Politikerin macht Frauen Mut Stehende Ovationen für Rita Süssmuth in Haren

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Auf dem Schwarzen Sofa berichtete Rita Süssmuth auf Einladung Gitta Connemanns (rechts) aus ihrem Politikerinnenleben. Foto. Tobias BöckermannAuf dem Schwarzen Sofa berichtete Rita Süssmuth auf Einladung Gitta Connemanns (rechts) aus ihrem Politikerinnenleben. Foto. Tobias Böckermann

Haren. Rita Süssmuth hat Politikgeschichte geschrieben und sich ebenso entscheidend wie erfolgreich für die Emanzipation der Frau eingesetzt. Am Samstag war die 81-Jährige in Haren zu Gast und hat aus ihrem beeindruckenden Leben berichtet. Rund 200 Gäste dankten mit stehenden Ovationen.

Süssmuth hatte auf Einladung der CDU-Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann sowie der Frauenunion Haren und ihrer Vorsitzenden Maria Bauken auf dem „Schwarzen Sofa“ Platz genommen, das im "Schafstall" des Ferienzentrums Schloss Dankern aufgestellt worden war. „Beim Schwarzen Sofa“ handelt es sich um ein Gesprächsformat an wechselnden Orten im Wahlkreis Connemanns. Sie interviewt Prominente aus (CDU-)Politik und Kultur. 

Dass nun die Bundestagspräsidentin Professor Rita Süssmuth Rede und Antwort stand, war kein Zufall. Denn vor genau 100 Jahren hatten Frauen in Deutschland erstmals wählen dürfen – nach ebenso langem, wie erbittertem Ringen. Wegbereiterinnen waren unter andrem Frauen wie Anita Augspurg, Marie Juchacz, Helene Lange oder Clara Zetkin.

100 Jahre Frauenwahlrecht: Eine Kampagne der Bundesregierung erinnert an diesen Meilenstein der Emanzipation.

Und obwohl die überaus bescheiden auftretende Rita Süssmuth das so selbst kaum sagen würde: Was diese Frauen damals leisteten, hat sie auf anderen Wegen und mit anderen Mitteln fortgesetzt.

Der Vater prägte

Süssmuth hatte als gebürtige Wuppertalerin das Abitur im westfälischen Rheine gemacht und studierte fünf Fächer – unter anderem Erziehungswissenschaften, in denen sie später auch eine Professur in Dortmund antrat. „Mein Vater hat mich immer gefördert“, berichtete Süssmuth. „Er hat mich stark geprägt und mich auch in der Wissenschaft gesehen. Es gab keinen Plan, in die Politik zu gehen.“

Dass es doch so kam, ist ihrem Eintritt in die CDU 1981 zu verdanken und wohl der Tatsache, dass sie dort schnell als tatkräftig, innovativ und widerstandsfähig auffiel. Eine steile Karriere in der Partei folgte ebenso wie Anerkennung über alle Parteigrenzen hinweg.

Zahlreiche Ehrengäste waren beim Besuch Rita Süssmuths dabei, darunter Vertreter der CDU in Stadt und Kreis sowie Frauenbeauftragte.

Denn Süssmuth war erste Bundesfamilien- und Frauenministerin, sie stellte entscheidende Weichen, als in den 1980er Jahren AIDS bekannt wurde was ohne sie zur reflexhaften Ausgrenzung der Erkrankten geführt hätte. „Die Lage schien damals aussichtslos, aber wir haben gesagt, wie bekämpfen die Krankheit und nicht die Kranken“, erinnerte sich Süssmuth. „Menschen können sich ändern, das habe ich damals gelernt“.

Mit Widerständen hatte sie bereits in jungen Jahren  fertig werden müssen. Der Vater war früh gestorben, die Mutter schwer erkrankt und Süssmuth hatte dadurch viel Verantwortung zu tragen. „Man wundert sich, was aus so einem Pimpf werden kann“, sagt sie mit Blick auf sich selbst.

"Niemand kann etwas allein erreichen"

Ihr war es sichtlich ein Anliegen, den zahlreich anwesenden Frauenbeauftragten und Politikerinnen (der Männeranteil an der Zuhörerschaft im Schafstall war sehr gering) mit auf den Weg zu geben: „Was man nicht kann, kann man lernen. Lassen Sie sich nie entmutigen.“ Und ganz wichtig war ihr folgende Botschaft: „Niemand kann etwas allein erreichen. Und ein niemals muss kein niemals bleiben.“

Maria Bauken übernahm als Vorsitzende der Frauenunion Haren die Begrüßung und dankte der Hausherrin, Caroline Freifrau von Landsberg-Velen, für die Gastfreundschaft.

