zuletzt aktualisiert vor

Unglaubliches Gewicht Die Bechsteinfledermaus verzögert den A-33-Lückenschluss

Meine Nachrichten

Um das Thema Haren Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Borgholzhausen. Etwa zehn Gramm wiegt sie und ist damit gerade mal so schwer wie ein Brief. Und doch hat sie unglaubliches Gewicht. In Tatenhausen (Halle Westfalen) hat sie ganz ohne ihr Zutun für ein Umschwenken der Trasse gesorgt, und nun ist sie auch in Borgholzhausen für eine erhebliche Verzögerung der Planungen für das letzte Stück der Autobahn 33 verantwortlich. Die Rede ist von der Bechsteinfledermaus.

Im Tierlexikon ist sie unter dem Namen „Myotis bechsteinii“ zu finden, in der Bevölkerung liebevoll – oder auch verächtlich – A-33-Fledermaus genannt.

Wer ist dieser Mini-Batman, der seit einigen Wochen wieder einmal für Diskussionsstoff sorgt und ganz gegen seinen Willen im Rampenlicht steht? Und warum ist die Bechsteinfledermaus den Planern so wichtig?

„Die Bechsteinfledermaus ist ein seltener Waldbewohner“, erklärt der Borgholzhausener Biologe und Vogelkundler Bernhard Walter. Mit einem Gewicht von sieben bis zwölf Gramm gehört sie schon zu den mittelgroßen Fledermäusen. Der ideale Lebensraum der Bechsteinfledermaus ist ein reich strukturierter, naturnah bewirtschafteter Laubmischwald. Als echte Waldfledermaus lebt sie in größeren oder kleineren Eichen-Buchenwäldern, selten wird sie in Parkwäldern oder Streuobstwiesen gefunden. Auch wenn sie in Mitteleuropa vom Kaukasus bis in die Pyrenäen relativ weit verbreitet vorkommen, sind Bechsteinfledermäuse nirgendwo häufig. So wie es sich für echte Waldgeister gehört, leben sie im Verborgenen. Es muss unter dem Blätterdach des Waldes schon stockfinster sein, bevor Bechsteinfledermäuse aus ihren Tagesschlafquartieren zur nächtlichen Insektenjagd ausfliegen.

Die geflügelten Säugetiere sind Flugkünstler, die zwischen Büschen und Bäumen lautlos manövrieren. Sie fangen aber nicht nur Fluginsekten, sondern sind in der Lage, die auf Blättern und am Boden ruhenden Insekten abzusammeln. Dazu nutzen sie kurze Ultraschall-Rufe und ihre großen Ohren, die selbst noch geringste Echolaute wahrnehmen. Weil Fledermäuse nicht besonders gut sehen können und bodennah jagen, werden sie auf Straßen, die sie überfliegen, oft Opfer von Autos.

Rote-Liste-Art

Bechsteinfledermäuse gehören selbst unter Fachleuten noch immer zu den am wenigsten bekannten heimischen Fledermausarten, obwohl sie als Rote-Liste-Art zu den besonders schutzwürdigen Tieren der gesamteuropäischen Fauna zählen. Aufgrund ihrer sehr leisen Ultraschallrufe sind sie selbst mit modernsten Fledermaus-Detektoren kaum systematisch zu beobachten. Hinzu kommt, dass die Fledermaus ihr Quartier alle zwei Tage wechselt.

Da Bechsteinfledermäuse sehr standorttreu und wenig wanderfreudig sind, sind sie auf die Erhaltung ihres Lebensraumes mit seinen wenige Kilometer weit reichenden Grenzen angewiesen. Die Weibchen bringen im Jahr nur ein bis zwei Junge zur Welt, die sie in sogenannten Wochenstuben gemeinsam aufziehen. Eines der Hauptprobleme für die heimischen Fledermäuse ist der Mangel an geeigneten Quartieren für Wochenstuben in Baumhöhlen von alten oder toten Bäumen. Die Landschaftsbebauung und eine massive holzwirtschaftliche Nutzung der Wälder haben dazu geführt, dass der Höhlenreichtum rapide abgenommen hat, was für diese häufig ihr Quartier wechselnde Art fatal ist.

