Asylbewerber empören sich Flüchtlingsbaracken: „Eine Schande für Hasbergen“

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Hasbergen. „Diese Baracke ist eine Schande für Hasbergen“, sagt der Vorsitzende des Hasberger Familienausschusses Ubbo Weerts (SPD) über das Flüchtlingsheim am Eisenbahnweg. Der neue quietschgelbe Container vermittele zudem den Eindruck: „Hasbergen will die nicht haben.“ Der 25-jährige Flüchtling Bali Ahmed nennt die Baracke einfach nur „unser Gefängnis“.

Der 72-jährige Weerts hat 40 Jahre als Bewährungshelfer gearbeitet und weiß daher aus seiner Berufserfahrung zu berichten: „Die Gefängniszellen in Vechta und Lingen sind besser ausgestattet.“

Schild vor der Baracke: Hier bitte keinen Schutt abladen

Nur wenige Meter vor der mehr als 20 Jahre alten Holzbaracke steht ein Schild: „Hier bitte keinen Schutt abladen.“ Offenbar muss erst ein Schild darauf hinweisen, was vor einem Flüchtlingsheim selbstverständlich sein sollte. Es passt ins Bild. Ahmed lebt bereits seit einem halben Jahr in der dunklen Baracke. Seither habe er sein Geschirr in dem kleinen Waschbecken der Toilette gespült. Da auch die versiffte Spüle in der Gemeinschaftsküche nicht über warmes Wasser verfüge, sei es die einzige Möglichkeit, das Geschirr warm abzuspülen. Er habe mehrere Male mit Vertretern der Gemeinde darüber gesprochen, doch es habe sich nichts getan.

„Weder in meiner Heimat noch in Syrien sieht es so schlimm aus“

Ahmed sagt auf Französisch hingegen, dass er schon gar nicht mehr eine Reaktion auf seine Beschwerden erwartet. Es sei ohnehin sehr schmutzig hier. Er selbst habe die Wände der Toilette weiß streichen müssen. Zu dem Müll, der aus umgestoßenen Plastiktüten quillt und den Boden in der Küche übersät sowie den völlig verdreckten schwarzen Herdplatten sagt er achselzuckend: „Das war sogar schon einmal noch schmutziger. Ich fühle mich hier schon wie einem verrückten Film. Weder in meiner Heimat noch in Syrien, wo die meisten anderen Flüchtlinge herkommen, sieht es so schlimm aus.“

„Als sie die Baracke sah, ist das Mädchen sofort abgehauen“

Ahmed hatte in Hasbergen einmal ein Mädchen kennengelernt. „Als ich aber mit ihr zu mir nach Hause wollte, da ist sie sofort abgehauen - schon als sie unsere Baracke nur von Weitem gesehen hat.“ Auch bei anderen würde er beobachten, wie angewidert sie auf das Flüchtlingsheim am Eisenbahnweg 1a blicken: „Sie bekommen dann einfach Angst.“ Ahmed traue sich gar nicht, seinen Verwandten in der marokkanischen Stadt Tanger Bilder von seiner Unterkunft zu zeigen.

Bali Ahmed nennt es „Gefangenenbett“

Das Bett, was zunächst in seinem Zimmer am Ende des langen dunklen Flures der Unterkunft für etwa zwei Dutzend Bewohner stand, habe er ausgetauscht. Er nennt es „Gefangenenbett“ und meint damit sowohl die Optik als auch den Komfort. Von den rund 350 Euro, die er als Flüchtling monatlich bekommt, habe er sich ein neues gekauft. Auch den Fernseher habe er sich mühsam zusammengespart. Zur „Knast-Atmosphäre“ passe aber auch, „dass wir hier nichts machen können und keine Zukunft haben. Wir sind von morgens bis abends hier und fühlen uns einfach nur mies“, betont er. „Ich will nur noch weg. Am liebsten im Sommer nach Kanada, und dort im Hotel arbeiten.“

. (Weiterlesen: Die fünf größten Irrtümer über Flüchtlinge)

Der Leiter des Hasberger Ordnungsamts, Martin Tillner, kritisiert die Äußerungen Ahmeds: „Das warme Wasser in der Küche müsste fließen. Die vier Boiler in der Küche sind alle funktionstüchtig.“ Beschwerden über Defekte seien ihm nicht bekannt. Es sei auch nicht korrekt, dass Ahmed die Wände der Toilette weiß streichen „musste“.

SPD-Politiker Weerts: „Etwas Hässlicheres gibt es in Hasbergen nicht“

Ahmed beneidet auch nicht die Flüchtlinge, die bald in den rund 50000 Euro teuren quietschgelben Container vis à vis einziehen. Auch dort sind auf geschätzt zwölf Quadratmetern ein doppelstöckiges Bett, ein Kleiderschrank, ein kleiner Tisch und eine Kochnische für jeweils bis zu zwei Personen. Die Fenster sind gen Böschung ausgerichtet. „Der Container steht verkehrt herum“, konstatiert Sozialdemokrat Weerts. „Dieser Container ist die billigste Variante. Etwas Hässlicheres gibt es in Hasbergen nicht. Wir haben doch gute Erfahrungen mit den Mobilbau-Containern am Kindergarten St. Josef. Warum hat man nicht zumindest diese ausgewählt?“ Es fehle auch an einem Aufenthaltsraum und sei viel zu eng.

Von der Willkommenskultur, die Hasbergen sich auf die Fahnen geschrieben habe, sei hier nichts zu spüren. Das sei sehr schade. Das Flüchtlingsforum, das unter anderen mit ihm und Bürgermeister Holger Elixmann sowie den Kirchen vor Kurzem gegründet wurde, zeige, dass die Hilfsbereitschaft in Hasbergen eigentlich sehr groß sei: „Ganz schnell kamen da 20 bis 30 Leute zusammen.“ Der Sportverein Gaste-Hasbergen habe Trikots und Fußbälle gespendet, ein türkischer Mitbürger dolmetsche für die Flüchtlinge aus dem Arabischen, ein Psychologe von der Heilpädagogischen Hilfe biete den größtenteils traumatisierten Syrern seine Hilfe an.

Weerts: „Die sind fast nicht mehr bewohnbar. Das ist sehr kritisch“

„Das passt nicht zusammen mit diesen mehr als 20 Jahre alten Baracken, die erst gemietet und dann auch noch gekauft wurden. Die sind fast nicht mehr bewohnbar. Das ist sehr kritisch.“ Als Beobachter gewinne man da den Eindruck, dass Geld nach dem Motto verteilt werde: „Die sollen froh sein, dass sie ein Dach über dem Kopf haben.“ Die meisten Flüchtlinge kämen aus Syrien und eben nicht aus dem Busch. „Da sind sie anderes gewohnt.“ Weerts ist erbost, wie wenig Geld für Flüchtlinge und wieviel im Vergleich dazu für Schulen und Kindergärten ausgegeben werde.

Ex-Bürgermeister Stiller: „Wir SPDler lassen niemanden hängen“

Den CDU-Fraktionsvorsitzenden Sönke Siegmann verwunderte hingegen, dass diese Kritik aus den Reihen der SPD kommt, da es die Sozialdemokraten gewesen seien, die diese Holzbaracke für die Flüchtlinge kaufen wollten. Siegmann erinnerte an die Gastrede von Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) bei der Verabschiedung des Bürgermeisters Frank Stiller bei der Jahreshauptversammlung der Hasberger SPD im Januar. Stiller gefiel dabei besonders, dass Pistorius die Bedeutung sozialdemokratischer Werte wie Solidarität und Integration für die Bewältigung der Flüchtlingsherausforderung herausgestellt hatte. Damals sagte Stiller nach 18 Jahren als Bürgermeister: „Wir SPDler lassen niemanden hängen“ und verwies darauf, dass in Hasbergen immer darauf geachtet worden sei, Asylbewerber in der Ortsmitte unterzubringen und nicht in Unterkünften am Rand der Gemeinde.

Stiller: „Solche Standorte sind nicht die Art, auf Gäste zuzugehen“

„Solche Standorte sind nicht die Art, auf Gäste zuzugehen“, fügte er im Januar noch hinzu. Von dem desolaten Zustand der Holzbaracke erwähnten Pistorius und Stiller kein Wort. Siegmann betont: „Diese Unterkunft können Sie nicht schön machen, egal, wie sie es machen.“ Er sieht die Lösung der Flüchtlingsproblematik in einer „Mischung aus kommunaler Einrichtung und angemietetem echten Wohnraum“.

Bürgermeister Elixmann: „Alte Holzbaracke ist alles andere als optimal“

Auch Bürgermeister Holger Elixmann schätzt „die alte Holzbaracke alles andere als optimal“ ein. Kurzfristig könnten aber keine neuen Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. „Wir versuchen daher zunächst, schnell über weiche Faktoren wie die neue Flüchtlingsinitiative zu helfen.“ Diese habe zum Beispiel vor Kurzem eine Schüssel auf dem Dach angebracht, damit die Flüchtlinge Fernsehgucken können.“

„Sicherlich Steigerungspotenzial beim Hausmeister“

Außerdem kündigte er an: „Wir werden noch im Frühjahr einen neuen und zusätzlichen Hausmeister einstellen. Da gibt es sicherlich Steigerungspotenzial.“ Elixmann beklagt die mangelhaften jahrzehntealten Strukturen und sieht den Zustand der Baracke als ein Ärgernis. Leider habe er diese Unterbringung so übernehmen müssen. Bereits bei Amtsantritt im vergangenen November habe er aber die Zustände als nicht haltbar wahrgenommen und sofort eine Reinigungsfirma beauftragt, die eine Grundreinigung vorgenommen habe.

Vier neue Flüchtlinge für Hasbergen in diesem Jahr

Neue Flüchtlinge erwartet Hasbergen fast täglich. „Wir haben eine neue Quote von vier Flüchtlingen zugeteilt bekommen“, sagt der Leiter des Ordnungsamts, Martin Tillner. Es bleibt abzuwarten, ob diese vier es im Container am Eisenbahnweg künftig besser haben werden als Bali Ahmed in „seinem Gefängnis“, der Holzbaracke.


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