50 Jahre in Deutschland „Ein Emsländer aus Somalia“

Meine Nachrichten

Um das Thema Haren Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Haren. Mohamed Sugulle kommt aus einem Land, das es eigentlich nicht mehr gibt. Wenn er seine Familie besuchen will, muss er die halbe Welt bereisen und wenn er an seine Kindheit denkt, erinnert er sich an erfüllte Schulferien, die er als Nomade im Buschland Somalias verbrachte. Vor 50 Jahren ist Sugulle, was „der Schwarze“ heißt, nach Deutschland gekommen.

Viele Meppener und Harener kennen Mohamed Sugulle gut – denn 34 Jahre hat er in beiden Städten zunächst als Chirurg und dann als Frauenarzt gearbeitet. 1500 Kindern verhalf er auf die Welt, so ungefähr jedenfalls. Genau gezählt hat er nicht, und viel Aufhebens um seine Person ist dem groß gewachsenen Mann mit den grauen Stoppelhaaren unangenehm.

Aber das Jahr 2014 ist eines voller Jubiläen: 70 Jahre alt ist Sugulle geworden, mit seiner Frau Ingrid ist er seit 40 Jahren verheiratet, 50 Jahre lebt er in „einer der besten Demokratien der Welt“. Seine Bilanz über ein Leben in der Fremde, die zur Heimat wurde, ist berichtenswert. Immerhin war er 1974 seines Wissens der erste Schwarze überhaupt, der sich in Meppen niederließ – anfänglich durchaus bestaunt und beäugt.

Geboren wurde er in Galcaio im Herzen Somalias und damit in einem Land, dessen demokratische Phase nur neun Jahre andauerte. Bis 1960 war Somalia britische und italienische Kolonie und wurde dann unabhängig. Schon 1969 ermordeten Militärs den demokratisch gewählten Präsidenten, das Land glitt in einen Bürgerkrieg ab und gilt heute als unregierbar. Alle fünf Geschwister von Sugulles sind ausgewandert – geflohen in die Schweiz oder nach Kanada.

Mohamed Sugulles Vater war Geschäftsmann und Politiker. Er zog in den 1960er Jahren als demokratisch gewählter Abgeordneter in die Nationalversammlung ein. Von ihm stammt auch der Name Sugulle, der Schwarze. „Mein Vater hatte dunklere Haut als die meisten seiner Geschwister. Deshalb hat man ihn so genannt“, erinnert sich Mohamed Sugulle.

Nachnamen gab es in Somalia übrigens nicht, man definierte seine Herkunft über die Namen von Vater und Großvater, sowie Mutter und Großmutter. „Ich hieß Mohamed Sugulle Mohamed. Aber in Deutschland kam man damit nicht klar, deshalb wurde aus mir Mohamed Sugulle.“

Nach dem Abitur in der Hauptstadt Mogadischu war für ihn klar, dass er Arzt werden wollte. Da Deutschland einen „sehr guten Ruf hatte“, bewarb sich Sugulle für ein Auslandsstudium in der Bundesrepublik. Und dank seines sehr guten Abiturs wurde er in Münster angenommen. Voraussetzung war ein sechsmonatiger Sprachkurs beim Goethe-Institut im bayerischen Rotenburg ob der Tauber. Am 2. November 1964 kam er dort an. Er probierte zum ersten Mal Knackwurst und Spiegelei, beides hat er in schlechter Erinnerung. Am 17. November 1964 sah er zum ersten Mal in seinem Leben Schnee und bekam prompt eine Lungenentzündung. „In Somalia haben wir nicht einmal ein Wort für Schnee und ich besaß nur einen Sommeranzug.“

Wenn Sugulle erzählt – in perfektem Deutsch mit leichtem Akzent – dann beginnen seine blauen Augen manchmal zu leuchten. Etwa wenn er an die jeweils dreimonatigen Schulferien denkt, die somalische Stadtkinder damals bei verwandten Nomaden verbrachten – statt Nudeln und Reis gab es wochenlang nur noch Kuhmilch und die Aufgabe, die Herde vor Löwen zu schützen.

In Deutschland musste Sugulle das Abitur noch einmal ablegen – Abschlüsse aus Ländern der Dritten Welt wurden nicht anerkannt. Er lebte von einem Stipendium, aber als er das Physikum ein Semester später als vorgesehen ablegte, strich der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) als Geldgeber trotz guter Noten die Zahlungen.

Sugulle musste neben dem Studium nun auch noch den Lebensunterhalt verdienen und jobbte in einer Baumschule, in Fabriken für Tierfutter oder als Kellner im „Schwarzen Schaf“. „Das war eine tolle Zeit“, sagt der Mediziner, „multikulturell, offen, politisch bewegt.“ Und es war eine Zeit, in der er auch Nachtdienste in der Uniklinik absolvierte, wo er seine heute 62 Jahre alte Frau kennenlernte. Sie war Krankenschwester an der Uniklinik.

Dass er sein Studium selbst finanzierte, macht ihn durchaus stolz. Nachdem er 1982 endlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, musste er die 70000 DM seines Stipendiums an den DAAD zurückzahlen. Begründung: die Zahlungen seien einst ein Geschenk an Somalia und nicht an ihn persönlich gewesen. Samt Zinsen musste Sugulle 100000 DM zurückzahlen.

