Großes Drama, kleine Opfer Rätselhafter Entführungsfall in Hasbergen

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Einsam wacht ein Hüggelzwerg vor der Öffnung der baulichen Überreste eines Gebäudes am Steinbrink. Ob er die Vorbesitzer je kennenlernen wird? Foto: Elvira PartonEinsam wacht ein Hüggelzwerg vor der Öffnung der baulichen Überreste eines Gebäudes am Steinbrink. Ob er die Vorbesitzer je kennenlernen wird? Foto: Elvira Parton

Hasbergen. Vor einem Jahr verschwand eine komplette Familie spurlos in Hasbergen. Die breite Masse geht von einem rätselhaften Entführungsfall aus – doch die Frage, wer diese zweifelhafte Tat zu verantworten hat, ist bis heute ungeklärt. Was geschah wirklich an diesem ominösen Pfingstwochenende mit den Hüggelzwergen? Eine Spurensuche.

Als Manfred Brönstrup am frühen Morgen des ersten Tages dieses nunmehr fast anderthalb Jahre andauernden Rätsels das Haus verlässt, ahnt er noch nicht, was geschehen ist. Wie sollte er auch? Dass sich nur einen halben Kilometer Luftlinie entfernt einer der wohl zweifelhaftesten Fälle der jüngsten Hasberger Kriminalgeschichte zugetragen hat, klingt zu jenem Zeitpunkt einfach nur absurd. Wer würde in einem Ort, in der jeder Mensch meint, jeden zu kennen, schon im Stande sein, einer Fliege etwas zuleide zu tun? Mit diesem Narrativ ließ es sich hier bislang gut leben.  

Es ist der 5. Juni 2017, Pfingstmontag, und die letzten grauen Überreste eines verregneten Wochenendes verschwinden gerade erst in der Morgenröte. Blitz und Donner sind noch vor wenigen Stunden über die Dächer hinweg gezogen. Die Naturgewalt hat ihre Spuren hinterlassen, wenn auch marginal: ein paar abgeknickte Äste liegen am Straßenrand. Das kommt bei einem Sommergewitter schon mal vor. Gerade hier. 

Das Grundstück der Familie Brönstrup liegt umringt von Wald und Wiesen am Rande Hasbergens. Das Wohnhaus befindet sich an einer schmalen Straße. Maximal Tempo 30 ist hier erlaubt. Verkehr gibt es nur selten. Begegnen sich zwei Autos, wird es eng. Rücksicht ist gefragt, für die Anwohner eine Selbstverständlichkeit. Keine 100 Meter vom Haus entfernt befindet sich eine Kreuzung. Die Querstraße trägt den Namen am Steinbrink. Sie führt direkt zu einem unauffällig gelegenen Wanderparkplatz am Fuße des Hüggels, dem dritthöchsten Höhenzug im Osnabrücker Land.


"Wir kommen täglich her. Dann beten wir für einen guten Tag."Manfred Brönstrup, Anwohner


Manfred Brönstrup, 70 Jahre, kennt den Weg wie seine eigene Westentasche. Es muss 15 Jahre zurückliegen, sagt der Rentner, als er und Frau Helga eine neue Morgenroutine für sich entdeckt haben. Die Brönstrups sind gläubig. Bloß ein Steinwurf vom Wanderparkplatz entfernt steht ein Kruzifix, das von einem Blumenbeet umgeben ist. Auch eine kleine Bank wurde hier aufgestellt. Wanderer kommen gerne her, sie genießen die Ruhe an diesem Ort, schnaufen durch, grübeln über Gott – und die Welt. Auch die Brönstrups. "Mittlerweile kommen meine Frau und ich täglich vorbei", erzählt er. Jeden Tag dreieinhalb Kilometer. Dann beten sie für einen guten Tag.


