Schicksal verfilmt Holocaust-Überlebende Ruth Barnett berichtet in Haselünne

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Haselünne. Ruth Barnett ist gerade mal vier Jahre jung, als kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs alle Grenzen Deutschlands geschlossen werden und Hilfsorganisationen Kindertransporte nach Großbritannien organisieren. Barnett und ihr Bruder sind dabei – und entgehen so dem sicheren Tod.

Was sie damals erlebte und fühlte, darüber spricht sie am 7. März bei einer öffentlichen Veranstaltung ab 19 Uhr in der Klosterkirche Haselünne. Vorher unterhält sie sich mit Schülern des Kreisgymnasiums St. Ursula.

Annähernd 10000 jüdische Mädchen und Jungen im Alter von unter 15 Jahren wurden auf diese Weise aus Deutschland gebracht. 1935 in Berlin als Ruth Michaelis geboren, kam Barnett im Februar 1939 mit ihrem drei Jahre älteren Bruder nach England. Dort verbrachten sie die nächsten zehn Jahre vor allem in verschiedenen Pflegefamilien. Ihr jüdischer Vater entkam nach Schanghai, die nicht-jüdische Mutter musste in Deutschland bleiben. Erst 1949 sah Barnett ihre leiblichen Eltern wieder. Von ihnen hatte sie sich völlig entfremdet.

Über diese Zeit, den Holocaust und unter anderem darüber, was sie antreibt, mit jungen Menschen im ständigen Dialog über diese Zeit zu stehen, spricht die 83-Jährige im Interview mit unserer Redaktion.

Mrs. Barnett, wenn Sie nach Ihrer Nationalität gefragt werden: Welche geben Sie an?

Ich bin britische Staatsbürgerin mit jüdischen und deutschen Wurzeln.

Als Kind hatten Sie ja plötzlich keine mehr ...

Ich wusste nicht, dass ich keine Nationalität hatte. Das wurde mir erst klar, als ich 14 Jahre alt war und keinen Reisepass bekam, um nach Deutschland zu reisen.

Als Vierjährige kamen Sie mit Ihrem Bruder in einem Kindertransport nach Großbritannien. Wie wach sind die Erinnerungen an jenes Jahr 1939?

Durch die Psychoanalyse und das Schreiben meiner Autobiografie für Schulen habe ich an meine ersten vier Lebensjahre in Berlin eine erstaunliche Erinnerung gewonnen. Unsere Mutter, konnte, da sie keine Jüdin war, mit uns in den Zug steigen und uns zu unserer ersten Pflegefamilie bringen. Deshalb kam es mir wie ein Familienbesuch vor. Mir war langweilig, weil es im Zug zu lange dauerte. Ich fand das riesige Boot, das dann auf uns wartete, sehr schockierend und beängstigend. Mein Bruder Martin und ich haben aber keine Erinnerung mehr daran, ob sich unsere Mutter damals von uns verabschiedet hat.

Ihr jüdischer Vater entkam nach Schanghai, ihre nicht-jüdische Mutter blieb in Deutschland. Beide sahen Sie, da schon 14-jährig, erst zehn Jahre später wieder. Wo war das?

Schrecklich! Sie waren totale Fremde. Ich konnte mich nicht mit ihnen identifizieren. Deutschland war das letzte Land auf der Welt, in das ich gehen wollte. Das lag daran, dass die britische Propaganda gegen Deutschland seinerzeit auch bei uns eine Gehirnwäsche auslöste. Wenn meine Eltern gewollt hätten, dass ich nach Amerika komme, wäre ich vielleicht bereit dazu gewesen – Amerika war aufregender mit seinen Cowboys und Indianern (lacht).

Wissen Sie noch, was Sie damals als Erstes zu beiden sagten?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Aber ich bin mir sicher, dass es sehr negativ war. Ich wollte einfach nicht nach Deutschland.

Bis dahin lebten Sie in der Fremde in Heimen und Pflegefamilien. Wie schwierig war es, die nach dem Krieg gegen Ihren Willen zu verlassen, zu Ihren Eltern nach Deutschland gebracht zu werden?

Als ich 14 Jahre war, war England meine Heimat, und ich war nicht bereit, noch einmal weggeschickt zu werden.

Sie waren 28 Jahre lang als Psychotherapeutin tätig. Haben Sie diesen Beruf vielleicht unbewusst auch ergriffen, um einen Teil Ihrer Geschichte besser zu verarbeiten?

Definitiv. Das wurde mir Stück für Stück klar, vor alle auch dank meines Mannes, mit dem ich viel darüber sprach. Die Qualifizierung habe ich 1980 bekommen. Noch heute treffe ich mich mit drei jungen Kollegen bei der Supervision.

Sie sind Überlebende des Holocausts. Gibt es heute etwas Ähnliches wie „gedanklichen Holocaust“ gegen Flüchtlinge?

Wir haben noch nicht aus dem Holocaust gelernt, früh genug einzugreifen, um zu verhindern, dass sich zunehmender Hass bis hin zum Völkermord entwickelt. Wir haben seit 1945 viele Völkermorde zugelassen, und einige sind heute weiter aktiv – in Syrien und Afrika zum Beispiel oder gegen Muslime in Rohingya. Viele Menschen verstehen nicht, dass Flüchtlinge ein bisschen Freundlichkeit und Hilfe brauchen, was ihnen oft verweigert wird.

Nach der Hochzeit Ihres jüdischen Freundes konvertierten Sie zum Judentum. Haben Sie das irgendwann bereut?

Noch nie. Ich habe mich entschieden, mein jüdisches Erbe zurückzugewinnen, und ich bin stolz darauf. In gewissem Maße liegt das daran, dass mich so viele Christen im Stich gelassen haben. Aber ich denke einfach, dass das Judentum die beste Religion für mich ist, genauso wie das Christentum oder der Islam die beste Religion für andere ist, die sie zu ihrem „Recht“ machen.

Sie sind viel unterwegs, um über Ihr Leben zu erzählen, werden jetzt auch nach Haselünne kommen. Was treibt Sie dazu an, vor allem mit Schülern ins Gespräch zu kommen?

Ich lebe mit dem Gedanken an 1,5 Millionen ermordete Kinder, die nicht die Chance hatten, gerettet zu werden. Das ist schrecklich. Auch davon möchte ich den Menschen erzählen.

In Ihrem Buch „Person of No Nationality. A Story of Childhood Loss and Recovery“, das bereits 2010 in England erschien und Anfang 2016 in deutscher Übersetzung aufgelegt wurde, erzählen Sie von Ihrer schwierigen Existenz als heimat- und staatenloses Mädchen in der Fremde. Hatten Sie mit dem Erfolg des Buchs gerechnet?

„Person of No Nationality“ wurde 2010 veröffentlicht. Mein Ziel war, es für nicht -akademische Jugendliche lesbar zu machen, aber es spricht auch Erwachsene an. Ich hatte nicht erwartet, dass es außerhalb der Schulen so gut ankommt. Ich war erstaunt, dass Ursula Krechel meine Schilderungen über unseren Kindertransport in ihrem Buch verwendet hat.

Sie sprechen Ursula Krechel an. Sie hat in ihrem Roman „Landgericht“ Ihre Lebensgeschichte einer großen Leserschaft bekannt gemacht. Was ist das für ein Gefühl?

Von dem Moment an, als ich anfing, Krechels Buch zu lesen, wurde mir klar, dass sie meinem Vater „post mortem literarische Gerechtigkeit“ gegeben hatte. Es sind die Anerkennung und Gerechtigkeit, die er zu Lebzeiten nie erreicht hatte – und ich war entzückt.

Der Roman erzählt den Lebensweg der Familie des jüdischen Richters Richard Kornitzer, Ihres Vaters. Das ZDF verfilmte ihn, strahlte ihn vor ein paar Wochen aus. Wie fanden Sie den Zweiteiler?

Zuerst war es unheimlich und seltsam, Schauspielern in der Rolle meiner Familienmitglieder zuzuschauen, einschließlich mir selbst. Ich stand der Fiktionalisierung der Geschichte sehr kritisch gegenüber, aber allmählich erkannte ich die wichtigen universellen Botschaften, die der Film der Öffentlichkeit bot .

Ruth Barnett ist am 7. März 2018 in Haselünne zu Gast. Sie kommt zunächst in das Kreisgymnasium St. Ursula und spricht vor Schülern. Um 19 Uhr hält sie einen Vortrag für die Öffentlichkeit in der Klosterkirche. Der Eintritt ist frei.

Barnetts Buch „Nationalität: Staatenlos. Die Geschichte der Selbstfindung eines Kindertransportkindes“ ist im Metropol-Verlag erschienen. Es hat 276 Seiten und kostet 19 Euro. ISBN: 978-3-86331-309-8.


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