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Azubis beleben Vergangenheit Hasbergen: Beklemmendes Theaterstück an der Gedenkstätte Augustaschacht

Von Horst Troiza


iza Hasbergen. Barsche Kommandos hallen über das Gelände des Augustaschachts. Uniformierte brüllen eine Gruppe von Menschen in Häftlingskleidung an, malträtieren sie. Sind die Schrecken der Vergangenheit des ehemaligen Arbeitslagers wieder lebendig geworden? Nein, alles nur Theater.

Die Gedenkstätte ist Schauplatz der Premiere des Stücks „Die Narben der Zeit – zwangsläufig gezeichnet“. Entstanden ist es in Zusammenarbeit zwischen den Schülern des Ausbildungsgangs Heilerziehungspfleger des Berufsbildungswerkes Osnabrücker Land (BBW) und der Gedenkstätte. Die Rollen haben die 24 Laiendarsteller mit der Theaterpädagogin Liane Kirchhoff und der Sozialpädagogin Kornelia Böert ausgearbeitet, für die historische Genauigkeit des Stücks waren die Mitarbeiter von Dr. Michael Gander von der Gedenkstätte zuständig.

Am Eingang zum Gelände des Augustaschachts herrscht eine beklemmende Stille. Die 60 Zuschauer werden von einer Kette Uniformierter am Betreten gehindert. Dann mit einem Mal ein bellender Ruf: „Die neuen Häftlinge sind angekommen.“ Die Gruppe geduckt laufender Menschen in gestreiftem Drillich wird geschlagen, angeschrien. Der Anführer der Wachen brüllt Befehle, die in der Stille des Waldes übernatürlich laut erscheinen.

Die Zuschauer bewegen sich mit den Darstellern um das Gebäude herum, werden Zeugen weiterer Misshandlungen beim „Frühsport“, wie es der Kommandant nennt. Nach und nach stellen sich einige der agierenden Personen vor. Da ist der Russe Igor, der einfach von der Straße weg aus seiner Heimat verschleppt wurde. Wäre da nicht Johann Gausmann aus Gellenbeck, hätte er wahrscheinlich schon sein Leben ausgehaucht. Gausmann, einer realen Person nachempfunden, steckt ihm bei der Arbeit im Klöcknerwerk heimlich Brot zu, womit er sich selbst in Gefahr bringt. Dann sind da die Holländer Pina und Joris, der im Verlauf der Handlung sein Leben für die erst 13-Jährige opfert.

Seit Jahren steht beim BBW Theaterspielen fest auf dem Lehrplan. Mal ein Schauspiel, mal eine Revue – die jeweiligen Mittelstufenschüler bieten erstaunliche Leistungen. Auch jetzt hat das Duo Kirchhoff/Böert das Laienensemble hervorragend auf das Thema eingestimmt. Die angehenden Heilerziehungspfleger sind in ihren Rollen glaubwürdig und spielen und sprechen diszipliniert. Das Stück haben sie selbst konzipiert und ausgearbeitet. „Das Interesse an der NS-Zeit war da, weil damals viele Behinderte der Euthanasie zum Opfer gefallen sind, Menschen, denen die Schüler heute ihre Arbeit widmen“, erklärt Schulleiterin Jutta Schlochtermeyer.

Inzwischen hat sich die Handlung in das Innere des Schachtgebäudes verlagert. Eine zarte Liebesgeschichte entwickelt sich zwischen einem Bewacher und einer Russin. Ob sie von Dauer ist, kann niemand wissen. „Diese Zeit wird nie enden“, rufen beide verzweifelt.

In der Schlussszene stehen alle Darsteller Schulter an Schulter. Laut rufen sie Fragen in den Zuschauerraum. „Gibt es heute Zivilcourage? Wer schaut heute weg? Haben wir aus der Vergangenheit gelernt, ist so etwas heute undenkbar?“ Aus dem Publikum wird ihnen mit donnerndem Applaus für ihre Leistung geantwortet.