Dokumentarfilm „Looking for Emil“ Gedenkstätte in Hasbergen erinnert an Zwangsarbeiter

Von Sina-Christin Wilk


siwi Hasbergen. Wie soll heute an die Zwangsarbeit zu Zeiten des Nationalsozialismus gedacht werden? In der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen widmen sich Historiker seit mehreren Jahren dieser sensiblen Thematik und bereiten Zeitzeugenberichte sowie historische Zeugnisse auf. Der Dokumentarfilm „Szukając Emila – Looking for Emil“ nähert sich diesem Komplex auf nüchterne Weise.

Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit zu Zeiten des Nationalsozialismus bedeutet für viele Menschen zwangsläufig, sich den dunklen Seiten der eigenen Familienbiografie zu stellen. Auch die Regisseurin Angelika Laumer stand vor dieser Herausforderung, als sie während der Recherchen für ihre Diplomarbeit in einem Archiv zufällig auf Dokumente stieß, die den Einsatz von Zwangsarbeitern in den landwirtschaftlichen Betrieben ihres bayerischen Heimatdorfes in der Oberpfalz belegten. Sie spürte diesen Dokumenten nach und drehte einen Dokumentarfilm, der einen polnischen Mann namens Emil in den Mittelpunkt stellt, der Zwangsarbeit auf dem Hof ihrer Großeltern leistete. 2012 feierte der Dokumentarfilm Premiere, der durch die Geschichtswerkstatt Europa, einem Programm der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, gefördert wurde.

Am Sonntag, den 11. Februar, führte die Gedenkstätte Augustaschacht in Kooperation mit der Volkshochschule Osnabrück und dem Kulturgeschichtlichen Museum/Felix-Nussbaum-Haus den Dokumentarfilm „Szukając Emila – Looking for Emil“ der Öffentlichkeit vor. Ein eindrucksvoller Film, der durch seinen Minimalismus Wesentliches auf den Punkt bringt und sich dem sensiblen Thema Erinnerungskultur – Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus – unpathetisch annähert.

Tragisch-komische Verbindung von Erinnerung und Realität

Der 60-minütige Film setzt auf Minimalismus und eine klare Bildsprache. Zu sehen ist vorrangig die idyllische Szenerie eines bayerischen Bergdorfes. Jeder kennt jeden, es wird höflich gegrüßt, die Sonne scheint über satten grünen Wiesen. Völlig wertfrei setzt Laumer auf Authentizität. Denn sie lässt die Aussagen der Interviewten unkommentiert stehen und für sich sprechen. Die Regisseurin befragt sowohl ihre Großmutter als auch Dorfbewohner und die Tochter Emils. Zahlreiche Anekdoten zu den Zwangsarbeitern aus Belgien, Polen und der Ukraine, die auf den Bauernhöfen eingesetzt wurden, dienen als aufschlussreiche Zeitzeugenberichte.

Während Laumer die Interviewten zu ihren Erinnerungen befragt, geht sie in der eigenen Familie konkret auf Konfrontationskurs und legt Akten sowie historische Dokumente aus der damaligen Zeit vor. So beinhaltet eine Akte eine Zeugenaussage Emils mit Bezug auf eine Misshandlung eines weiteren Zwangsarbeiters. Laumers Großmutter reagiert mit ungläubigem Kopfschütteln. In ihren Augen wandelt sich der sonst als ehrlich beschriebene Emil plötzlich zum „verlogenen Drachen“, um nicht am Bild des „anständigen“ Nachbarn zu rütteln. Auch weitere Interviews zeigen, dass die Zeitzeugen auf Verdrängung setzen oder die fatalen Zustände für die damaligen Zwangsarbeiter, die „plötzlich einfach da waren“ und „bei der Gemeinde begutachtet und abgeholt werden konnten“ nicht als solche wahrnahmen. Roman Stożek, ebenfalls polnischer Zwangsarbeiter, berichtet von Umständen, die die Assoziation mit einem Sklavenmarkt nahelegen. Woher diese Menschen kamen, die laut Laumers Großmutter in verlotterter Kleidung in einem Eisenbahnwaggon ankamen, wurde offenbar nie gefragt, denn „es war ja allgemein bekannt, dass man nicht mit denen reden sollte“.

Aufklärung über Hintergründe

Michael Gander, Geschäftsführer der Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht e.V., klärte im Anschluss an die Filmvorführung über Hintergründe auf. Durch Razzien in besetzen Ländern wurden Ersatzarbeitskräfte für die deutschen Männer, die als Soldaten im Einsatz waren, zusammengezogen. Die Lebensumstände der Zwangsarbeiter waren immer vom Wohlwollen der Menschen vor Ort abhängig. Zwangsarbeit sei „angewandter Rassismus“ gewesen. So stand beispielsweise eine Beziehung eines Zwangsarbeiters zu einer deutschen Frau unter Todesstrafe – vollzogen ohne Gerichtsverhandlung. Aktuellen Untersuchungen zufolge hätte es 13,5 Millionen Zwangsarbeiter in der deutschen Landwirtschaft und Industrie gegeben. Darunter fünf bis zehn Prozent Freiwillige, die dem „propagandistischen Versprechen auf gut bezahlte Arbeit“ aufgesessen sind, wie Gander berichtete.

Die Nachwirkung der Dokumentation bei der Regisseurin

Die Regisseurin konnte aus terminlichen Gründen während der Filmvorführung nicht vor Ort sein, nahm sich aber auf Anfrage hin im Vorfeld Zeit für ein Gespräch über die Arbeit an dem Dokumentarfilm. Es habe sie besonders beeindruckt, dass der ehemalige Zwangsarbeiter Roman Stożek der Vergangenheit offen gegenüberstehe und sich für die Veränderungen in dem bayerischen Dorf, in dem er zum Einsatz kam, interessiere. Hingegen mache es sie betroffen, dass das Thema Zwangsarbeit bei den sogenannten Profiteuren offenbar kaum Anlass zur Auseinandersetzung böte. „Ich habe mich auch nach dem Film mit Zwangsarbeit beschäftigt, und die Erkenntnis zum Thema kommt eher in Wellen, denn als einmalige Erkenntnis. Mir war etwa die Grausamkeit gegenüber Säuglingen von Zwangsarbeiterinnen lange nicht bewusst, die ja oft in speziellen Einrichtungen untergebracht und dort häufig so vernachlässigt wurden, bis sie starben. Auch die Erkenntnis, dass Zwangsarbeiterinnen sehr wenig reproduktive Selbstbestimmung hatten, also Abtreibungen oder Sterilisationen erzwungen werden konnten oder mit gynäkologischen Behandlungen auch medizinische Experimente einhergehen konnten, kam bei mir erst nach einiger Zeit.“


Die Regisseurin Angelika Laumer steht bei Rückfragen zu dem Film „Szukając Emila – Looking for Emil“ gerne zur Verfügung. Melden Sie sich hierfür gerne per Mail bei der Gedenkstätte Augustaschacht: info@augustaschacht.de. Der Dokumentarfilm kann auf Anfrage für öffentliche Vorführungen ausgeliehen werden.

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