Das Kruzifix ist nur einen Steinwurf vom Wanderparkplatz am Steinbrink entfernt. Hier kommt Manfred Brönstrup jeden Morgen vorbei. Archivfoto: Michael Pohl


Auf dem Weg zum Kruxifix liegt ein unauffälliges Gebäude. Efeu bedeckt das Gemäuer, großstämmige Bäume werfen Schatten auf die grauen Steine. Das Gebilde ist in die Jahre gekommen, Statiker würden heute vermutlich von einem Fall für die Abrissbirne sprechen. Dass Wohnen hier überhaupt möglich ist, scheint unvorstellbar. Die Familie ist hier dennoch eingezogen. 

Doch schon die Ankunft wurde mit Argusaugen betrachtet: Das Lebensmodell der Neuen wird im bürgerlichen Hasbergen als unkonventionell angesehen. Eine Frau teilt sich die Räume mit sieben kleinwüchsigen Männern – Polygamie auf dem Land. Das geht nicht! 

Aus Kreisen der Nachbarschaft heißt es, die Männer kamen, um das Erbe ihrer Vorfahren fortzuführen. Die Erzählung basiert auf einem lokalen Mythos, den jedes Kind hier kennt. "Dass die Familie dort wohnt, hat manch Anwohner gar nicht mitbekommen", sagt Manfred Brönstrup. Doch an vielen Kindern aus Hasbergen ist die Nachricht nicht spurlos vorbeigezogen. Sie haben die Neulinge sofort in ihr Herz geschlossen, kamen gerne zum Spielen vorbei und verbrachten hier ganze Nachmittage. Selbst die Eltern ließen sich immer öfter zu Besuchen überreden – auch wenn die Gastgeber eher für ihre Introvertiertheit als für ausschweifenden Dialoge bekannt sind. 


"Wir haben lange gerätselt, was denn sein könnte – aber die reden ja nie."Manfred Brönstrup über seine unkonventionellen Nachbarn

Die Brönstrups pflegen eine enge Beziehung zu den bizarren Nachbarn. Dass da etwas zum vollständigen Familienglück fehlte, merkten sie schnell. "Wir haben lange gerätselt, was es sein konnte – aber die reden ja nie", berichtet Brönstrup. Er beschloss, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und stoß durch Zufall bei einer Recherche in einem Archiv einer amerikanischen Filmgesellschaft auf die entscheidende Quelle: Die Familie wurde vor einigen Jahren auseinandergerissen – zwei Familienmitglieder wurden vermisst. Monate später sollten sie wieder zusammenfinden, dank Manfred Brönstrup. Eine kuriose Fügung ging der Reunion voraus: Ein Bekannter hatte den Vermissten vorübergehend eine Heimstatt gewährt und war gegen einen kleinen Obolus schließlich bereit, das Vasallenverhältnis aufzulösen. 

Als Manfred Brönstrup an jenem Pfingstmontag unterwegs ist, beschleicht ihn ein zunehmend mulmiges Gefühl. Es kommt häufiger vor, dass sich Jugendliche im Umkreis des Wanderparkplatzes am Steinbrink verabreden. Brönstrup erinnert sich an ein Gespräch, dass er mit einem der ansässigen Ortspolizisten führte: "Wenn Sie wüssten, was da manchmal los ist, würden sie auf ihren täglichen Spaziergang verzichten", habe der Beamte ihm zugeflüstert. Das Gelände, heißt es weiter, soll einst als Drogenumschlagsplatz gedient haben. Mittlerweile habe die Polizei den Bereich im Griff, sagt sie, Überbleibsel nächtlicher Zusammenkünfte gibt es allerdings nach wie vor.

An diesem Morgen ist etwas anders. Die befreundete Familie kann Brönstrup nicht antreffen. "Es kommt vor, dass sie manchmal im Wald verschwunden sind", sagt Brönstrup. "Im Normalfall tauchen sie aber nach kurzer Zeit wieder auf". Doch dieses Mal ist es anders. Der 4. Juni 2017, der Pfingstsamstag, ist der letzte Tag, an dem es so etwas wie ein Lebenszeichen gab. Die Nachbarn gehen von einer Entführung aus.


