Der Krieg holt ihn immer wieder ein 30-jähriger Harener Soldat vier Monate in Afghanistan

Von Ann-Christin Fischer


Haren. Alltag für deutsche Soldaten im nordafghanischen Kundus: Explosionen, tödliche Gefechte, Angst. Zu Hause versucht ein Harener, die schrecklichen Erlebnisse zu bewältigen.

Aus dem Augenwinkel sieht Alexander (30, Name von der Redaktion geändert), wie plötzlich die dunkle Tür in seiner Bude aufspringt – Schüsse. Zwei Mal kracht sie gegen das kleine Regal an der Wand. Direkt hat er den Finger am Abzug seiner Waffe. Aber die Patronen der Angreifer explodieren nicht. Es ist niemand mehr zu sehen.

Was wirkt wie eine Szene aus dem Ballerspiel am Computer, war für den 30-Jährigen Realität. Der Ex-Soldat war vier Jahre bei der Bundeswehr und davon vier Monate im afghanischen Kundus stationiert. Jetzt sitzt er mit seiner Freundin auf dem Sofa ihrer gemeinsamen emsländischen Wohnung. Er hält sich für einen ganz gewöhnlichen Mann, der aus Haren kommt. Er hat einen bürgerlichen Job, liebt Motorrad fahren, spielt Fußball und feiert gerne mit Freunden. Man sieht, dass er früher viel Hip-Hop gehört hat: Baggy-Hose, langer Kapuzenpulli, weites Shirt und kurze blonde Haare.

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Doch Alexander ist nicht mehr derselbe. Er hat Dinge gesehen, die viele Menschen sich nicht einmal im Fernsehen anschauen können. Bis zum November 2007 mussten er und seine Kameraden um ihr Leben fürchten. Jetzt, acht Jahre später, berichtet er das erste Mal über seine schrecklichen Erlebnisse.

„Wir wurden mindestens ein Mal in der Woche beschossen. Ich wusste, dass ich jederzeit sterben kann. Ich sah Selbstmordattentäter, die Bomben in die Luft sprengten – oder Kinder, die von ihren Eltern vor gepanzerte Dingos geworfen wurden, damit sie später sagen konnten: Die Bundeswehr tötete mein Kind! Das gibt Geld.“

Seit Beginn des Krieges 2001 sind über 50 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. Von 2004 bis 2009 starben allein 25000 Soldaten, Zivilisten und Taliban. Die Bürger kennen nichts anderes als Krieg, Unheil und Tod.

Auch Alexander hat viele Tote gesehen. Er erzählt von einem weißen Toyota Corolla, der mit 200 Kilogramm Sprengstoff beladen sein soll. Zwei Monate lang hält sich dieses Gerücht. Niemand wusste ob der deutsche Geheimdienst nicht aus einer korrupten Quelle diese Informationen erhielt. Alexanders Zug sollte vorsichtig sein und Ausschau halten, „aber da fahren nur solche scheiß weißen Dinger rum“.

Er bewachte gerade die Landebahn, als vom östlichen Checkpoint eine Detonationswelle herüberrollte. „Ich hörte nur einen lauten und dumpfen Knall, meldete den Vorfall direkt per Funk.“ Ein paar Hundert Meter Richtung Osten waren 200 Kilogramm Sprengstoff in die Luft gegangen. Der Selbstmordattentäter war tot. Alexander glaubte, dass das, was da auf der Straße lag, zu einem Mann gehörte.

Zu viel zu verarbeiten

Zurück in Deutschland merke er erst Wochen später, wie belastend der Einsatz und die Bilder wirklich waren. Nachts wacht er manchmal auf und schreit: „Versteck dich, sie kommen!“ Schlimm war die Silvesternacht 2007/2008. „Da dachte man schon, hier passiert gleich was. Da hinten haben wir jeden Tag Schüsse gehört“, sagt er, den Blick aus dem Fenster gerichtet. Am Anfang mied er große Menschenmassen. Warum, kann er selbst nicht erklären. „Das war irgendwie komisch und ich fühlte mich nicht wohl.“

Seine Freundin neigt den Kopf, das alles hat sie noch nie so gehört. Alexander schaut zu ihr herüber und sagt. „Aber eigentlich war es trotzdem ganz schön!“ Schön? Schmutz, Dreck, Leichenteile, staubige Hitzewellen und Splitter sind schön?

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Nein, die nicht, aber die Kameradschaft und die Landschaft. Die drei Jungs, mit denen er Seite an Seite kämpfte, kennt er schon lange. Mit einem ist er von Anfang an bei der Bundeswehr zusammen, noch heute telefonieren die beiden. Sie vertrauen sich, und jeder hatte damals fünf Magazine, eine P8, dazu weitere zwei Magazine und ein MG dabei. „Aber selbst das hätte uns nicht retten können, wenn sie uns direkt beschossen hätten.“ Er sei zu blauäugig an die Sache herangegangen, vielleicht. Aber vielleicht, war das auch sein Glück – sagt er jetzt.

„Manchmal denke ich noch an die Zeit. Es war eine wertvolle Erfahrung, aber ich würde nie wieder nach Afghanistan gehen!“

Bevor er im Krieg war, hat der Harener oft das kriegerische Videospiel „Call of Duty“ im Emsland gespielt. Das kann er jetzt nicht mehr, er hat einfach zu viel erlebt in Afghanistan. Zu viel ist noch zu verarbeiten.