Hervorragende Schulabschlüsse Sprache ist Integration: Harener Jugendliche berichten

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Bei einem Empfang im Rathaus  haben vier Schüler sowie ihre Familien über Flucht, Spracherwerb und Integration berichtet. Vorne von links: Sahar Mohammadi, Larisa Al Mohammad, Angiza Salimi und Rezan Abdullah. Foto: Tobias BöckermannBei einem Empfang im Rathaus haben vier Schüler sowie ihre Familien über Flucht, Spracherwerb und Integration berichtet. Vorne von links: Sahar Mohammadi, Larisa Al Mohammad, Angiza Salimi und Rezan Abdullah. Foto: Tobias Böckermann

Haren. Sie sind vier von 350, sie haben Außergewöhnliches geleistet und stehen doch für viele andere: Die Stadt Haren hat vier Jugendliche eingeladen, ihre (Lebens-)Geschichte zu erzählen. Zwei Dinge haben die jungen Menschen gemeinsam: einen besonders guten Schulabschluss im Sommer 2018 und Jahre davor die dramatische Flucht aus der Heimat.

Angiza Salimi ist 16 und aus Afghanistan geflohen, Larisa Al Mohammad (16) kam aus Syrien, Sahar Mohammadi (17) aus Afghanistan und Rezan Abdullah (19) aus dem Irak. Sie alle sind vor rund drei Jahren mit Teilen ihrer Familien nach Deutschland gekommen. In der Spitze waren 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung 400 Asylbewerber in Haren untergebracht, rund 350 leben bis heute hier. Schnell stellte sich damals die Frage: Wie kann man und wie können sich die Neuankömmlinge im Emsland integrieren, vielleicht sogar: Kann es überhaupt gelingen?

„Ohne Sprache kommt man in einem fremden Land nicht an“, sagt Harens Bürgermeister Markus Honnigfort beim Treffen im Rathaus und schnell wird deutlich, dass dies auch die Geflüchteten so erlebt haben. Gemeinsam mit Erstem Stadtrat Dieter Sturm und Flüchtlingsbetreuerin Ljiljana Topalovic hatte der Bürgermeister die Jugendlichen zu Kaffee und Kuchen ins Rathaus eingeladen. Um zu zeigen, dass Integration gelingen kann.

Dramatische Flucht

Wie bei Angiza Salimi zum Beispiel. Gemeinsam mit ihrer Mutter Nadia, die als Richterin arbeitete, und einem Bruder kam sie nach dramatischer Flucht ins Emsland. Ihren Vater, einen Beamten im Verteidigungsministerium in Kabul, hatten die Taliban 2014 ermordet. Angiza Salimi hat an der Martinus-Oberschule den erweiterten Realschulabschluss erreicht, sie sprach vor ihrer Flucht bereits fünf Sprachen und lernte dann in der Schule, zu Hause und mit einer Lehrerin Deutsch. Später kam noch Spanisch dazu.

Angiza besucht jetzt in Meppen das Wirtschaftsgymnasium, will Ärztin werden, seit sie in der 1. Klasse ist. „Man darf niemals aufgeben im Leben“, sagt sie.

Auch Sahar Mohammadi hat ein festes Ziel vor Augen. Die 17-Jährige möchte Architektin werden, besucht das Technik-Gymnasium der BBS Meppen. „Am Anfang war es sehr schwer für mich“, erinnert sie sich. „Ich war die einzige in der Klasse, die Persisch sprach. Es gab niemanden, der übersetzen konnte. Mit Englisch habe ich mich durchgeschlagen und schnell Deutsch gelernt, unter anderem mit Videos auf Youtube.“ Ihr Vater Sakhi arbeitet bei Feinkost Hemmen in Haren, Mutter Masoume in der Altenpflege. Beide waren in Afghanistan Schneider.

Pläne für die Zukunft

Rezan Abdullah ist 17 und besucht die BBS Meppen. Er möchte Elektroniker werden, konnte bei seiner Ankunft Englisch, Arabisch und Kurdisch. „Aber die deutsche Sprache fiel mir sehr schwer. Deshalb habe ich die Klasse 10 zwei Mal besucht“, sagt Rezan. Jetzt klappt es mit der Sprache und auch seine Eltern üben fleißig. Vater Ibrahim geht sonntags in die evangelische Kirche und marschiert beim Schützenverein mit, er besaß früher ein Lebensmittelgeschäft im Irak.

Larisa Al Mohammad schließlich hat an der Oberschule in Rütenbrock mit besonders guten Noten abgeschnitten. „Am ersten Tag in Haren habe ich mich gefragt: Was mache ich hier?“, erinnert sich die 16-Jährige. Die Sprache fiel so schwer, alles war anders, der Krieg in Syrien so präsent. Trost fand sie beim Geigenspiel. Larisa lernte Deutsch und besucht jetzt das Wirtschaftsgymnasium Meppen. „Ich möchte Apothekerin werden“, sagt sie. „Oder Architektin.“

Ihre Eltern haben beide in Syrien das Abitur gemacht. Vater Hasan arbeitete aber als Friseur und bildete den beruflichen Nachwuchs aus, heute ist er in Meppen wieder als Friseur angestellt. „Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration“, sagt er.

Gut eingelebt

Mutter Hivin versucht jetzt, in der Altenpflege Fuß zu fassen, hat früher aber Kinder unterrichtet. Mit 38 lernte sie Radfahren, mit 40 schwimmen. „Vielleicht mache ich jetzt noch den Autoführerschein“, sagt sie.

Alle Familien sind dankbar für die Hilfe der Harener, angefangen im Rathaus und endend bei den ehrenamtlichen Familienpaten, die in Haren nach Möglichkeit allen Familien zur Seite gestellt worden waren. „Das System hat sich voll bewährt“, sagt Dieter Sturm. Vor allem Familien seien sehr gut integriert in Haren und dies auch vor allem dann, wenn sie wie die vier Jugendlichen eine Bleibeperspektive besäßen. Weniger einfach sei die Lage bei den alleinstehenden jungen Männern. 87 leben in der Stadt, 34 sind ausreisepflichtig. Nur wenige lernten die deutsche Sprache, Integration falle schwer.

Bürgermeister Honnigfort ist froh, dass die VHS in Haren so viele gute Sprachkurse anbietet und viele ehrenamtliche Helfer ihre Zeit opfern, um den Menschen den Neuanfang zu erleichtern.

„Freunde gefunden“

„Wir haben viele neue Freunde gefunden“, sagt dagegen Hasan Al Mohammad, der Familienvater aus Syrien. Und dass er in drei Jahren noch keinem unfreundlichen Menschen in Haren begegnet sei.

Flüchtlingsbetreuerin Ljiljana Topalovic gibt das Lob zurück: „Alle Familien lernen deutsch, gehen arbeiten so weit möglich. Und vor allem: Sie engagieren sich inzwischen selbst für andere Flüchtlinge und helfen wo sie können.“

„Ich bin in drei Jahren keinem unfreundlichen Menschen begegnet“

Fragt man die Neubürger, was sie am meisten schätzen an ihrem neuen Leben, nennen sie Sicherheit und Freiheit. Und was vermissen sie? „Die Familie und die Heimat.“


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