Kriminologe Christian Pfeiffer Schlossgespräch in Haren: Weniger Gewaltverbrechen in Deutschland

Von Hermann-Josef Mammes


Haren. Glaubt man speziell den vielen Verbrechensbildern der privaten Fernsehsender, dann greift die Kriminalität in Deutschland immer mehr um sich. Tatsächlich ist sie jedoch in den vergangenen 23 Jahren drastisch gesunken.

Diese These konnte Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer in Haren im Rahmen der Veranstaltungsserie „Schlossgespräch“ gleich mit einem ganzen Wust an Zahlen untermauern. Der 72-Jährige ist einer der bekanntesten Verbrechensforscher Deutschlands, war niedersächsischer Justizminister und fast 30 Jahre lang Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens.

Mit einer Zahl überraschte er die Zuhörerschaft gleich zu Beginn seines zweistündigen Vortrages: „1993 gab es in Deutschland 666 Mordopfer. 2015 waren es nur noch 246.“

Die gefühlte Kriminalitätstemperatur in Deutschlands sei leider weit entfernt von der Wirklichkeit.

Pfeiffer, der seit Jahrzehnten mit repräsentativen Umfragen Straftaten empirisch untersucht, räumte auch noch mit einem weiteren Vorurteil auf. Dank exakter Versicherungszahlen lasse sich die Schulgewalt exakt analysieren. Demnach sank die Prozentzahl der Schüler, die an Schulen „Krankenhausreif“ geprügelt wurden in den vergangenen 20 Jahren um 63 Prozent. „Insgesamt sind unsere Schulen so friedlich wie nie zuvor“, sagte er.

Panische Angst

Nicht zuletzt durch die Berichterstattung hätten viele Eltern „panische Angst vor Sexualtätern“. Tatsächlich seien jedoch die Sexualmorde an Kindern enorm zurückgegangen. Gab es in den Jahren 1973 und 1974 noch zusammen 100 solcher brutalen Straftaten, ereigneten sich in den beiden Jahren 2013 und 2014 nur noch zehn deutschlandweit.

In seiner Medienschelte ging Pfeiffer mit einigen Boulevardzeitungen sowie speziell mit den Privatsendern hart ins Gericht. So hätten die Programmacher trotz stark rückläufiger Kriminalität die Berichterstattung wegen der guten Quoten enorm erhöht. Bei SAT 1 nehme sie mit 37 Prozent den Spitzenwert ein. Der Verbrechensforscher verurteilte dabei besonders die „oft brutalen und sehr detaillierten Bilder“.

Tüchtige Polizei

Zugleich ging er auf die Gründe für den Verbrechensrückgang ein. Er führte die „tüchtigste Polizei aller Zeiten“ an. Sie habe sich in Deutschland gerade bei der Terrorgefahrenabwehr einmal mehr bewährt. Ein weiterer Grund sei die hohe Beschäftigtenquote. Die wichtigste Ursache sieht er jedoch in der „Revolution der Kindererziehung“. Viele Eltern beherzigten den Grundsatz „Liebe statt Hiebe“. So habe sich die Zahl der jugendlichen Straftäter am stärksten von allen Altersgruppen reduziert. Pfeiffer geht davon aus, dass heute 66 Prozent der Eltern ihre Kinder gewaltfrei erziehen, 1992 seien es lediglich 26 Prozent gewesen. Durch die Liebe der Eltern werde das Selbstwertgefühl der Kinder enorm gesteigert. Dies spiegele sich auch in dem Umstand wider, dass sich immer mehr Jugendliche sozialgesellschaftlich engagieren.

Der Kriminologe zeigte aber neue gefährliche Entwicklungen auf. So greife die Cyberkriminalität immer mehr um sich. Hier sei die Polizei personell und technisch oft schlecht aufgestellt. Unterschätzt werde gerade die Gefahr der Cyberbedrohung für die Wirtschaft. Die sei eine moderne Form der Schutzgelderpressung.

Polizei machtlos

Relativ machtlos sei die Polizei häufig bei der osteuropäischen Bandenkriminalität und hier besonders der Wohnungseinbrüche. „Nur zwei von 100 Straftätern werden verurteilt“, so Pfeiffer. Auf Anfrage unserer Zeitung ergänzte er, dass auch die grenzüberschreitende Kooperation der Polizei innerhalb der Europäischen Union „sehr schwach“ ausgeprägt sei. Mit Blick auf die Bankautomatenaufbrüche im Emsland sagte er auf Schloss Dankern : „Dass eine Täterverfolgung über die Grenze hinweg so schwierig ist, können wir uns nicht leisten.“