Türkische Geschichtsstunde Hasan Cobanli berührt Gemüter mit Lesung in Hasbergen

Von Andreas Wenk

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Lebt und arbeitet in München: Hasan Cobanli liest aus seinem Buch „Der halbe Mond“ beim Atatürk Bildungs- und Kulturverein ADD Osnabrück in Hasbergen-Gaste. Foto: Andreas WenkLebt und arbeitet in München: Hasan Cobanli liest aus seinem Buch „Der halbe Mond“ beim Atatürk Bildungs- und Kulturverein ADD Osnabrück in Hasbergen-Gaste. Foto: Andreas Wenk

awen Hasbergen . Einfach macht es Hasan Cobanli seinen Zuhörern nicht. Dabei wirkt er souverän und den Menschen zugewandt. Dem Nachfahren eines türkischen Generals und eines preußischen Generalfeldmarschalls ist die „alte Schule“ anzumerken. Aber bei aller Eloquenz: Der Journalist versucht zwar, Gegenpositionen zu verstehen, lässt aber keinen Zweifel an seiner Haltung.

Wer Cobanli bestellt, bekommt Cobanli und muss ihn so nehmen, wie er ist. Einen Vorgeschmack lieferte er seinen Zuhörern im Vereinsheim des Atatürk-Bildungs- und Kulturvereins Osnabrück bereits, bevor er seinen Roman „Der halbe Mond“ vorstellte. Gewisse Dinge seien für ihn nicht verhandelbar. So sei die Veröffentlichung seines Buches in der Türkei unter anderem daran gescheitert, dass der Verlag versucht habe, den Ausdruck „Völkermord an den Armeniern“ zu vermeiden.

Parforceritt durch die türkische Geschichte

Dann folgte ein Parforceritt durch die türkische Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts mit Kampf, Leben und politischem Wirken Mustafa Kemal Atatürks, dem Idol und Namensgeber des Vereins. Dessen Ideale wie Aufklärung, Parlamentarismus, Trennung von Staat und Religion hält der Verein vor allem der wachsenden Zahl von Erdogan-Anhängern in der türkischen Gemeinde hierzulande entgegen.

Cobanli liest aus Passagen seines Romans und beleuchtet das Ende des Ersten Weltkriegs und den nachfolgenden Befreiungskrieg am Bosporus bis hin zu Atatürks Tod. Dabei stützt er sich auf historisch-wissenschaftliche Quellen wie auf Aufzeichnungen seiner Familie. Sein Großvater kämpfte an der Seite Atatürks, dem „Sonderling aus Thessaloniki“. So wie Cobanli ihn beschreibt, schaffte es Atatürk offenbar mit seinem zuweilen nassforschen Auftreten, sich und seinen Zielen bei den deutschen Verbündeten Gehör zu verschaffen, was am Ende zu einem, wenn auch für beide Seiten verlustreichen, Sieg über die britische und französische Flotte geführt hatte. Cobanli lässt die handelnden Figuren sprechen und verbindet die Dialoge durch literarisch zuweilen süffisante Kommentare.

Stärken und Schwächen Atatürks

Vor dem inneren Auge entsteht aus dem Idol Atatürk ein Mensch mit Talenten, Entschlossenheit, Weitsicht und Weisheit, aber auch mit Schwächen. Hinzu kommen sagenumwobene Anekdoten wie die Begegnung mit Zsa Zsa Gabor, die Atatürk als Lebemann zeigen. Aus Sorge, revanchistische Kräfte innerhalb und außerhalb der Türkei könnten solche Informationen zur Gegenpropaganda nutzen, entspinnt sich eine phasenweise kuriose Diskussion. Cobanli sieht sich genötigt, seine kemalistische Grundhaltung zu betonen und bedauert, möglicherweise Gefühle seiner Zuhörer verletzt zu haben. Dennoch attestiert er Atatürk, er habe ein „tolles Männerleben“ geführt und sei keinesfalls ein Heiliger gewesen.

Vollends als Provokation dürften einige Atatürk-Verehrer schließlich seine Aussage empfunden haben, auch Atatürk sei phasenweise durchaus diktatorisch aufgetreten. Dabei habe er die Säkularisierung so vehement vorangetrieben, dass dies Teile der Bevölkerung überfordert und dies womöglich mit dazu beigetragen habe, dass heute „einige Volltrottel Erdogan hinterherlaufen.“


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