Schutz aus Europa

Die Europäische Union hat 1992 mit der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie eine grundlegend neue Naturschutz-Strategie begründet, die bedrohten Tieren wie der Bechsteinfledermaus helfen soll zu überleben. Die FFH-Richtlinie ist ein Abkommen der EU zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wild lebenden Tiere und Pflanzen auf europäischer Ebene. Mit dieser Richtlinie stellt sich ganz Europa sozusagen auch hinter die Fledermäuse entlang der A33. Immerhin finden sich hier gleich 12 der 14 seltensten Fledermaus-Arten in NRW. Für den Schutz der Bechsteinfledermaus fällt Deutschland eine ganz besondere Verantwortung zu. Fast ein Drittel des gesamten Vorkommens existiert hier. „Wir können die Bechsteinfledermaus nur da schützen, wo sie lebt“, erklärt Bernhard Walter.

Dass im Borgholzhausener Ortsteil Casum Ende des vergangenen Jahres ein bislang unbekanntes Vorkommen mit 31 Weibchen gefunden worden ist, sorgt nun dafür, dass der Planfeststellungsbeschluss für den Lückenschluss, der als Weihnachtsgeschenk erwartet wurde, weiter auf sich warten lässt. Unverdächtigerweise wurden die Fledermäuse von Experten, die im Auftrag des Landesbetriebs Straßen. NRW unterwegs waren, gefunden und nicht von Naturschützern. Bernd Meier-Lammering, stellvertretender Landesvorsitzender des BUND und Sprecher der Umweltverbände in OWL hält diese Kolonie für die vermutlich bedeutendste in ganz Nordwest-Deutschland. Nun diskutieren die Experten, ob das Vorkommen in nicht einmal 500 Meter Entfernung zur geplanten Trasse der A33 besonderen Schutz notwendig macht. Die Straßenbauer meinen, mit ihren autobahnbegleitenden, vier Meter hohen Wall-Wand-Konstruktionen schon genug für diesen Zweck getan zu haben. Die Umweltverbände sehen das naturgemäß anders. Bernd Meier-Lammering findet, dass die Irritationsschutzwände mit einer Gesamthöhe von vier Metern zu niedrig sind. Da viele Lkw schon vier Meter hoch seien, helfe das den Tieren beim Überflug wenig.

Fakt ist, dass Straßen.NRW sich bei seiner Prüfung, ob und welcher Schutz notwendig ist, Zeit lassen und die gebotene Sorgfalt walten lassen will. Wenn nicht alles Notwendige für den Schutz der Tiere getan wird, würde der Planfeststellungsbeschluss vor Gericht kaum Bestand haben.

Viele Anwohner der Autobahn bringen der Diskussion um die geflügelten Säugetiere wenig Verständnis entgegen. In ihren Augen wird um den Schutz der Fledermäuse deutlich zu viel Aufhebens gemacht. Schließlich ist für Menschen in sogenannten Außenbereichen wie Casum vonseiten des Gesetzgebers in puncto Lärmschutzwände relativ wenig vorgesehen.

130 Millionen Euro

Vielfach werden auch die Kosten für Irritationsschutzwände oder Grünbrücken ins Feld geführt. Die Gesamtkosten für den Ausbau der Autobahn liegen nach Angabe des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums bei knapp 130 Millionen Euro. Davon flössen rund 26,5 Millionen Euro in Tierquerungshilfen, Ausgleichsflächen und Schutzwälle, die Fledermäusen beim Überfliegen der Fahrbahn behilflich seien, heißt es. Damit, so meinen manche, werde deutlich, dass die Fledermaus anscheinend einen höheren Wert habe als die Menschen.

Ein „Grundfehler im Denken“ nennt Bernhard Walter diese Einstellung. Die Menschen hätten noch nicht begriffen, dass sie von einem funktionierenden Ökosystem abhängen. Es sei die Grundlage allen Lebens. Deswegen habe sein Schutz eine höhere Bedeutung als alles andere. „Biodiversität (Artenvielfalt) ist keine Spinnerei“, sagt er. Und das müsse in die Köpfe der Menschen hinein. Mit dem Ökosystem ist es eben so wie mit einer Sektpyramide. Wenn man zu viele Gläser herauszieht, dann stürzt sie irgendwann mit lautem Scheppern ein.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN