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Mit Hand und Fuß Internationale Fahrradwerkstatt in Gaste

Von Helge Holz, Helge Holz | 29.06.2016, 14:30 Uhr

Heute wird wieder geschraubt. An Arbeit mangelt es den fleißigen Helfern jedenfalls nicht. Unzählige Fahrräder stehen hier und warten auf neue Aufgaben. Auf dem Hof Thies in Gaste, wird den Fahrrädern ein neues Leben eingehaucht.

Die Drahtesel haben so einiges in ihrem Leben schon mitgemacht und sind vom täglichen Einsatz im Straßenverkehr schon arg gezeichnet. „Es sind halt die Verschleißteile, die in der Regel erneuert werden müssen“, verrät Ludwig Rausing von der „Internationalen Fahrradwerkstatt“, eine Initiative, die vom heimischen Flüchtlingsforum ins Leben gerufen wurde. Gemeinsam mit Wilhelm Schnieders schraubt er heute an den alten Velos herum.

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Mobil sein ist alles

Die Idee zur Werkstatt ist einfach: Flüchtlinge sollen sich auch einmal fernab von Bus und Bahn eine eigene Mobilität aufbauen können. Dementsprechend begeistert gehen sie ebenfalls zur Sache und helfen tatkräftig mit, die Räder wieder fit zu machen. Flicken die Löcher in den Reifen, tauschen mal eine defekte Kette aus, justieren die Gangschaltung – werkeln halt genau so akribisch an den Fahrrädern herum, wie jeder andere Pedalritter es macht. „Technik ist halt international!“, witzelt Wilhelm Schnieders.

Mit Händen und Füßen

Das Sprachgewirr ist natürlich vorhanden, macht aber nichts. Einige setzen bereits ihre ersten deutschen Sprachkenntnisse ein, andere probieren es auf englisch und wenn dann doch einmal alle Stricke reißen, geht es halt mit Händen und Füßen weiter. Am Ende ist der Defekt am Fahrrad behoben und alle sind zufrieden.

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Fahrräder gesucht

Schon ruft der nächste Patient. Obwohl, „es könnten noch ein paar Fahrräder mehr sein, die gespendet werden könnten“, meint Wilhelm Schnieders. Der Bedarf an derlei umweltschützenden Verkehrsmitteln ist schon enorm. Schließlich wollen die Wege zur Behörde, zum Arzt oder zur Sprachschule ja gemeistert werden. Was auch nicht zu verachten ist: Radfahren macht Spaß.

Kaum Radfahrer in Syrien

Sind sie früher auch in Syrien mit dem Rad unterwegs gewesen? „Nein“, tönt es unisono, dazu war das Land im Nahen Osten einfach zu gebirgig. Das Auto war daher deutlich bequemer. Der Begeisterung tut es jedenfalls keinen Abbruch. Mit viel Herzblut sind alle Aktiven bei der Sache. Schließlich sollen die bis dato gespendeten Räder so schnell wie möglich wieder verkehrstüchtig gemacht werden.

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Räder für Frauen und Kinder benörigt

Egal ob deutsch, syrisch oder afghanisch, es gibt Dinge, die sind rund um den Globus überall gleich. Immerhin geht es um die Wahl des richtigen Fahrrads: Hat die Bremse den optimalen Zug? Rollen die Pneus gleichmäßig, ist der Lenker stabil? Klappert auch nichts? Da wird jedes Detail akribisch unter die Lupe genommen, noch kurz an der Klingel gezupft – der Ton passt und zum krönenden Abschluss schwingt sich der frischgebackene Pedaleur auf den Sattel und dreht ein paar Runden. Was für ein Anblick, wenn Drahtesel und Fahrer zusammengefunden haben. Das strahlende Lächeln des neuen, stolzen Besitzers ist einnehmend. Der Renner schlechthin sind natürlich Mountainbikes. „Die gehen weg wie warme Semmeln“, lacht Ludwig Rausing. Frauen- und Kinderräder könnten schon etwas mehr sein“, ergänzt Wilhelm Schnieders. Wer sich von seinem alten Fahrrad trennen möchte oder selbst vor Ort seine Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache stellen will, ist jederzeit herzlich willkommen, sagt Wilhelm Schnieders.

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Möglichkeiten zur Begegnung

Neben gemeinsamen Schrauben biete sich zusätzlich noch genügend Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen – und wenn es halt nicht anders geht, eben mit Händen und Füßen. Spaß macht die technische Arbeit jedenfalls allen.