Werkstattgespräch mit Künstlerin „Lieder zur Nacht“ in Hasberger Gedenkstätte

Von Sina-Christin Wilk


Hasbergen. Was bleibt, wenn es dunkel wird? In ihrer aktuellen Ausstellung „Lieder zur Nacht“ geht die Künstlerin Renate Hansen dieser Frage gleich in mehrfacher Weise nach. In den Räumlichkeiten der NS-Gedenkstätte Augustaschacht setzt sie ihre Arbeiten in einen unmittelbaren Kontext, den sich Besucher individuell annähern sollen. Im Werkstattgespräch lud Hansen zum Austausch ein.

„Je länger ich mich hier aufhalte, desto schwerer wird es“, gibt Hansen zu. Sie verweist auf den strahlenden Sonnenschein, der im offensichtlichen Widerspruch zu der belasteten Geschichte des Gebäudes steht. Dennoch bilden die nackten Ziegelmauern der Gedenkstätte den idealen Rahmen für ihre Ausstellung. Die Arbeit mit Licht und Dunkelheit wird hier als ganzheitlicher Ansatz unmittelbar erfahrbar:

Bedrückend wird ein Gefühl von Enge vermittelt, dem man sich kaum entziehen kann. Schmale Räume mit niedrigen Decken, das Licht – die „Lebensessenz“, so Hansen – wird größtenteils geschluckt. „Die Dunkelheit ist mein Trägermaterial“, erzählt die Künstlerin. Im Fokus ihrer Ausstellung: Die Suche nach Orientierung, die Suche nach einem Zeichen der Menschlichkeit in Situationen existenzieller Bedrohung.

Werkstattgespräch mit fruchtbarem Dialog

„Was beschäftigte Menschen, die hier drangsaliert wurden?“, fragt Hansen und nutzt die Gegebenheiten vor Ort. Eine Videoprojektion zeigt zwei Hände, die im Rücklauf ein zerrissenes Blatt Papier zusammensetzen: „Der Wunsch nach Heilung“, verrät Hansen unter vier Augen. Eindrucksvoll sorgen die „Wandnarben“, so Hansen, für zusätzlichen Tiefgang. Nebenan: Ein fensterloser Raum. Durch den schwachen Schein einer Taschenlampe lässt sich ein Bild ausmachen, auf dem gesichtslose Gestalten zusammengepfercht zu sehen sind. Der Titel: Eine bewusste Doppeldeutigkeit – „Ahnen“. Im oberen Stockwerk zeigen Projektionen auf hauchdünne Gaze Radierungen aus Ruß. Immer wieder neue Kombinationen aus simplen Darstellungen von Chaos und Ordnung. Hansen arbeitet mit Kontrasten.

„Kunst ist nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern auch des Bewusstseins“, sagt sie und führt die Besucher ohne Eile durch die Ausstellung. Wichtig sei ihr, den Besuchern Raum zu geben, sich anzunähern oder wahlweise auf Distanz zu bleiben, verriet sie bereits im Vorfeld des Werkstattgesprächs. Die Besucher lassen sich drauf ein. An jeder Station findet ein reger Austausch statt. Persönliche Assoziationen, aber auch Rückfragen an die Künstlerin. Auf besonders großes Interesse stoßen die UV-Installationen im Erdgeschoss: Ein Mobilee aus Augen sowie ein aufwärts strebender Fluss aus „Lichtschwimmern“, wie Hansen ihre Kreation nennt. Ein leichtes Anstupsen an einer Stelle führt zu einer ungeahnten Resonanz an anderer. Hansen, deren künstlerischer Werdegang von Nussbaum und Beuys inspiriert wurde, arbeitet mit Metaebenen: Nichts bleibt unvergessen.