DDR-Geschichte für Hagens Oberschüler Zwischen Aufbegehren und Verzweiflung

Von Werner Barthel

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Hagen. Hin- und hergerissen zwischen Fassungslosigkeit und ungläubigem Staunen, hörten die Schüler aus Hagens Oberschule von seinem Verbrechen: Der Münsteraner Burkhardt Seeberg war nach einem missglückten Versuch, seine Freundin aus der ehemaligen DDR in den Westen zu holen, zu einer hohen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Was Zeitzeuge Seeberg zu berichten hatte, klingt wie ein schlechter Spionageroman. Sechs Jahre lang begnügten sich Seeberg und seine Rostocker Freundin mit einer Fernbeziehung. Dann beschlossen sie 1979, gemeinsam über Budapest auszureisen. Mit gefälschten Pass, bei dem nur das Passfoto echt war, ging bei den scharfen Grenzkontrollen zunächst alles gut. Seeberg: „Bis einem aufmerksamen ungarischen Grenzer auffiel, dass die Farbe des Stempels nicht dem aktuellen Vorschriften entsprach.“ Beide wurden verhaften und dem Bruderstaat DDR übergeben. Das geschah am 16. August 1979.

Im Stasigefängnis Hohen-Schönhausen in Ostberlin, inzwischen zur Gedenkstätte umgewandelt, warteten sie auf ihr Gerichtsverfahren. Seeberg: „Zu diesem Zeitpunkt ahnten weder meine Freundin noch ich, dass wir für die Stasi längst ‚alte Bekannte‘ waren.“ Hatten sie doch während Seebergs Aufenthalten in Rostock einige „liebe“ Freunde“ kennen gelernt, die großes Mitgefühl für ihre Situation zeigten, in Wahrheit aber Stasi Offiziere und Inoffizielle Mitarbeiter dieser Behörde waren. „Ihre eigentliche Aufgabe war Beschatten und Aushorchen.“

Noch in der Nacht ihrer Überstellung nach Ostberlin wurde Seeberg acht Stunden lang verhört. Er ist inzwischen auch im Besitz jenes Dankesschreibens, in dem Mielke, oberster Stasi-Chef, seinen ungarischen Brüdern für die reibungslos gute Zusammenarbeit dankt. Einzelzelle und Einzelhaft waren selbstverständlich die ersten Vollzugsmaßnahmen in dem Gefängnis, dass selbst DDR-Bürgern unbekannt war, da es in einem Sperrgebiet lag, dessen Straßen und Plätze auf keiner Landkarte vermerkt waren.

„Hohen-Schönhausen galt schon damals unter Insidern als Luxusgefängnis“, weiß Seeberg zu berichten, „da es bereits über fließend Wasser und Spülklosett verfügte. Diese Vergünstigung war der Tatsache geschuldet, dass hier ausschließlich politische Gefangene einsaßen.“ Trotzdem waren die Haftbedingungen schier unmenschlich: „Tag und Nacht wurden unsere Zellen alle zehn Minuten kontrolliert, um Selbstmord auszuschließen“, erinnert sich Seeberg, „wir durften nur auf dem Rücken liegen. Die Hände mussten aus der Decke gestreckt liegen, um ein Aufschneiden der Pulsadern rechtzeitig entdecken zu können.“

Nach zehn Wochen Haft sprachen sie erstmalig mit einem Strafverteidiger. Dann wurde ihnen ein besonderes Entgegenkommen eingeräumt: „Einmal im Monat durfte ich meine Freundin sehen“, sagt der heute 65jährige. Ein Vierteljahr später wurde ihnen in Frankfurt/Oder der Prozess gemacht. Republikflucht lautete die Anklage für Seebergs Freundin, Menschenhandel bei ihm. Dann das Urteil: „Meine Freundin wurde zu 26 Monaten Gefängnis verurteilt, mir brummte man zwei Jahre auf.“ Beide wurden ein Jahr später von der Bundesrepublik freigekauft. Ein halbes Jahr später heiraten sie in Seebergs Vaterstadt Münster. Markrabe Randnotiz: Der pflichtgetreue Staatsanwalt aus dem Verfahren ist nach der Wiedervereinigung sogar zum Richter aufgestiegen.

Schon während Seebergs Lichtbildervortrag war zu spüren, das die Schüler aus Hagens Abschlussklassen einen besonderen Draht zu dem Stasi-Gefängnis Hohen-Schönhausen besaßen. Hatten sie doch auf ihrer Klassenfahrt nach Berlin die Gelegenheit genutzt, eben diesem Knast einen ausführlichen geführten Besuch abzustatten. Das wurde auch an den Fragen deutlich, die gestellt wurden. Eine Schülerin wollte zum Beispiel wissen, was das Schlimmste im Gefängnis war. „Das Lese- und Sprechverbot während der ersten Wochen hat mir sehr zu schaffen gemacht“, lautete Seebergs Antwort. „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was man sich in dieser Not alles einfallen lässt. Ich habe zum Beispiel ein Taschentuch zu einem Schachspiel umfunktioniert, und Brotkrümel waren die Figuren.“


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