Grabung an Ohrbecker Gedenkstätte Teile der Stacheldraht-Umzäunung am Augustaschacht entdeckt?

Mit Feingefühl legen Freiwillge aus der Ukraine und Russland historische Zeugnisse des ehemaligen Arbeitserziehungslagers Ohrbeck frei. Foto: Stefan BuchholzMit Feingefühl legen Freiwillge aus der Ukraine und Russland historische Zeugnisse des ehemaligen Arbeitserziehungslagers Ohrbeck frei. Foto: Stefan Buchholz

Hasbergen. Die aktuelle Grabungskampagne am Augustaschacht in Ohrbeck scheint Luftbilder aus dem Zweiten Weltkrieg zu bestätigen. Jugendliche und junge Erwachsene aus Russland und der Ukraine legten möglicherweise Teile der Umzäunung des sogenannten ehemaligen Arbeitserziehungslagers frei.

Irina Buchkova gelang die Entdeckung schon in den ersten Tagen der zweiwöchigen Grabungskampagne. Nachdem sie mit anderen Teilnehmern des siebenköpfigen Workcamps an einem historischen Wegstück eine quadratische Vertiefung ausgehoben hatte, schürfte die junge Russin vorsichtig zwei Eisenteile und etwas Stacheldraht frei.

Ergebnisse der ersten Grabungswoche: Oben ist Stacheldraht zu sehen, der möglicherweise erstmals den Beweis für die Umzäunung des ehemaligen Arbeitserziehungslagers Ohrbeck liefert. Foto: Stefan Buchholz

Erstmals sind damit wohl Teile der ehemaligen Lagerumzäunung ans Tageslicht gekommen. Luftbilder britischer Aufklärer legen nahe, dass das ehemalige Lager unter Ägide der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) eine stacheldrahtbewehrte Abgrenzung zur Außenwelt gehabt haben muss, deutet Michael Gander an, der Geschäftsführer der Gedenkstätte Augustaschacht. Doch noch ist man vorsichtig mit der Interpretation der Fundstücke. Erst ihre genaue Untersuchung kann weitere Gewissheit bringen.

Durch Grabungen der Geschichte näherkommen

Die überraschenden Entdeckungen motivieren zu neuen stichpunktartigen Grabungen. Olha Martyniuk, eine Geschichtsstudentin aus der Ukraine, arbeitet sacht weitere Schichten am mutmaßlichen Eingang des Lagers frei. Dort hoffen die Grabungsteilnehmer, weitere Standorte der Umzäunung zu lokalisieren. „Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges interessiert mich schon länger, aber durch die archäologische Arbeit kommt sie mir nochmal ganz anders näher“, schildert Olha Martyniuk.

Anders als die sechs anderen Grabungsteilnehmer ist die 24-Jährige bereits seit einem Jahr in Deutschland. Nach einer Zeit als Freiwillige in der Gedenkstätte Buchenwald will sie auch noch bleiben: „Ich schreibe ab dem Herbst meine Doktorarbeit an der Universität Regensburg.“

Gruppe aus Ukraine und Russland

Mit den anderen jungen Leuten wohnt die Ukrainerin Martyniuk im DRK-Heim Holzhausen. Dort verpflegen sie sich nicht nur zusammen. Auch über die aktuell konflikthafte Entwicklung im Osten haben sie sich ausgetauscht. „Was dort geschieht, ist ein Konflikt zwischen Staaten und nicht zwischen uns“, fasst Ivan Luzketskii die Gespräche zusammen.

Die Gruppe erweist sich nach der ersten Grabungswoche nicht nur als ungemein talentiert, was die archäologischen Fähigkeiten anlangt. Die jungen Menschen sprechen sich auch untereinander ab, wohin es an den Nachmittagen geht, wenn es um weitere Informationen zum Thema Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland geht. Interessiert zeigten sie sich etwa an einem Besuch des ehemaligen Gestapokellers in Osnabrück sowie am Gedenkort Bunker Valentin in Bremen. Von den Nazis als Produktionsort für U-Boote vorgesehen, wurde der massive Hochbunker ebenfalls von Zwangsarbeitern errichtet.

Wie sind die Fundstücke der aktuellen Grabungskampagne an der Gedenkstätte Augustaschacht zu werten? Darüber sprach Irina Buchkova mit Geschäftsführer Michael Gander (r.). Foto: Stefan Buchholz

Bis Mitte August graben die jungen Leute weiter am vermuteten Wegesystem des ehemaligen Lagers am Fuße des Hüggels. Weitere Grabungskampagnen noch im Sommer und später im Herbst sollen die archäologischen Arbeiten fortsetzen.

Ein wenig mahnt zudem die Zeit, denn im April 2020 soll zur Erinnerung an die Befreiung des Lagers vor 75 Jahren eine Dauerausstellung eröffnen. Da sie auch teilweise im Außengeländes des wuchtigen Schachtgebäudes platziert werden soll, ist es laut Geschäftsführer Gander wichtig, dass bis dahin einigermaßen Sicherheit über den historischen Wegeverlauf da ist. Denn: Um die Dauerausstellung im Außengelände barrierefrei zugänglich zu machen, braucht es neue Wege, die über das ehemalige Lager-Areal führen werden.


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