„Abwanderungsgedanken hatten wir nie“ Röchling Haren feiert – der Vorstand im Interview

Der Vorstand von Röchling blickt optimistisch in die Zukunft, v.l. Dr. Joachim Brunswicker, Ludger Bartels und Rüdiger Keinberger. Foto: Tobias BöckermannDer Vorstand von Röchling blickt optimistisch in die Zukunft, v.l. Dr. Joachim Brunswicker, Ludger Bartels und Rüdiger Keinberger. Foto: Tobias Böckermann

Haren. Bei Röchling Engineering Plastics in Haren schlägt das Herz der international tätigen Unternehmensgruppe. Warum das so ist und welch wichtige Rolle Mitarbeiter und Ausbildung spielen, das berichten Ludger Bartels, Vorstandsvorsitzender der Gruppe, Rüdiger Keinberger, Vorstand für den Unternehmensbereich Industrie, und Dr. Joachim Brunswicker, Geschäftsführer Röchling Haren, in einem Interview. Hintergrund ist das Jubiläum eines wichtigen Erzeugnisses: Lignostone, Ausgangsstoff der stehts nach oben gerichteten Firmenentwicklung, wird 100 Jahre alt.

Sehr geehrte Herren, Röchling in Haren kennt so ziemlich jeder im Emsland und darüber hinaus. Aber viele wissen gar nicht genau, was Sie herstellen. Können Sie uns weiterhelfen?

Bartels: Unsere Kunststoffprodukte finden sich in fast allen Lebensbereichen, aber nur selten für den Verbraucher sichtbar. Wir sind an der Produktion von Konsumgütern immer nur mittelbar beteiligt und liefern für technische Anwendungen.

Wo zum Beispiel?

Keinberger: Nehmen Sie die großen Lkw-Auflieger. Dort, wo der Anhänger auf einem Drehteller mit der Zugmaschine verbunden ist, steckt sehr oft ein Kunststoffteil von Röchling. Früher kam hier Metall auf Metall und musste ständig nachgeschmiert werden. Mit unserem Kunststoff ist das nicht mehr nötig. Außerdem gibt es inzwischen Ackerpflüge aus unserem Kunststoff, die keinen Abrieb im Boden hinterlassen und an denen die Erde nicht haftet, in Windkraftanlagen stecken unsere Bauteile ebenso wie in Nahverkehrszügen, deren Außenseiten aus unseren Durostone-Profilen bestehen.

Sie ersetzen mit Ihren Innovationen zunehmend Metall, das zuvor eingesetzt wurde. Welche Vorteile hat das?

Brunswicker: Wir sparen Gewicht und Energie und liefern einen Mehrwert. Der Pflug aus Kunststoff spart 14 Prozent Kraftstoff gegenüber einem Stahlpflug und ist bis zu 300 Kilogramm leichter. Oder unser Gleitwerkstoff LubX benötigt keine Schmierstoffe: Unsere Kunden bauen damit Förderanlagen für die Getränke- oder Lebensmittelindustrie, die dann viel leichter laufen und bis zu 80 Prozent Energie einsparen.

An welchen neuen Trends arbeiten Sie gerade?

Keinberger: Unter anderem an einer Kombination eines weichen und eines harten Kunststoffes, die gemeinsam einen ballistischen Schutz gegen Beschuss oder Ansprengung bieten. Die Projektile werden praktisch von der Wand eingefangen.

Welche Rolle spielt der Standort Haren bei all diesen Entwicklungen?

Bartels: Eine sehr große. Haren ist die Führungsgesellschaft im Unternehmensbereich Industrie, hier schlägt das Herz der Gruppe. Wir beschäftigen am Standort 704 Menschen und investieren pro Jahr 10 bis 12 Millionen Euro, in diesem Jahr werden es 16 Millionen sein. Und der Standort Haren war seit seiner Gründung 1935 immer profitabel.

Spüren Sie denn bereits den vielfach beschworenen Fachkräftemangel?

Bartels: Noch nicht. Wir haben das Glück, dass unsere Mitarbeiter sehr gern bei Röchling arbeiten, sich mit der Region verbunden fühlen und wir kaum Fluktuation verzeichnen. Einige Kollegen sind 50 Jahre im Unternehmen. Aber wir bemühen uns auch aktiv um 15 Auszubildende pro Jahr, die bei uns elf verschiedene Berufe erlernen können. Ihnen bieten wir in der Regel nach der Ausbildung auch einen guten Arbeitsplatz an.

Brunswicker: Ein gutes Beispiel für diese Verbundenheit ist übrigens Ludger Bartels, der als gebürtiger Emsländer hier vor gut 40 Jahren als junger Ingenieur angefangen hat und heute Vorstandsvorsitzender unserer gesamten Gruppe ist.

Was genau unternehmen Sie?