1974 folgten die Heirat und der Umzug nach Meppen, wo Sugulle als Chirurg im Krankenhaus Ludmillenstift bei Dr. Hans Hannak arbeitete. Weil sein Herz aber an der Gynäkologie hing, wechselte er 1977 zu Dr. Hess. „Beide Ärzte haben mir sehr geholfen“, sagt Sugulle.

Die Emsländer selbst begegneten ihm manchmal zurückhaltend, meistens freundlich. „Sie sind irgendwie auch ein Stamm für sich“, sagt Sugulle. Aber eben einer, den er sehr mag. „Als schwarzer Frauenarzt im Emsland – Dr. Hannak hatte mich gefragt, ob ich mir das gut überlegt hatte“, erinnert er sich. Er hatte. Aber weil einige weitere Prüfungen in Meppen nicht möglich war, zog das Ehepaar Sugulle 1980 nach Frankfurt und er arbeitete dort an einer Klinik.

Vorurteile gegen Ausländer spürte der Arzt selten direkt – einmal etwa, als ihm vier von fünf Banken einen kleinen Kredit über 2000 DM verwehrten, obwohl er einen Arbeitsvertrag vorweisen konnte. Auch hatte er den Eindruck, dass seine Einbürgerung gezielt auf die lange Bank geschoben wurde, was für seine erste Tochter Meryam 1974 bedeutete, dass sie zwar in Meppen, aber als Somalierin zur Welt kam. Die zweite Tochter Sina profitierte 1977 von einem inzwischen geänderten Gesetz und war dank der deutschen Mutter automatisch Deutsche.

Im Krankenhaus in Frankfurt kam Mohamed Sugulle beruflich nicht voran, weil deutsche Ärzte immer wieder auf der Karriereleiter an ihm vorbeizogen, auch wenn sie jünger oder weniger qualifiziert waren. „Ich wollte mich deshalb niederlassen und antwortete auf eine anonyme Chiffre-Anzeige im Ärzteblatt. Die suchende Frauenarztpraxis hätte überall in Deutschland liegen können, aber, so wollte es der Zufall, sie lag in Haren.

Mohamed Sugulle wurde dort 1987 Partner, machte sich aber wenig später selbstständig und betreute zehn Belegbetten im Harener Krankenhaus. „So konnte ich bei den Geburten dabei sein und selbst operieren. Beruflich war das meine Erfüllung“. 1996 wurde das Martinus-Stift in ein Seniorenheim umgewandelt und Sugulle betrieb nur noch seine Praxis. 2008 verkaufte er sie an das Ludmillenstift Meppen und ging in den Ruhestand.

Nach Somalia kehrte er nur 1971 und 1988 kurz zurück. „Den Staat gibt es praktisch nicht mehr, es ist zu gefährlich“, sagt er. Wäre es das nicht, dann würden er und seine Frau nicht nur Tochter Meryam und die Enkel in Oslo besuchen, wo sie als Frauenärztin arbeitet, oder die Welt bereisen, sondern auch an der Küste Somalias im Indischen Ozean baden.

Von Frau und Kindern hat er die Liebe zu klassischer Musik und vor allem für die Oper übernommen. Wandern, Fitness, Theater – an Beschäftigung mangelt es ihm und seiner Frau nicht. Und da ist noch die Politik, für die sich der Mediziner Zeit seines Lebens interessiert hat. „Seit ich eingebürgert wurde, habe ich keine einzige Wahl verpasst. Ich finde, die Deutschen sollten viel stolzer sein auf ihre Demokratie und sich auch einmischen.“

Außerdem wünscht er sich mehr Toleranz der Weltreligionen. Sugulle selbst ist nicht praktizierender Moslem, seine Frau Katholikin, Tochter Meryam Protestantin und Tochter Sina Atheistin. „Damit kommen wir bestens klar“, sagt Sugulle.

Gefragt, wie er sich selbst und seine Identität nach 50 Jahren in Deutschland betrachtet, fangen seine Augen wieder an zu leuchten. „Ich bin ein Emsländer aus Somalia“, sagt er. Das trifft es wohl ganz gut.


Somalia. Seit der Unabhängigkeit von Italien und Großbritannien 1960 hat das Land mit geschätzten zehn Millionen Einwohnern zahlreiche Clan- und Bürgerkriege erlebt, die die Infrastruktur weitgehend zerstört haben. Mehrere Regimes beanspruchen Teile des Staates für sich. Seit dem Sturz von Diktator Siad Barre 1990 hat die Nation am Horn von Afrika keine Zentralregierung mehr, die Macht über das ganze Land hat. Gefechte zwischen Soldaten und Milizen sind ebenso an der Tagesordnung wie terroristische Anschläge.

Der größte Teil des Landes wird von radikalen Islamisten beherrscht.

Durch die anhaltende Dürre liegt die Sterblichkeitsrate überdurchschnittlich hoch. Schätzungsweise 13 Prozent der Jungen und 7 Prozent der Mädchen besuchen eine Schule.

Immer wieder gerät das Land wegen der Angriffe von Piraten auf Handelsschiffe in die weltweiten Schlagzeilen.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN