Ein Mann auf Spurensuche Joachim Pfüller lässt die Heimatgeschichte nicht los

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Die alte Heimat hat Joachim Pfüller nie aus den Augen verloren, auch wenn er seit 1993 in Hasbergen-Gaste lebt. Foto: Andre PartmannDie alte Heimat hat Joachim Pfüller nie aus den Augen verloren, auch wenn er seit 1993 in Hasbergen-Gaste lebt. Foto: Andre Partmann

Hasbergen. Hasbergen. Joachim Pfüller ist 37 Jahre alt, als er der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik den Rücken kehrt.

Der Liebe wegen ist er nach der Wende vom Erzgebirge ins 500 Kilometer entfernte Hasbergen gezogen. Die Erinnerung an seine Heimat ist geblieben – weil er sie sammelte.

Drei große blaue Ordner liegen auf dem Wohnzimmertisch, einer dicker als der andere. Hammer und Zirkel zieren jeweils deren Cover, eingerahmt von einem goldenen Ährenkranz. Am unteren Ende ein schwarz-rot-goldenes Band: das ehemalige Staatswappen der DDR. Einst den in der Ostzone lebenden Nachkriegsdeutschen mit viel Hoffnung angepriesen, heute nur noch ein Mahnmal kommunistischer Unterdrückung und Sinnbild schleichenden Zerfalls. 

Damals frei und faktisch doch im System gefangen: Joachim Pfüller, Jahrgang 1956, aufgewachsen in Jahnsdorf im Erzgebirge. Ein Kind der Ostzone. Heute lebt der bekennende Christ in der Region Osnabrück im Hasberger Ortsteil Gaste. Vor dem Hintergrund, dass Jahnsdorf nur zwei Dörfer neben Gelenau, Hasbergens Partnergemeinde, liegt, eine kuriose Fügung. 

Verantwortlich für sein neues Leben im Westen ist, wie Pfüller sagt, seine Lebenspartnerin. Die hat er nach der Wende über die Kirche kennengelernt. Und für sie hat er sein altes Leben im Osten hinter sich gelassen.

Private Sammlung

Joachim Pfüller ist kein Lautsprecher. Unter den vielen Einfamilienhäusern in Gaste fällt seines kaum auf. Doch einige Besonderheiten gibt es dann doch: Habseligkeiten aus Zeit der DDR etwa, die es in der Form nicht mehr häufig gibt, weil sie aus der Zeit gefallen sind. Für jemanden wie Joachim Pfüller, einen interessierten Heimatforscher, haben sie allerdings einen unschätzbaren Wert. 


Beim Lesen fühlte ich mich in meine Jugend zurückversetzt.Joachim Pfüller


Die Ordner auf dem Wohnzimmertisch sind Teil der privaten Sammlung des Hasbergers. Pfüller sammelt in ihnen Texte des Atlas Verlages. Der hat seinen Sitz im schweizerischen Lausanne und ist bekannt für die Fertigung von kleinen Sammelobjekten. Als der Verlag seinerzeit eine Modellserie über alte Fahrzeuge aus der DDR auf den Markt brachte, wurde Pfüller hellhörig. Als gelernter Landmaschinenschlosser interessierten ihn die Kfz-Modelle, klar. 

Doch noch größer war sein Interesse für die ergänzend zu den Sammelobjekten veröffentlichten Texte über die DDR. "Mir hat sehr gefallen, was ich gelesen habe", sagt Pfüller. Die Publikationen seien authentisch und spiegelten die Realität wider: "Beim Lesen fühlte ich mich in meine Jugend zurückversetzt." 


Als "authentisch und realitätsnah" bewertet Joachim Pfüller die Texte des Atlas Verlages. Foto: André Partmann



Im Nachhinein ist die Betrachtungsweise eine ganz andere, als wenn man in der Geschichte steckt.Joachim Pfüller


Geschichte aufgearbeitet

Der Verlag publizierte die Aufsätze fortlaufend, und Pfüller sammelte sie alle. Texte über die DDR-Mark. Recherchen zu Erich und Margot Honecker. Enthüllungen über die Pulsnitzer Geheimnisse.  Er las sich ein, rekonstruierte Stück für Stück seine Kindheit, verstand die Hintergründe, die für ihn damals nicht greifbar waren. "Im Nachhinein ist die Betrachtungsweise eine ganz andere, als wenn man in der Geschichte steckt", so Pfüller. "Die DDR kann sicher nicht glorifiziert werden, aber es war auch nicht alles schlecht." Die Zahl der Kindergärten beispielsweise. 

Als Joachim Pfüller 18 Jahre alt war und den Waffendienst antreten sollte, verweigerte er. Er könne das nicht mit seinem Gewissen und dem Glauben vereinbaren, sagte er. Später merkte er, dass er seitdem nicht mehr in dem Maße gefördert wurde wie andere in seinem Alter. Antreten musste er den Wehrdienst Jahre später dennoch, nachdem er zwischenzeitlich seine Ausbildung absolviert hatte.

In Hasbergen ist Joachim Pfüller sesshaft geworden. In seiner Freizeit schraubt er an einem seinem alten Trecker, einem TZ 4K-14-C. "Den gab es damals nur in der DDR und im Gebiet der Teschechei zu kaufen", sagt er. 

"Die DDR ist Teil der deutschen Geschichte", führt Pfüller aus. "Es wäre schade, wenn sie im Unterricht nur am Rande behandelt wird." Damit das nicht passiert, will Pfüller Geschichtslehrern künftig anbieten, mit ihnen zu kooperieren. Anschauungsmaterial hat er genug da. Noch wertvoller sind die eigenen Erinnerungen. 

   





   








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