Glück braucht eine Nähmaschine Das soziale Kaufhaus in Haren öffnet am Montag

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Haren. „MütZe“ ist weg, „Glücksfall“ kommt. In der Ankerstraße 20, wo bis vor Kurzem noch das Harener Mütterzentrum (MütZe) ansässig war, zieht in diesen Tagen das neue soziale Kaufhaus ein. Dieses nennt sich „Glücksfall“ und eröffnet am Montag, 8. September, um 10 Uhr. Bereits am Sonntag haben Neugierige und künftige Kunden die Gelegenheit, die Räume und das Angebot beim Tag der offenen Tür unter die Lupe zu nehmen.

Noch herrscht emsiges Treiben in den Räumen des ehemaligen Mütterzentrums. Zehn bis zwölf ehrenamtlich tätige Frauen rotieren eifrig, um das Kaufhaus mit Ware zu bestücken. „Für den Start haben wir genügend Sachen zum Verkauf zusammen“, freut sich Gudrun Pilch. Sie ist Vorsitzende des neu gegründeten Vereins, unter dessen Regie der „Glücksfall“ betrieben wird.

Einkommensschwache Familien und Alleinstehende können hier ab Montag Bücher, Kleidung, Geschirr, Bettwäsche, Spielsachen für Kinder und viele andere nützliche Dinge für den Alltag erwerben. „Bei uns finden Bedürftige alles, was sie so zum Leben brauchen – außer Lebensmitteln und Möbel. Natürlich alles zu einem weitaus günstigeren Preis als in einem normalen Kaufhaus“, sagt die Vereinsvorsitzende.

Ein Blick auf den Kleiderständer bestätigt das. Dort hängt zum Beispiel ein gut erhaltenes Marken-Sakko für den Herrn oder ein Abendkleid für die Dame, jeweils für eine Summe im einstelligen Euro-Bereich zu haben.

„Was Sie hier sehen, haben alles Harener Bürger oder Geschäftsleute gestiftet“, sagt Ute Kahl, zweite Vorsitzende des Trägervereins, und ergänzt: „Wir hoffen, dass der Spendenfluss nach Eröffnung des sozialen Kaufhauses nicht abreißt.“ Die engagierten Damen nehmen alles an, was gut erhalten ist. Nur ist der Warenfluss nicht so einfach zu kanalisieren: Von manchen Dingen gibt es zu wenig, von anderen zu viel. Nicht mehr benötigt, da im Überfluss vorhanden, werden Bücher – ausgenommen Kinderbücher. „Die gehen immer“, meint Kahl, „aber im Zeitalter von E-Book, Fernsehen und Computer will kaum einer noch Bücher kaufen.“

An Textilien dringend benötigt wird noch Bettwäsche. Sehr gut gebrauchen können die Damen vom „Glücksfall“ noch drehbare Kleiderständer, um die Kleidung zu präsentieren. Davon gibt es bisher nur einen einzigen. Ebenso wichtig sind Regale für Schuhe. Wie ein kleiner Lottogewinn wäre es, wenn jemand eine noch gut funktionierende Nähmaschine und vielleicht noch Bügeleisen und Bügelbretter stiftete.

Kunstwerke aus Papier

Eine kleine Attraktion gibt es im „Glücksfall“: Grietje Helder und ihre Pretex-Arbeiten. Pretex ist ein strapazierfähiges Spezialpapier. Damit hat Helder ausrangierte Alltagsgegenstände wie eine Kaffeekanne oder einen Weidekorb wieder aufgemöbelt und kleine Kunstwerke daraus gemacht. Star unter den Exponaten ist eine einst für einen Mann hergestellte Unterhose, die jetzt als Blumenübertopf dienen kann. Der Erlös aus dem Verkauf der Pretex-Arbeiten fließt in den Gesamterlös des sozialen Kaufhauses ein.

Entstanden ist die Idee für den „Glücksfall“ in den Reihen der Harener Zeit-Tauschbörse , woran Ute Kahl maßgeblich beteiligt ist. In diesem Projekt haben sich engagierte Bürger zusammengeschlossen, um einen Pool an Hilfeleistungen zu bilden, aus dem sich Hilfsbedürftige bedienen können. Um nicht nur Leistungen, sondern auch Güter des täglichen Gebrauchs weniger finanzkräftigen Menschen anbieten zu können, werde nun das soziale Kaufhaus eröffnet, erläutert Kahl. „Auch im grundsätzlich wohlhabenden Haren gibt es eine Vielzahl an bedürftigen Menschen“, sagt Helga Maßfelder, die sich ebenfalls für den vom Stadtzentrum gut zu Fuß erreichbaren „Glücksfall“ engagiert. Zunächst ist das Ziel des Vereins, mit den Einnahmen die laufenden Fixkosten wie Miete, Strom und Versicherung zu decken. Langfristig, so Gudrun Pilch, wäre es ideal, wenn die Einrichtung Überschüsse erwirtschaftet: „Damit würden wir dann vor allem bedürftige Kinder unterstützen.“

Männer erwünscht

Bisher ist das soziale Kaufhaus fest in weiblicher Hand. Nur ein bestimmter männlicher Helfer „verirrt“ sich manchmal in den „Glücksfall“. Die Damen können das nicht so ganz nachvollziehen und sähen es sehr gerne, wenn auch Männer Mitglied im Verein werden oder wenigstens ab und zu im sozialen Kaufhaus mitmischen.

Wenn dann noch zusätzliche Lagermöglichkeiten geschaffen werden und ein Transportfahrzeug zur Verfügung stände, könnten auf Dauer zum Beispiel auch Möbel und Fahrräder angeboten werden. Das – und dass irgendwann aus der ehrenamtlichen Arbeit im „Glücksfall“ dauerhafte reguläre Jobs entstehen könnten – ist noch Zukunftsmusik. Zunächst stehen der Tag der offenen Tür und die Eröffnung an. Bis dahin ist noch eine Menge zu tun – unter anderem den Schriftzug „Glücksfall“ über der Eingangstür wieder zu vervollständigen. Im Moment ist nur das Wort „Glück“ über der Tür zu lesen. Der zweite Teil des Worts ist nach der Montage zu Boden gefallen. Das muss wahrlich kein schlechtes Omen für die Zukunft des Hauses sein. „Das und alles andere kriegen wir hin bis zur Eröffnung“, ist sich Pilch sicher.


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