"Die Familie war beliebt und gesellschaftlich anerkannt – auch und vor allem für ihre reservierte Art"Katrin Schmidt, Mitarbeiterin Gemeinde Hasbergen


Die Hintergründe der Tat sind bis heute völlig unklar. "Die Familie war beliebt und gesellschaftlich anerkannt – auch und vor allem für ihre reservierte Art", sagt Katrin Schmidt, Mitarbeiterin für familiäre Belange bei der Gemeinde Hasbergen. Schmidt wohnt wie die Brönstrups in der Nähe des Tatorts. Sie ist der Familie ebenfalls häufig begegnet. "Den Spaß, den die Kinder hier hatten, das war schon etwas Besonderes", erzählt sie. Dass die jüngere Generationen diesen womöglich nicht mehr in der Art und Weise erleben werden, stimme die Gemeindemitarbeiterin traurig. 


"Die Erfolgschancen, dass der Fall aufgeklärt wird, liegen bei nahezu null Prozent"Manfred Brönstrup über eine mögliche Anzeige.


In Hasbergen hatten Nachbarn gar nicht erst versucht, den Kriminalfall anzuzeigen. "Wir haben keine Kenntnisse von der Entführung", heißt es seitens der Polizei Hasbergen. Brönstrup erklärt wieso: "Die Erfolgschancen, dass der Fall aufgeklärt wird, liegen bei nahezu null Prozent". Man habe daher von einer Anzeige abgesehen. Dass die Entführungsopfer sich nicht artikulieren können und meist tagelang auf einer Stelle verweilen, mache es für die Ermittler nicht einfacher.


Gartenzwerge vor einem Tunnel am Wanderparkplatz am Steinbrink wurden gestohlen, Katrin Schmidt würde gern neue aufstellen. Foto: Elvira Parton


Weder Brönstrup noch Schmidt oder andere Nachbarn haben etwas von den Tätern gehört. Auch fast anderthalb Jahre nach dem Vorfall liegt kein Bekennerschreiben vor. "Ich gehe auch nicht davon aus, dass da noch etwas kommt", sagt Schmidt. Die Frustration ist ihren Worten angesichts der quälenden Ungewissheit deutlich zu entnehmen.       

Wie geht es nun weiter? Man werde die Hoffnung nicht aufgeben, in einem Hasberger Garten auf die Entführungsopfer zu stoßen. Doch Katrin Schmidt ist auch Realistin: Dass sie die Entführung nicht unbeschadet überstanden haben, werde leider mit jedem weiteren Tag realistischer. 

Die Familie hätte gewollt, dass ihr Erbe vorgesetzt werden, sind sich die Nachbarn sicher. Laut Hörensagen soll es wohl noch weitere Angehörige in Deutschland geben. Die meisten würden wohl Wohnhäuser mit Garten bevorzugen, heißt es. Katrin Schmidt hofft, dass einige dieser Verwandten aufgetrieben werden können. Vielleicht zieht hier schon bald eine neue siebenköpfige Männer-WG ein. Fehlt nur noch das passende Schneewit...pardon, die Frau.  


Zum Aufruf der Gemeinde

Da es den Kindern aber viel Freude bereitet hat, die kleinen Zwerge zu bestaunen und auch mal deren Platz zu tauschen, möchte die Gemeinde mit Jugendlichen neue Zwerge herstellen und sie an dem kleinen Tunnel platzieren.

Dazu benötigt sie Modelle, die sie abformen kann, um aus Beton neue „Hüggelzwerge“ herzustellen. Wer Gartenzwerge übrig hat und diese für den guten Zweck zur Verfügung stellen möchte, meldet sich bitte bei Katrin Schmidt im Kinder- und Familienservicebüro. Je unterschiedlicher die Zwergenschar werde desto größer sei die spätere Freude der Kinder.

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