Keine Karte – keine Behandlung? Arztpraxen in Hasbergen lassen Patientin abblitzen

Grundsätzlich haben Versicherte ihre Krankenkassenkarte beim Arzt vorzulegen. Es gibt aber Ausnahmen. Foto: Maurizio Gambarini/dpaGrundsätzlich haben Versicherte ihre Krankenkassenkarte beim Arzt vorzulegen. Es gibt aber Ausnahmen. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Hasbergen. Schmerzen im Unterleib, Blut im Urin: Mindestens für den Laien klingt das nach einem medizinischen Notfall. Zwei Arztpraxen aus Hasbergen haben eine junge Frau, die unter solchen Symptomen litt, dennoch abgewiesen. Weil sie ihre Krankenkassenkarte nicht dabei hatte.

Eine Leserin, die anonym bleiben will, hat sich an die NOZ gewandt und den Vorfall von Anfang Januar geschildert. Es war vormittags, als ihre 17-jährige Tochter die berufstätige Mutter per WhatsApp über ihre Beschwerden informierte. „Ich war am Rotieren“, erinnert sich die Frau. Sie riet ihrer Tochter, eine nahegelegene gynäkologische Praxis aufzusuchen. Weil die Mutter die Krankenkassenkarte bei sich hatte und sie erst später vorbeibringen konnte, riet sie, vorher anzurufen und nachzufragen, ob das ein Problem darstelle. „Es wurde ihr gesagt: Ja, du darfst kommen“, sagt sie.

Entzündung breitet sich aus

Nachdem das Mädchen sich mit dem Fahrrad zur Praxis gequält hatte, wurde sie dort aber schließlich abgewiesen. Auch bei ihrer Hausärztin hatte sie keinen Erfolg. Eine Sprechstundenhilfe schickte sie nach Hause. „Meine Tochter hat geweint, als sie die Praxis verlassen hat“, so die Mutter. Der mittlerweile alarmierte Freund der 17-Jährigen fuhr sie schließlich in die Notaufnahme des Franziskus-Hospitals Harderberg, wo eine Blasenentzündung festgestellt wurde. Inzwischen hatte die Jugendliche eine Fiebertemperatur von 39,3 Grad. Sie kam an den Tropf. Einige Tage später werden Antibiotika verschrieben, weil sich auch die Niere entzündet hatte.

Was sagen die Ärzte?

Lediglich die Hausärztin habe sich später für das Verhalten entschuldigt, sagt die Mutter. Es habe sich um den Fehler einer gestressten Arzthelferin gehandelt, der bei einem Notfall nicht vorkommen dürfe.

Bei der Gynäkologin kann man sich an den konkreten Fall nicht erinnern, erklärt aber, dass in solchen Fällen ein Abrechnungsschein von der Krankenkasse zugefaxt werden könne: „Das ist kein Problem.“ Auf einem solchen Schein werden Angaben wie Name, Adresse etc. vermerkt: „Wir müssen ja irgendwelche Daten haben, um die Patientin aufnehmen und eine Akte anlegen zu können.“

Wann dürfen Ärzte die Behandlung verweigern?

Nach Angaben von Oliver Christoffers von der Bezirksstelle Osnabrück der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen besteht grundsätzlich eine Verpflichtung für beide Seiten: „Ich als Versicherter habe die Karte vorzulegen, und der Arzt ist verpflichtet, die Identität nachzuprüfen.“ Im Notfall sei zwar zu behandeln, aber „ob ein Notfall vorliegt, hängt von den Umständen des Einzelfalls ab“ – etwa, was dem Arzt an Symptomen geschildert wird, und ob die Behauptung, die Karte werde nachgereicht, glaubwürdig sei.

In einer Vereinbarung zwischen dem Bund der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ist zudem festgehalten, dass ein Arzt „nach Ablauf von zehn Tagen eine Privatvergütung für die Behandlung verlangen (kann), die jedoch zurückzuzahlen ist, wenn dem Arzt bis zum Ende des Quartals eine zum Zeitpunkt der Behandlung gültige elektronische Gesundheitskarte oder ein anderer gültiger Anspruchsnachweis vorgelegt wird“.

Bei einer Notfallbehandlung kann außerdem das erwähnte Ersatzverfahren zur Anwendung kommen, bei dem notwendige Daten vor Ort erhoben werden, wobei „der Versicherte durch seine Unterschrift das Bestehen des Versicherungsschutzes auf dem Abrechnungsschein zu bestätigen“ hat. Ihrer Tochter sei es nicht angeboten worden, sagt die Hasbergenerin – warum auch immer.


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