Extrameilen mit der Tour d‘ Europe Meppener radelt von Valencia bis ins Emsland


Meppen. Was tun, wenn sich das Auslandsstudium in Valencia dem Ende nähert? Die Rückreise planen. Der Meppener Philipp Geers hat genau das getan. Aber statt sich ins Auto oder in den Zug zu setzen, hat er mit zwei Freunden den 2000 Kilometer langen Heimweg mit dem Fahrrad abgetreten.

Von Tobias Ahrens und Viktoria Bolmer

Diese Geschichte beginnt, wie viele dieser Art, mit einer Schnapsidee. Im August 2014 zog es den Meppener Philipp Geers an die spanische Mittelmeerküste. Für den Studenten der Energietechnik standen zwei Semester an der Universitat de Valencia an. Die Sprache beherrschte der 22-Jährige schon – bereits nach dem Abitur verbrachte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in Chile. In Valencia lernte Geers zwischen Paella, Tapas und malzigem Cebada nicht nur die spanische Kultur, sondern auch neue Freunde kennen.

„Wir saßen zu dritt in einer Bar und überlegten wie wir unser Auslandsjahr krönen könnten“, erinnert er sich. Ein Roadtrip. 2150 Kilometer nach Deutschland. Auf dem Fahrrad. Völlig verrückt? „Schon. Aber selbst nüchtern, am nächsten Morgen, waren wir von der Idee noch begeistert“, lacht Geers, „und dann haben wir halt langsam angefangen zu planen.“ Der Startschuss für eine Tour durch Europa war gefallen.

Viel Planung nötig

Am 2. Juli drehten sich die drei Studenten ein letztes Mal um und winkten Valencia zu. Fünf Wochen sollten vor ihnen liegen. „Man hätte das bestimmt auch schneller schaffen können, aber wir wollten uns nicht stressen“, sagt Geers. Je fünf Tage rechnete die Gruppe ein, um das nächste Etappenziel zu erreichen und einen Zwischenstopp. Europäische Großstädte sehen, versteckte Orte entdecken und sich Zeit nehmen. Der Weg ist das Ziel.

Und dafür hatte es gehörig Planung bedurft. Welches Rad ist geeignet für eine solche Aufgabe? „Ein Mountainbike wäre zu schwer gewesen“, weiß Geers. Dann eben ein gutes Trekkingrad. Flexibel und viel leichter. „Aber zu teuer.“ Also entschied sich die deutsche Reisegruppe für drei leichte Rennräder, die in Valencia noch günstiger angeboten werden als sonntagmorgens im Berliner Mauerpark. Auf in den nächsten Fahrradladen und losbasteln. Gepäckträger auf beiden Seiten, vorne und hinten, dickere Reifenmäntel und jedes Rad reisetauglich machen. „Da kam einiges zusammen“, staunte auch der Meppener über die Kosten von Zelt, Fahrradtaschen, Klickpedalen und Co. Immerhin: Ein Fahrradtrikot, -hose und Helm sponserte das Meppener Fahrradgeschäft Janknecht.

Spanien beliebtes Ziel

Etwa 5000 deutsche Studenten zieht es pro Jahr auf die iberische Halbinsel. Spanien ist damit das beliebteste Zielland für Studierenden aus Deutschland. Ein Auswahlkriterium sind dabei sicherlich die sommerlichen Temperaturen, für Geers hat aber auch der etwas andere Lehrbetrieb seine Vorzüge. „Während ich in Deutschland an der Uni viel Theorie mache und in Vorlesungen mit 700 Leuten sitze, gab es in Valencia Kurse mit höchsten 50 Leuten“, erzählt der 22-Jährige. Er habe dadurch mehr gelernt, auch durch die vielen praktischen Anwendungen. Wenn Geers an die zehn Monate in Valencia zurückdenkt, ist ihm ein Erlebnis besonders im Gedächtnis geblieben. In einem Sprachkurs im vergangenen Sommer lernte er zwei Franzosen kennen, die ebenfalls für das Studium nach Spanien gereist waren. Mit einem alten Segelboot. Sie luden Geers ein, im Oktober mit ihnen nach Ibiza zu segeln. Fünf Tage waren die zwei Franzosen, Geers und eine Freundin aus Holland unterwegs. „Es war aber nicht so, wie man sich das vorstellt: Entspannt auf dem Deck in der Sonne liegen, sondern ziemlich anstrengend“, lacht Geers. Mehr als drei Stunden Schlaf waren nicht drin. Immer musste jemand wach sein. Problematisch wurde es, als der Motor auf der Hinfahrt aussetzte - der Wind wehte in die falsche Richtung. 27 Stunden benötigten die vier deshalb, bis sie in einer kleinen Bucht an der spanischen Insel anlegen konnten. „Die Anstrengung hat sich aber tausendfach gelohnt“, sagt Geers. Nachts über das Mittelmeer segeln, am Tag Delphine beobachten – „Das war wirklich mein bestes Erlebnis in den zehn Monaten“, erzählt der 22-Jährige.

