500 Karten gesammelt Heimatkunde einmal ganz anders: Hasberger sammelt Ansichtskarten

Von Werner Barthel


Hasbergen. Manche sammeln Briefmarken, andere Oldtimer oder auch Kaffeemühlen. Gordian Niehenke aus Hasbergen hat mit all dem wenig am Hut. Er sammelt Ansichtskarten aus seiner Heimatgemeinde und dem Umland.

Gut 500 Ansichtskarten nennt Gordian Niehenke inzwischen sein eigen. Und knapp 150 davon zeigen Motive aus Hasbergen.

„Erwischt hat es mich bei der Auflösung der Gastwirtschaft meiner Tante, die die Gaststätte ‚Kortlücke‘ führte“, erinnert er sich. Auf dem Dachboden stieß er 1995 beim Aufräumen auf das erste Exemplar. Es zeigt eine aus heutiger Sicht ungewöhnliche Ansicht, die gleichzeitig zu einem wertvollen Kapitel Heimatgeschichte zählen dürfte: „Es stellt die Vorderansicht der Gaststätte meiner Tante dar, ist in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgenommen worden und steht als eindrucksvoller Beleg dafür, wie Kneipen in dieser Zeit überlebt haben: Neben Bier und Korn wurden dort nämlich auch bleifreies Benzin und Lebensmittel angeboten.“

Als er diese Karte in den Händen hielt, packte Gordian Niehenke die Sammelleidenschaft. So infiziert, legte er auch gleich die allererste Stromrechnung aus dem Jahr 1919 dazu. Gibt sie doch Auskunft über einen damals hoch begehrten Stromvertrag, der monatlich abgerechnet wurde, sehr teuer war, wie der Beleg beweist, und obendrein – was wichtiger als vieles andere war – das Vorrecht des Anbringens von drei Lampen gewährte.

Aber zurück zu den Ansichtskarten. Inzwischen weiß der Hasberger alles über die Entwicklung dieser Spezies, die in früheren Zeiten neben dem Brief ein wichtiges Kommunikationsmittel war.

Echte Schätze

„Ganz am Anfang behalf man sich mit der Lithographie, darauf folgte die Fotokarte, die man in Eigenarbeit und mit Liebe zum Detail herstellte. Erst viel später wurde die eigentliche Ansichtskarte mit den verschiedensten Motiven darauf entwickelt.“

Seine ersten echten Schätzchen kamen aus der unmittelbaren Umgebung: Sie sind zum Beispiel Schnappschüsse von der Töpferei Niehenke, mit der Inhabern er verwandt ist. Nun gut, mag man denken, es ist ja naheliegend, dass diese Quelle ihm zur Verfügung stand. „Aber dieser Betrieb“, überlegt er, „muss auch im Ausland einen guten Ruf gehabt haben. Denn wie sonst ist zu erklären, dass ich ausgerechnet in Athen auf eine Karte mit dem Konterfei mehrerer Verwandten stieß? Sie saßen rund um die Töpferscheibe und formten Schalen und Vasen.“

Seine liebste unter den Ansichtskarten hat allerdings einen viel weiteren Weg hinter sich. Auch diese ziert die Vorderansicht einer Hasberger Gastwirtschaft, diesmal die der Familie Schierke. Sie stellt den Gruß an einen Hasberger dar, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts Arbeit ausgerechnet in Shanghai gefunden hatte. Freunde aus der Heimat hatten sie ihm geschickt. „Via Sibirien“ prangt unübersehbar groß neben der Briefmarke. Sie hat tatsächlich nach mehrmonatiger Reise den Adressaten erreicht. Denn jener Hasberger in der Ferne hat dieses Kleinod, das für ihn die Verbindung mit der Heimat darstellte, gehegt und gepflegt und natürlich wieder mit in die Heimat gebracht.

Seine älteste Karte stammt aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts. Diese Lithographie ist eine Werbekarte der Amazonen-Werke. Sie preist die „Reinigungs-, Sortier- und Auslesemaschinen“ der Firma Dreyer und stellt somit einen wertvollen Beleg aus der Gründerzeit des Familienunternehmens dar. Inzwischen wissen die Hasberger um das ausgefallene Hobby ihres Mitbürgers und haben ihm nach und nach seltene Exemplare mit Ansichten längst vergangener Zeiten zur Verfügung gestellt.

Alte Zeiten

Auch beim Kultur- und Verkehrsverein, bei dem Niehenke selbstverständlich zu den aktiven Mitgliedern zählt, ist man bemüht, an alte Karten zu kommen. Sind sie doch bei ihm in besten Händen und stellen überdies eine Erinnerung an alte Zeiten dar, die sonst in Vergessenheit geraten könnten. „Haushaltsauflösungen sind auch oft eine willkommene Fundgrube“, zählt er auf, „bei Tauschbörsen und Flohmärkten tauchen immer mal wieder historische Karten auf. Auch bei jedem Auslandsaufenthalt streife ich liebend gern durch Viertel mit alten Andenkengeschäften.“

Auch das Internet offeriert Adressen von Sammlern mit derselben Leidenschaft. „Auf diese Weise habe ich zum Beispiel jemand getroffen, mit dem ich in Bad Essen auf einem Parkplatz Karten getauscht habe.“ Dass sehr alte Postkarten ein hervorragendes Kommunikationsmittel sind, erlebt Gordian Niehenke immer wieder bei Vorträgen zu diesem Thema. Zuletzt bei einem Lichtbildervortrag, den er vor wenigen Tagen im Cafe „Gute Stube“ im Seniorenheim Am Roten Berg hielt.

Als er zum Beispiel eine Karte von der Badeanstalt aus den 30er Jahren zeigte, kam spontan eine Rückmeldung aus dem Publikum: „Ja, dort hatten wir eine schöne Zeit!“ Und ein anderer erinnerte sich unter dem zustimmenden Gemurmel der übrigen: „Der Bademeister war sehr umsichtig und hatte alles im Griff.“ Wehmut kam unter den überwiegend älteren Zuhörern beim Betrachten einer Karte auf, die die Gaststätte Wiehmeyer mit dem angrenzenden Teich abbildet: „Dort waren wir damals auch noch paddeln als Kinder. Heute ist der Teich ja leider fast zugewuchert.“ Auch der alte Bahnhof war allen gegenwärtig: „Vor dem Bahnübergang musste man einen halben Tag warten, bis Hütten- oder Bundesbahn durchwaren.“