Eindrückliche Enttabuisierung Theater-AG des Gymnasiums Haren zeigt „Heiligeisdorf“


Haren. Unter der bewährten Leitung von Katrin Kleesiek-Herding haben die 22 engagierten Akteure der Theater-AG des Gymnasiums Haren den Spannungsbogen von Gewalt und Zerbrechlichkeit unter die Haut gehen lassen. Sie zeigten das Stück „Heiligeisdorf“ von Karlheinz Frankl.

Undurchdringbar wirkt ein grün phosphoreszierender, menschlicher Wald als Irrgarten nicht zugelassener Gefühle. Hier sucht eine junge Frau den Weg zu dem Dorf, aus dem sie das letzte Lebenszeichen ihres Bruders erhalten hat. Ihr gab Irina Fut überzeugend Gestalt: stark und zerbrechlich, aber vor allem unbeirrbar.

Blitzlichtartig blenden Alltagsszenen auf. Da versuchen Kinder, handgreiflich zu begreifen, ob Gewalt schmerzhaft ist; Tier- und Menschenquälerei werden zum Experiment. Dagegen werden die Hühner mit Brahms’ Wiegenlied zur Ruhe gebracht. Im Wirtshaus kommen die Familien des Dorfes zwar zusammen, Trinken und Flirten lassen Normalität anklingen, aber niemand verweilt.

Bayrisch anmutende Folklore-Begleitmusik grenzt ab von der sonst das Stück begleitenden düsteren Musik der Bassgeigen, pointiert von Klavierklängen durchsetzt. Äußerlich wie innerlich weit von einander entfernt sitzend, werden Geschwister zu hilflosen Zeugen ehelicher Gewalt. Jeder Versuch, Normalität, Fröhlichkeit oder gar liebevolle Emotionen aufleben zu lassen, jeder Versuch menschlicher Kommunikation, jedes persönliche Wort, jeder Wunsch, jeder Traum erstickt und erstirbt in der Eiseskälte des Schweigens, das sich das traumatisierte Dorf auferlegt hat.

Es regiert das Tabu. Man flüchtet sich in sinnentleerte Stereotypen wie „Bei uns ist immer alles sauber!“ beim mutwilligen, aber emotionslosen Zerschlagen von Porzellan und der anschließenden Scherbenbeseitigung. Emma Lammers als Philosoph offenbart die ganze sperrige Skurrilität. Herumkullernde Äpfel symbolisieren das verlorene Paradies. Und so kann die Fremde in die Scheingemeinschaft nicht eintauchen, sondern es treibt sie herum wie einen Korken auf dem Wasser. Und je mehr sie ahnt, desto enger zieht sich die personifizierte Mauer des Schweigens um sie zusammen, sodass ihr nur die Flucht bleibt – zurück in das Dunkel des personifizierten Waldes. Hier allerdings offenbart ihr eine Vielzahl mystisch wispernder Stimmen die tödliche Wahrheit.

Unerheblich das eigentlich zugrunde liegende Eifersuchtsdrama – hier geht es um tödliche Beziehungslosigkeit, Mitverantwortlichkeit im schweigenden Zusehen, Verlust emotionaler Wärme und verantwortbarer Handlungsgrenzen. Auf das Wesentliche reduziert und gerade dadurch in beeindruckend bedrückender Weise verdichten sich Szene für Szene zunächst nichts sagende Motive, formen mosaikartig ein generationsübergreifend komplexes Gesamtbild kollektiver Schuld, das nicht mehr loslässt.

Was Sarah Hentschel, Benjamin Schesler, Denise Menke, Oliver Velthaus, Saskia Schomaker, Lea Vahle als Elternpaare und nichts weniger die vielen Kinder-Darsteller sowie Stella-Marie Neiling als Kellnerin und Torge Hentschel als Wirt auf die Bühne gebracht haben , ist die schauspielerische Gratwanderung, scheinbarer Bedeutungslosigkeit weit über das Stück hinaus gesellschaftliche Bedeutung zu geben. Diese reife Leistung verdient hohe Anerkennung.