung des Kreisgymnasiums als Ruth Barnett nach Haselünne, um in der voll besetzten Klosterkirche ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Am Vormittag trug sie sich ins Goldene Buch der Stadt ein.

Geschichte als Theaterstück

Zustande kam der Besuch der 83-jährigen Dame aus England durch die Initiative von Alexander Bryant. Der Schüler des Kreisgymnasiums Haselünne beschäftigt sich in einer Projektarbeit mit dem Thema „ Kindertransporte “. Im Rahmen seiner Recherchen fand er heraus, dass Ruth Barnett ihre Geschichte in einem Theaterstück verarbeitet hat, das gerade ein Amateurtheater aufführt. Er fuhr zu einer der Aufführungen und traf dort Barnett. Der Kontakt vertiefte sich.

Mit vier Jahren die Heimat verlassen

Am Mittwoch saß der Schüler mit der Vortragenden auf dem Podium in der Klosterkirche. Vor allem, um immer wieder als Übersetzer einzuspringen. Die gebürtige Berlinerin hatte mit vier Jahren ihre Heimat verlassen ( wir berichteten) und seitdem nur Englisch gesprochen.

Immer wieder herrschte absolute Stille, wenn Barnett erzählte. Quer durch alle Altersschichten fesselte und faszinierte ihre Geschichte in allen Einzelheiten. Zum Beispiel die Episode, wie ihre leibliche Mutter sie nach Deutschland zurückholt. Ruth war strikt dagegen: „Ich wollte nicht schon wieder meine Heimat, meine vertraute Umgebung und meine Familie verlieren. Das hatte ich doch schon mit vier, und jetzt wieder“.

Tiere gezüchtet

Nach eigenen Angaben zeigte sie sich in dieser Zeit als „schreckliches unmögliches“ Kind. Sie hatte sich von ihren Eltern entfremdet. Sie ließen sie nach England zurückkehren. Eine Zeit lang kam sie zu Pflegeltern auf einen Bauernhof und züchtete Tiere, unter anderem Schweine. „Endlich war ich wieder glücklich. Das hat mir viel Freude gemacht. Wahrscheinlich auch deswegen, weil mir die Tiere die Liebe gegeben haben, die ich von den Menschen nicht bekam.“ Drei Pflegeheime lernte sie in England kennen. Heute sagt sie: „Ich war nie ein richtiges Kind. Ich war immer ein Pflegekind.“ Mit Anfang 20 heiratete sie. Vor Kurzem feierte das Ehepaar Barnett den 60. Hochzeitstag.

Stellvertretend für das Schicksal vieler Familien

Warum sie seit Jahren durch Deutschland reist und den Menschen von den Kindertransporten erzählt, wollte eine Besucherin wissen. Barnett antwortete mit Blick auf die Situation vieler getrennter Flüchtlingsfamilien „Es ist die ganz spezielle Geschichte meiner Familie. Aber sie steht auch stellvertretend für das Schicksal vieler Familien, die heute dasselbe erdulden müssen. 50 Jahre habe ich mein verdrängt, was mir widerfahren ist. Jetzt nutze ich jede freie Minute, um darüber zu erzählen“.

Empfang der Stadt

Bereits am Morgen hatte sie im Rathaus beim Empfang von Bürgermeister Werner Schräer mit Blick auf die weltweite Flüchtlingsbewegung und Familienschicksalen gesagt: „Dem müssen wir mit Information, Empathie und Gemeinschaft entgegenwirken.“ Der bei Empfang und Lesung anwesende Schulleiter des Kreisgymnasiums Haselünne, Norbert Schlee-Schüler, bekräftigte das mit den Worten: „Wir müssen von passiven Unterstützern zu aktiven Umsetzern werden.“

Nach zwei Stunden war die Veranstaltung in der Klosterkirche zu Ende. Viele Gäste kauften am Büchertisch das Buch „Nationalität: Staatenlos: Die Geschichte der Selbstfindung eines Kindertransportkindes“, in dem Barnetts Geschichte verarbeitet ist. Zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung sagte die 83-Jährige zum Schluss: „Ich freue mich, dass ich heute vor allem wieder so vielen junge Menschen erreicht habe.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN