Serie „Mein Job und Ich“ Heilerziehungspflegerin aus Haselünne über ihre Arbeit mit Kindern

Von Konstantin Stumpe

Mit diesen Karten können sich auch Kinder ausdrücken, die es sprachlich (noch) nicht können. Sie ermöglichen den Kindern außerdem einen geordneten Tag. Foto: Konstantin StumpeMit diesen Karten können sich auch Kinder ausdrücken, die es sprachlich (noch) nicht können. Sie ermöglichen den Kindern außerdem einen geordneten Tag. Foto: Konstantin Stumpe

Haselünne. Seit 24 Jahren arbeitet Sabine Myohl in ihrem Beruf als Heilerziehungspflegerin (HEP) im Heilpädagogischen Kindergarten (HPK). Im Interview erzählt die Haselünnerin von ihren Erfahrungen, den Entwicklungen in den vergangenen Jahren und den vielfältigen Facetten ihrer Arbeit mit Kindern und ihren Familien.

Frau Myohl, Sie betreuen im heilpädagogischen Vitus-Kindergarten Kinder mit einer Behinderung oder Entwicklungsverzögerung. Beschreiben Sie doch zunächst ihren Arbeitsplatz!

Wir sind eine teilstationäre Einrichtung für Kinder mit besonderem Förderbedarf zur Erziehung, Förderung, Bildung und Betreuung. Damit ein Kind aufgenommen werden kann, muss eine Entwicklungsverzögerung von mindestens sechs Monaten oder zum Beispiel eine Sinnes-, Körper-, geistige und/oder Mehrfachbehinderung vorliegen. Zu unserer Kindertagesstätte, als eine von drei dezentralen Außenstandorten der Vitus-Kindertagesstätten, gehören der heilpädagogische Kindergarten und der Sprachheilkindergarten. In Kleingruppen betreuen und fördern wir hier im heilpädagogischen Kindergarten Kinder in unterschiedlichen Bereichen. Im Sprachheilkindergarten erhalten Kinder mit Auffälligkeiten in der Sprache eine intensive und individuelle Förderung.

Wieso sind Sie HEP geworden?

Ich bin von Hause aus Diplom-Ingenieurin. 1990 bin ich mit meiner Familie ins Emsland gezogen und hatte wenig Möglichkeiten, in meinem Beruf zu arbeiten. Dann habe ich bei Vitus zwei Praktika gemacht, im Kindergarten und in der Werkstatt, um festzustellen, ob eine pädagogisch-berufliche Ausrichtung mir liegt. Ich wurde damals mit sehr viel Offenheit und Interesse empfangen. Aber auch was Menschen im Arbeitsalltag in der Werkstatt leisten, welche Maschinen sie bedienen können und welchen wichtigen Beitrag sie in unserer Gesellschaft leisten, hat mir damals sehr imponiert. Im Kindergarten fand ich es sehr beeindruckend, wie die Kinder mit den unterschiedlichsten Einschränkungen ganz natürlich mit einander umgehen, zusammen spielen und voneinander lernen. Das Eingehen der Gruppenfachkräfte auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Kindes hat mich damals fasziniert und mich so positiv beeinflusst, dass ich mir eine berufliche Ausbildung vorstellen konnte. Danach habe ich eine Umschulung absolviert und den Beruf ergriffen, den ich noch immer mit viel Spaß und Freude ausübe.

Was macht den Beruf so interessant für Sie?

Es ist ein sehr abwechslungsreicher, verantwortungsvoller und ganz vielschichtiger Beruf. In diesem Beruf muss man gern mit Menschen zusammenarbeiten, soziale Kompetenzen und Fähigkeiten besitzen sowie eine gute Beobachtungsgabe haben. Ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Empathie sind ebenfalls wertvolle Eigenschaften, um diesen Beruf auszuüben. Die Aufgabe eines Heilerziehungspflegers ist es, die Bedürfnisse und Fähigkeiten eines Menschen, hier bei uns sind es ja Kinder, zu erkennen und Möglichkeiten zu schaffen, damit das Kind sich mit all seinen Fähigkeiten entfalten kann. Es ist einfach gut, zu sehen, wie die Kinder sich entwickeln und welche Fortschritte sie erlangen. Das bestätigt mich in meiner Arbeit und gibt mir viel zurück. (Eine Übersicht über die Kitas im Umkreis von Meppen gibt es hier)

Wie sieht ein Tag im HPK aus?

Die Kinder werden wohnortnah zu uns in den Kindergarten gebracht. Wir haben hier in der Kita einen strukturierten, an den Bedürfnissen der Kinder orientierten Tagesablauf, der Sicherheit und Orientierung bietet. Dies ist ganz wichtig für unsere Kinder. Nach der Begrüßung starten wir mit dem Morgenkreis. Dort besprechen wir mit den Kindern den Tagesablauf. Nach dem gemeinsamen Frühstück beginnen wir mit der heilpädagogischen Förderung. Dies kann in Einzelsituationen, in Kleingruppen oder in der gesamten Kita-Gruppe erfolgen. Unsere Kinder werden unter Einbeziehung aller Entwicklungsbereiche, wie zum Beispiel Motorik, Wahrnehmung, Sprache und Kognition betreut und gefördert. Andererseits haben wir feste Förder-und Therapieangebote, die einem bestimmten Wochentag zugeordnet sind, wie zum Beispiel heilpädagogisches Voltigieren, Schwimmen, Psychomotorik, Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie.

Wie kann man sich die verschiedenen Entwicklungsstände der Kinder vorstellen? Können alle Kinder gleichzeitig ein Spiel spielen?

Wir haben hier bei uns ganz unterschiedliches Spiel-und Fördermaterial, welches sich am jeweiligen Entwicklungsstand und Bedürfnis des einzelnen Kindes orientiert. Jedes Kind bekommt so viel Unterstützung wie möglich und so viel Hilfe wie nötig. Die Unterstützung der Kinder zu einer größtmöglichen Selbstständigkeit ist eines unserer Hauptanliegen. Alle Kinder können oft nicht gleichzeitig ein Spiel spielen. Unsere Aufgabe ist es, durch intensives Beobachten, Begleiten und Reflektieren den momentanen Entwicklungsstand zu erfassen und entsprechend das Fördermaterial zu differenzieren. Jedes Kind lernt und spielt in seinem eigenen Tempo und entwickelt sich individuell.

Wie wird der momentane Entwicklungsstand ermittelt?

Der Grundsatz unserer Arbeit ist es bei den Stärken des Kindes als Basis für die weitere Entwicklung anzusetzen. Sechs bis acht Wochen nachdem das Kind zu uns gekommen ist, füllt der jeweilige Bezugserzieher einen Beobachtungsbogen aus, in dem verschiedene Entwicklungsbereiche wie zum Beispiel Wahrnehmung, Kognition oder Spiel-und Lernverhalten beurteilt werden. Danach setzt sich ein Team, bestehend aus heilpädagogischen und psychologischen Fachkräften, in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit mit therapeutischen Fachkräften zusammen und bespricht den momentanen Entwicklungsstand des Kindes, vereinbart weitere Förderziele und initiiert entsprechende Maßnahmen. Die Ergebnisse der Förderung werden kontinuierlich erfasst, dokumentiert und individuell umgesetzt.

Welche Kompetenzen muss denn ein Heilerziehungspfleger besitzen. Besonders viel Geduld oder Einfühlvermögen?

Einfühlungsvermögen und Geduld sind sicher Kompetenzen, die für Menschen, die diesen Beruf ergreifen wollen, wichtig sind. Als Bezugsperson der Kinder ist es maßgebend, ihre Bedürfnisse zu sehen und angemessen darauf zu reagieren. Gerade bei Kindern, die noch wenig Sprache oder andere kommunikative Möglichkeiten haben, ist Einfühlungsvermögen wesentlich. Diese Kompetenzen sind aber auch in Elterngesprächen von Bedeutung.

Sind Sie der Meinung, dass eine Behinderung nicht nur ein Erschwernis, sondern auch eine Bereicherung für die Familie und auch die Gesellschaft sein kann?

Oft verbindet man ja Behinderung mit Mitleid. Aber Menschen mit Beeinträchtigungen beleben und bereichern die Gesellschaft und das Leben aller. Es ergibt sich einfach ein bunteres und vielfältigeres Zusammenleben, von dem alle profitieren. Vitus feiert dieses Jahr 50-jähriges Bestehen, mit dem Motto „Bunte Vielfalt“. Das zeigt es deutlich: Das Leben ist bunter und bereichernder durch das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung.

Für die Familien ist es doch sicher trotzdem schwer, wenn ein Kind mit Behinderung zur Welt kommt?

Ja, das ist sicher nicht einfach. Unsere Aufgabe ist es, die Eltern zu unterstützen und sie in ihrem Erziehungs-, Entscheidungs- und Verarbeitungsprozess zu begleiten. Wir bieten Gespräche über den Entwicklungsstand und Erziehungsfragen an, Elternabende und bei Bedarf Elterntraining und stehen in einem regen Austausch.

Wie geht es für die Kinder nach dem Kindergarten weiter?

Der Besuch unserer Einrichtung erstreckt sich ja ab drei Jahre bis zum Schuleintritt. Die Eltern müssen sich dann für eine weiterführende Schule für ihr Kind entscheiden. Im Rahmen von Inklusion gibt es für Eltern die Wahlmöglichkeit, ihr Kind an der entsprechenden Grundschule einschulen zulassen. Die Jakob-Muth-Schule, anerkannte Tagesbildungsstätte für den Förderbedarf geistige Entwicklung, und die Helen-Keller-Schule, Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, bieten weitere Wahlmöglichkeiten.

Wir stehen Sie denn allgemein zur Inklusion?

Ich finde, Inklusion bedeutet eine große Bereicherung für alle, da alle Kinder auf natürlichem Weg voneinander profitieren. Die Vielfalt der Kinder gemeinsam unter einem Dach ist eine Chance und Bereicherung für die gemeinsame Bildung. So können sich die Kinder mit Beeinträchtigung an den Regelkindern orientieren und beispielsweise ihre motorischen Fähigkeiten beim Spielen auf dem Spielplatz oder bei unserem kooperativen Waldprojekt mit dem St.-Ursula-Kindergarten ausbauen und Hemmungen überwinden. Umgekehrt lernen die Kinder des Regelkindergartens, dass ein Kind beim Spielen ihre Hilfe benötigt und schult auf diese Weise seine sozialen Kompetenzen. Allerdings muss sich Inklusion auch immer an den Bedürfnissen des jeweiligen Kindes orientieren, damit sie sinnvoll ist. Ein Kind mit heilpädagogischem Förderbedarf braucht auch eine auf seine Bedürfnisse individuell abgestimmte Förderung und den geschützten Raum einer kleinen Gruppe.

Sind denn die Kinder in der integrativen Gruppe weniger stark beeinträchtigt, als jene in einer heilpädagogischen?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Grundsätzlich kann jedes Kind beide Einrichtungen besuchen, diese Entscheidung obliegt den Eltern.