Das Land , das zwar bekannt für seine Kultur, seine Temperaturen und sein Temperament ist, machte in den vergangenen Jahren hauptsächlich wegen der Finanzkrise und einer Jugendarbeitslosigkeit von 55,5 Prozent auf sich aufmerksam. Auf Geers wirkten die Spanier aber sehr glücklich, trotz Krise. „Ich denke, da macht ein großer Teil das Wetter aus. Das habe ich auch bei mir selbst bemerkt.“ Geers hat die Spanier als kontaktfreudige, herzliche und interessierte Menschen erlebt. Und als gemütliche Zeitgenossen. Brot kaufen dauert schon mal eine halbe Stunde, obwohl an der Supermarktkasse nur zwei Leute stehen.

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Die meisten deutschen Studenten in Spanien kommen mit dem Flieger, nehmen Erfahrungen für Leben und Lebenslauf mit und landen wenige Monate später auf einem deutschen Flughafen. Die Elite einer Generation, die von Experten den Beinamen „Y“ aufgedrückt bekam und für ihre Willenlosigkeit und den fehlenden Biss kritisiert wird. Die Extrameile will angeblich niemand mehr gehen.

Umgerechnet 1335 Meilen radelte zeitgleich die dreiköpfige Reisegruppe. Nicht immer unfallfrei. Dreimal rissen an Geers hinterem Rennrad die Speichen. Das Gewicht auf den Gepäckträgern war zu schwer, das Rad konnte nach den Reparaturen nicht fachgemäß zentriert werden. „Wirklich ärgerlich wird es, wenn so etwas zwischen zwei Ortschaften passiert. Dann heißt es schieben“, erklärt der ehemalige Schüler des Windhorst-Gymnasiums.

Blick auf die Profis

Neun Kilometer lag der nächste Ort entfernt, der keinen Fahrradladen beherbergte. Also ging es weitere 30 Kilometer mit dem Zug weiter, ehe Geers Speiche geflickt werden konnte. Seinem Kollegen Niklas Schwertner, Wirtschaftsingenieursstudent aus Braunschweig, brach die Hinterradnarbe. „Das musste komplett ersetzt werden. Wir haben das alte Rad dann mit unnützem Gepäck nach Deutschland vorgeschickt“, erklärt Geers.

Doch von der Reise bleibt mehr als die Erinnerung an Schweiß, Rost und Narbenbrüchen. Freunde in Barcelona wurden für zwei Tage und Nächte besucht, in Montpellier aßen die drei Studenten Baguette, ehe es mit etwas Zeitdruck nach Valence ging. „Dort wollten wir unbedingt noch die Profis sehen.“ Denn wie es der Zufall wollte, endete an diesem Tag die 15. Etappe der Tour de France vor den Augen der drei Studenten. Deutlich schneller waren die 198 Radsportler unterwegs, aber auch mit weniger Gepäck und ohne eigenes Flickzeug. Der Schnellste an diesem Tag: ausgerechnet ein Deutscher. André Greipel riss als Etappensieger die Fäuste nach oben – er hatte an diesem Tag wohl weniger Augen für die Landschaft.

Über Lyon, Dijon und Metz führte die Route weiter nach Köln. Nach 27 Tagen hoben die drei am Dom für Fotos ihre Räder in die Luft. Während Schwertner in Köln sein Familienhaus erreichte, hieß es für Geers und den dritten im Bunde, Philipp Schulte, zwei Tage und ein feucht-fröhliches Wiedersehen mit Freunden später: wieder auf die Räder, weiter Richtung Münster, dann Richtung Meppen. Am 31. Juli nahmen Freunde und Familie Geers zu Hause in Empfang. Vier Tage früher als geplant. „Am 5. August, das hatte ich mir vorgenommen, wollte ich spätestens wieder daheim sein“, sagt Geers. Denn er schreibt im September noch einige Klausuren in Aachen – „und die will ich ordentlich bestehen.“ Der Bachelorabschluss ist schon in greifbarer Nähe, auch wenn für diese Reise keine Credit Points angerechnet werden. Der Weg war das Ziel.

Wer mehr Eindrücke haben möchte, findet bei Facebook und Instagram Fotos und Berichte der Drei unter „La vuelta en bici“