Rentenausgabe und Biergelage Holzheide in Hasbergen wird in dieser Woche abgerissen

Von Andre Partmann, 10.09.2018, 13:29 Uhr
Sie prägte mehr als ein Jahrhundert das Bild der Gemeinde Hasbergen: Die Holzheide (früher Gasthaus Zur Spitze) wird in dieser Woche abgerissen. Diese Ansichtskarte entstammt der Sammlung des Kultur- und Verkehrsvereins Hasbergen.

Hasbergen. Sie prägte mehr als ein Jahrhundert lang das Ortsbild der Gemeinde: Die ehemalige Traditionsgaststätte "Zur Holzheide" wird in dieser Woche abgerissen. Ein letzter Blick auf ein Hasberger Original, das für viele im Ort mehr war als ein Ort zum Biertrinken.

Moment, da war ja noch was. Udo Meyer rückt seinen Stuhl nach hinten, springt auf und lässt sich für einen kurzen Augenblick entschuldigen. "Irgendwo müssen sie im Haus noch rumfliegen." Nachdenkliches Kopfkratzen. Durchwühlen der Kommode im Wohnzimmer. Dann Erleichterung. "Na also. Hier sind sie." 

In Meyers Händen vier vergilbte Karten. Feldpost aus der Zeit des Nationalsozialismus. Eine der Karten, auf dessen Vorderseite ein Kampfbomber der Wehrmacht zu sehen ist, ist markiert. Kennzeichnungsnummer 15898. Der Absender ist ein gewisser Reinhold Hillebrand, ein Hasberger, der im Zweiten Weltkrieg unter der Flagge der Nationalsozialisten dienen musste. Betreffzeile: Gesangsverein "Liedertafel" Hasbergen. Ein Eingangsstempel ist auf den 26. Oktober 1939 datiert, die Postkarte ist adressiert an die Gaststätte Helmer, die später den Namen "Zur Holzheide" tragen wird. 

Feldpost traf zur Zeit des Zweiten Weltkriegs von Soldaten an der Traditionsgaststätte ein. Foto: André Partmann

Aus jener Hasberger Traditionskneipe hat Udo Meyer die Feldpost vor einem Jahr gerettet. Am 31. Juli 2017 hatte diese zum allerletzten Mal die Türe geöffnet. 21 Jahre lang betrieb Gastwirt Ludger Bavendiek die Kneipe, dann lief der Mietvertrag mit der Gemeinde Hasbergen aus. Die hatte das Gebäude in den Neunzigerjahren gekauft und plant nun, an gleicher Stelle ein modernes Rathaus, die Neue Mitte, zu errichten. Als die Kneipe nach der Schließung ausgeräumt wurde, griff Meyer zu. "Um ein Stück Geschichte zu bewahren", wie er sagt. 

Aus der Liedertafel ist der heutige Hasberger Männerchor hervorgegangen. Udo Meyer ist deren Vorsitzender. Er weiß um den Wert der Postkarten: Die Holzheide, das war gewissermaßen das Zuhause des Männerchores. Seit 1901 hatte der Chor hier seinen Proberaum. 

Auch Eduard Hey singt im Männerchor. An diesem Vormittag ist er Teil der illustren Vierer-Runde, die in Udo Meyers Wohnzimmer zusammengekommen ist, um sich an die schönen alten Zeiten zurückzuerinnern. Ebenfalls dabei: Eduards Zwillingsbruder Wilhelm und Walter Bäumer. "Die Holzheide", sagt Edurard Hey, "die war schon was ganz Besonderes." Ab 20 Uhr hätten sie im kleinen Saal geprobt. Doch schon vorher traf man sich, um Skat zu spielen. In den Chorpausen ein frisch gezapftes Nulldrei. "Wir hatten hier immer sehr viel Spaß zusammen", sagt Hey.

Über 100 Jahre Männerchor Hasbergen in der Gastwirtschaft an der Tecklenburger Straße. Gastwirt Ludger Bavendiek wurde 2015 eine Urkunde verliehen. Foto: Petra Ropers.

Um das alte Gebäude an der Tecklenburger Straße ranken sich viele Geschichten. Schöne, wie der Besuch des Alt-Bundespräsidenten Christian Wulff, Geburtstagsfeiern, Schützenfeste, Karnevalssitzungen und die Fachgespräche über Fußball am Tresen. Aber auch weniger schöne: Geschichten über den zunehmenden Verfall des Gebäudes und Klagen über sinkende Gästezahlen. 

Dass hier einzig Bier und Kaltgetränke über den Tresen wanderten, war längst nicht immer so. "Das älteste Dokument stammt aus dem Jahre 1900", sagt Werner Wessel, zweiter Vorsitzender der Kultur- und Verkehrsvereins Hasbergen. Es handelt sich dabei um eine Karte. Sie belegt, dass das Gebäude seinerzeit auch als Handel für Kolonialwaren genutzt wurde. Der Erstbesitzer des Gebäudes hieß Heinrich Schirmbeck.

Eine Postkarte aus dem Jahre 1900 dokumentiert, dass neben der Gastwirtschaft auch ein Kolonialwarenhandel in den Gebäude an der heutigen Tecklenburger Straße betrieben wurde. Foto: Kultur- und Verkehrsverein Hasbergen

Ab 1910 sind hier auch nachweislich Betonwaren verkauft worden, berichtet Wessel. Mitte der 1920er-Jahre kam der Handel mit Kohlen dazu. Dieser sei aus einem Winkelgebäude heraus von Schirmbecks Nachfolger, Otto Meyer, betrieben worden. Das Winkelgebäude diente dem Kultur- und Verkehrsverein bis zuletzt als Heimstatt.

Das Hauptgebäude wiederum war Anlaufstelle für viele Familien: Aus dem Keller heraus wurde lose Milch verkauft. In Zeiten von Nahrungsknappheit nach dem Ersten Weltkrieg ein lebensnotwendiges Geschäft. Selbst Kinder kamen zu bestimmten Zeiten mit Milchkannen vorbei, um sich und ihre Familien zu versorgen.

Von Otto Meyer ging das Gebäude schließlich in die Hände der Familie Helmer über: Bis zum Zeitpunkt, als Ludger Bavendiek das Lokal übernahm, zierte die Außenfassade über sieben Jahrzehnte der Schriftzug "Gasthaus Zur Spitze Fr. Helmer". Fritz Helmer führte die Gastwirtschaft bis zu seinem Tod gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth. Später übernahmen Sohn Horst und Schwiegertochter Gabi die Führung. "Die Familie Helmer hat das Lokal hervorragend geführt", erinnert sich Hey. Die Offenheit und das herzliche Miteinander, das finde man heute kaum noch in Gastwirtschaften.

Von Otto Meyer ging die Gastwirtschaft in die Hände der Familie Helmer über. Foto: Kultur- und Verkehrsverein Hasbergen

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Gebäude vorübergehend als Poststelle. Doch die vielen positiven Assoziationen mit der Traditionsgaststätte dürften wohl auch mit der Rentenausgabestelle zusammenhängen, die hier errichtet wurde. "Manche Ehefrauen haben da bestimmt andere Erinnerungen", lacht Hey. Er selbst war damals noch ein Kind. Doch dass Männer damals die Rente abholten und im Anschluss in der Kneipe landeten, daran erinnert er sich noch genau.

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