Brunswicker: Wir binden unsere neuen Kollegen stark ein, übergeben ihnen Verantwortung. Zudem kooperieren wir mit der FH in Lingen und weiteren Unis. Außerdem finanzieren wir Stipendien.

Sie arbeiten aktuell auch an einem Projekt für Geflüchtete.

Bartels: Das stimmt. Wir wollen fünf bis sieben Menschen eine Chance geben, die eine Flucht hinter sich haben. Gemeinsam mit der Stadt Haren ist das ein starkes Signal, dass wir denjenigen, die ihre Chance suchen, auch eine bieten wollen.

Wo sehen Sie Herausforderungen für Haren, anders gefragt: Warum produzieren Sie nicht im kostengünstigeren China?

Bartels: Wir sind in der Vergangenheit weltweit stark gewachsen, und der Standort Haren ist dabei ebenfalls immer größer und stärker geworden. Wir sehen die Globalisierung also als Chance, wollen dort produzieren, wo die Märkte sind, und die Technik dafür in Haren entwickeln. Abwanderungsgedanken hatten wir nie.


Die Röchling Engineering Plastics SE & Co. KG in Haren ist heute einer der weltweit führenden Verarbeiter von technischen Kunststoffen. In diesem Jahr feiert das Unternehmen aus Rütenbrock ein 100-jähriges Jubiläum – der Werkstoff Lignostone war 1916 der erste Kunststoff, der von einem Vorläuferunternehmen der Gruppe zum Patent angemeldet wurde.

Die zufällige Entdeckung dieses neuen Werkstoffes bildete damals den Ausgangspunkt für ein Unternehmen, das heute am Standort Haren 710 und weltweit 8400 Mitarbeiter in 22 Ländern beschäftigt. Röchling hat die Geschichte von Lignostone zum Anlass genommen, gemeinsam mit seinen Mitarbeitern und in einem eigenen Buch, aus dem dieser Text zum Teil stammt, zurückzublicken auf die Anfänge der Kunststoffsparte, die damals in Dresden lagen.

Bereits im Frühjahr 1915 arbeiteten die beiden Ingenieure Fritz und Hermann Pfleumer in ihrem Labor in Dresden an der Entwicklung von Transportbehältern aus Schaumgummi. Dafür nutzten sie beheizte Druckbehälter, sogenannten Autoklaven. Durch einen Zufall wurde dabei in einem dieser Behälter Holz komprimiert, und es behielt den zusammengepressten Zustand auch nach Ablassen des Drucks bei. Ein neuer Werkstoff war entstanden, mit Eigenschaften, die zwischen denen von Holz und Metall lagen.

Vom lateinischen Wort „lignum“ für Holz und dem englischen „stone“ für Stein bekam das harte Material den Namen „Lignostone“. Am 17. Mai 1916 wurde das Patent für das „Verfahren zum Verdichten von Holz“ erteilt und zu seiner wirtschaftlichen Verwertung noch im selben Jahr die „Holzveredelung GmbH“ in Berlin gegründet. Dieses Patent kennzeichnet den Ausgangspunkt aller Kunststoffaktivitäten der Röchling-Gruppe.

Unruhen im Krieg

Die Unruhen des Ersten Weltkrieges erschwerten zunächst aber die wirtschaftliche Nutzung von Lignostone. Um zu verhindern, dass nach dem Krieg die Patentrechte an die Alliierten fielen, verlagerte die Holzveredelung GmbH die Produktion in das niederländische Ter Apel, also ins neutrale Ausland. Hier hatte man die stillgelegte Fabrik „AGO“ gefunden, in der zuvor Lebensmittel durch Trocknen konserviert worden waren. Der Name AGO stammte von den niederländischen Bezeichnungen „Aardappelen, Groenten und Ooft“ für Kartoffeln, Gemüse und Obst.

Der saarländische Unternehmer Hermann Röchling wurde 1919 auf Lignostone aufmerksam. Er leitete damals die „Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke“ in Völklingen. Aufgrund der ungewissen wirtschaftlichen Situation nach dem Krieg wollte Röchling sich breiter aufstellen und übernahm 1920 die Holzveredelung GmbH mit dem Patent für Lignostone.

Röchling investierte in die Entwicklung des Herstellungsverfahrens und die Qualität. 1922 gründete er die „Edelhölzerverarbeitungsfabrik GmbH“ auf dem Schützenhof in Meppen. 1924 fiel sie einem Brand zum Opfer. Statt eines Wiederaufbaus widmete man sich der Neuorganisation der AGO.

Als die Einfuhr ausländischer Erzeugnisse in das Deutsche Reich durch hohe Zölle erschwert wurde, errichtete Röchling 1935 eine Produktionsstätte im heutigen Haren-Altenberge.

0 Kommentare