Süssmuth berichtete im Gespräch mit Gitta Connemann, wie sie Ministerin wurde, sich mit Helmut Kohl inhaltlich zankte und sich auf dessen Bitte hin dennoch „schweren Herzens“ 1988 zur Bundestagspräsidentin wählen ließ –  womit sie immerhin das zweithöchste Staatsamt innehatte. „Ich wollte eigentlich lieber gestalten und musste nun mein Ministerinnenamt abgeben. Ich befürchtete, keinen Einfluss mehr zu haben. Aber dann fand ich doch Mittel und Wege, meine Anliegen weiterzuverfolgen.“

Süssmuth blieb zehn Jahre Bundestagspräsidentin – erfolgreich und anerkannt. Mit ihr verbunden bleiben bis heute die Einführung von Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub, höhere Renten für die Trümmerfrauen, die Verkleinerung des Bundestages oder die Verhüllung des Reichstagsgebäudes durch die Künstler Christo und Jeanne-Claude, die von Süssmuth maßgeblich durchgesetzt und zu einem enormen Erfolg wurde.

Auf Bitten von Harens Bürgermeister Markus Honnigfort trug sich Rita Süssmuth ins Goldene Buch der Stadt ein. Ihr Spruch lautete: "Keine Angst vor Schwarzen Sofas". Foto: Tobias Böckermann

Süssmuth betonte, wenn sie noch einmal jung wäre, würde sie wieder in die Politik gehen und an jenen Stellschrauben zu drehen versuchen, bei denen zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frauen noch nicht gelungen sei. Ein aktuelles Thema sei zum Beispiel der wieder gesunkene Frauenanteil im Bundestag (30,9 Prozent). Gitta Connemann beklagte, in Landes- oder Kreisparlamenten sei der Anteil oft noch einmal weitaus geringer. Süssmuth konnte sich vorstellen, in Zukunft Parteiämter in der CDU paritätisch mit Männern und Frauen zu besetzen, um diese Ungleichheit zu beenden.

Am Ende kurzweiliger zwei Stunden zog nicht nur Gitta Connemann symbolisch ihren Hut vor Rita Süssmuth. Auch die Zuhörer verabschiedeten die 81-Jährige mit stehenden Ovationen. Eine kurze Anekdote, erzählt von Gitta Connemann, mag das Verhältnis vieler Menschen zu Rita Süssmuth abschließend beleuchten: Demnach war sie am Samstag vor ihrer Station in Haren auch in Leer unterwegs und bei der Fahrt in einem Aufzug sprach eine Frau die Politikerin an. Sie sagte nur : „Vielen Dank, Frau Süssmuth“. Auf die Frage nach dem „Warum“ stellte sich heraus, dass die Frau in der Aids-Hilfe tätig war. „Sie haben die richtigen Weichen gestellt“, sagte sie.


Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Rita Süssmuth

Frau Prof. Rita Süssmuth, geboren 1937 in Wuppertal, studierte zunächst Romanistik und Geschichte in Münster, Tübingen und Paris, bevor sie ein Postgraduiertenstudium der Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie aufnahm. 1964 verband sie in ihrer Promotion beide Studiengänge mit einer Arbeit zur Anthropologie des Kindes in der französischen Literatur der Gegenwart. Sie übte zwischen 1966 und 1982 zahlreiche wissenschaftliche Tätigkeiten an der Pädagogischen Hochschule Ruhr, der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Dortmund aus. Bevor sie in die Politik wechselte, leitete sie zwischen 1982 und 1985 das Forschungsinstitut „Frau und Gesellschaft“ in Hannover. 

1985 wurde sie zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (ab 1986 zusätzlich für Frauen) ernannt und war damit die erste Frauenministerin auf Bundesebene. Von 1987 bis 2002 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages mit dem Mandat des Wahlkreises Göttingen. Von 1988 bis 1998 war sie die Präsidentin des Deutschen Bundestages. Von 1988 - 2015 war sie Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, dessen Ehren-Präsidentin sie seither ist. Neben dem Vorsitz über die Frauen Union von 1986 bis 2001 war sie zudem Mitglied des CDU Präsidiums (1987 – 1998). Zwischen 2000 und 2001 saß sie der Unabhängigen Kommission Zuwanderung vor.

Nach Beendigung ihrer Zeit als aktive Politikerin übernahm sie zahlreiche weitere Aufgaben. Von 2002 bis 2004 saß sie dem Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration vor. 2004-2005 gehörte sie der UN-Weltkommission für Internationale Migration an. Von 2005 - 2009 war sie Präsidentin der privaten SRH-Hochschule für Wirtschaft in Berlin. Seit 2010 ist sie Präsidentin des deutschen Hochschulkonsortiums der Deutsch-Türkischen Universität in Istanbul (K-DTU). Quelle: www.rita-suessmuth.de/biografie/

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