International besetztes Grabungscamp Keller des alten Kesselhauses am Augustaschacht freigelegt

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Hasbergen. Eine internationale Jugendgruppe hat zwei Wochen lang die Fundamente und Kellerräume eines Wohnhauses freigelegt, das dem früheren „Arbeitserziehungslager Ohrbeck“, dem KZ der Osnabrücker Gestapo, benachbart war. In der Gedenkstätte Augustaschacht stellte sie jetzt eine Vielzahl von Fundstücken, aber auch Erfahrungen des Zusammenlebens und –arbeitens in der multinationalen Gruppe vor.

Zwölf junge Freiwillige aus Russland, der Ukraine, Portugal, Spanien und Deutschland waren auf Vermittlung der gemeinnützigen Organisation Service Civil International (SCI) der Einladung der Gedenkstätte Augustaschacht zu einem sogenannten Workcamp gefolgt. Getreu dem Motto „Taten und Worte“ stehen neben der praktischen Arbeit an einem friedensfördernden Projekt auch die gegenseitige Verständigung, gemeinsames Lernen und gemeinsame Freizeitgestaltung auf dem Programm. Verkehrssprache ist Englisch.

Internationale Völkerverständigung

Natürlich drängt sich die Frage auf, wie denn junge Russen und Ukrainer so miteinander klargekommen sind? „Ich habe mir mit meinem Freund aus der Ukraine das Zimmer geteilt“, berichtet der Russe Daniel Tashchian, „wir haben nicht die geringsten Probleme miteinander.“ In ihrem Zimmer hätten sie ein Poster aufgehängt mit dem Text „Russia and Ukraine – Brothers forever“ („Brüder für alle Zeiten“). Der 20-jährige Ukrainer Vladislav Grinchko bestätigt: „Die große Politik spielt überhaupt keine Rolle, hier an der Basis verstehen wir uns.“ Als Student im Fach Internationale Beziehungen an der Universität Lwiw (Lemberg) weiß er sehr wohl, was momentan auf der Welt los ist. Die Portugiesin Inês Nogueiro hatte anfangs ein anderes Problem: Die Mehrzahl der Teilnehmer konnte sich auf Russisch verständigen und fiel immer wieder in die heimatliche Sprache zurück. „Da habe ich dann mit meinem spanischen Kollegen ganz laut auf Portugiesisch dagegen gehalten, und schon merkten alle, dass es auf Englisch doch am besten geht“.

Erkundung des Kesselhauses

In fachlicher Hinsicht sagten André Schmalkuche und Judith Franzen von der Stadt- und Kreisarchäologie den Camp-Teilnehmern an, was es zu tun gab. Ziel war die weitere Ergründung des Kesselhauses, das einst südlich vor dem Schachtgebäude stand. Die Umrisse des 1876 gebauten Hauses waren schon bei früheren Grabungen freigelegt worden. Nun ging es weiter in die Tiefe, um die Raumaufteilung im Keller dokumentieren zu können. „Wir haben zwar Fotos, aber keine Baupläne des Hauses“, erläutert der Geschäftsführer der Gedenkstätte, Michael Gander, „insofern haben eure Grabungen uns große Schritte weitergebracht. Dafür danke ich euch ganz herzlich.“

Zeugnisse der Vergangenheit

Auf langen Tapeziertischen im Vortragsraum der Gedenkstätte sind die Fundstücke aufgereiht und werden von Stadt- und Kreisarchäologe Axel Friedrichs und seinem Team interpretiert. Spektakulärste Objekte sind ein angerosteter Nachttopf und eine Bettwärmer-Pfanne, die sogar noch Kohlestückchen enthält. Daneben haben die Camp-Teilnehmer „ein wahres Füllhorn“, so Schmalkuche, an Kleinteilen zutage gefördert, von Keramik- und Glasscherben über Uniformknöpfe, Murmeln und ein Tintenfass bis hin zu Bruchstücken einer Meerschaumpfeife, einer ausgequetschten Zahnpastatube und einer 50-Pfennig-Münze mit Prägedatum 1921.

Was bekamen die Nachbarn mit?

Hinterlassenschaften der Lagerinsassen sind das nicht. „Das war aber auch nicht zu erwarten, denn aus der Geschichte des Hauses wissen wir, dass es nicht in das Lager einbezogen war, sondern stets zivil genutzt wurde“, erläutert Schmalkuche. 1921 brauchte man den Dampfkessel nicht mehr, weil der Schachtbetrieb auf Elektromotoren umgestellt wurde. Klöckner baute das Gebäude zu einem Wohnhaus für seine Werksarbeiter um. Bis in die Nachkriegszeit hinein wohnten „ganz normale Familien“ darin. Als in den 1950er-Jahren die ärgste Wohnraumnot überwunden war, ließ Klöckner das Haus abreißen. Die Keller wurden mit Abbruchmaterial verfüllt, das nun diverse Zivilisationsspuren freigab. „Wir fühlen uns auf jeden Fall reich beschenkt“, sagt Gander und kündigt an, dass ausgewählte Gegenstände in die Dauerausstellung einfließen werden. „Die spannende Frage ist weiterhin, was die Familien von den Misshandlungen der Lagerinsassen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft mitbekommen haben und wie sie darauf reagierten“, kündigt Gander weitere Forschungsaufgaben an. Sein Dank geht an die Förderer, die das Workcamp ermöglichten, wie die Gemeinde Hasbergen und die Stadt Georgsmarienhütte, der Landschaftsverband Osnabrücker Land und die Stiftung Deutsches Holocaust-Museum, das Haus Ohrbeck, der DRK-Ortsverein Holzhausen und private Spender.


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