225 sollen gleich gehen Betriebsrat: AERO Ems in Haren wird dichtgemacht

Von Hermann-Josef Mammes

Damals war die Welt in Haren noch in Ordnung: Eine Mitarbeiterin des Windenergieanlagen-Herstellers arbeitete 2013 in der neuen Rotorblatt-Fabrik. Archivfoto: Carmen Jaspersen/dpaDamals war die Welt in Haren noch in Ordnung: Eine Mitarbeiterin des Windenergieanlagen-Herstellers arbeitete 2013 in der neuen Rotorblatt-Fabrik. Archivfoto: Carmen Jaspersen/dpa

Haren. Jetzt soll der große Personalabbau bei AERO Ems in Haren sogar noch schneller über die Bühne gehen als bislang befürchtet. In einem Gespräch mit unserer Redaktion nannten zwei Betriebsräte als Datum den 1. September 2018.

Während Betriebsrat Rainer Hüring weiter namentlich auftritt, will die zweite Person aus Angst vor Repressalien nicht genannt werden. Jetzt habe Geschäftsführer Matthias Drong der Belegschaft ein schriftliches Angebot unterbreitet. Dabei handele es sich zum einen um einen Interessenausgleich sowie zum zweiten um eine Transfergesellschaft. „Wir sollen bis zum 30. August das Angebot unterschreiben, ansonsten würde sich der finanzielle Topf verkleinern“, sagte der Betriebsrat. Bislang arbeiten im Rotorblattwerk am emsländischen Eurohafen 275 Beschäftigte. 225 sollen nach den neuesten Plänen bis zum 31. August gehen.

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Geringe Abfindung

Nach Einschätzung des Betriebsrates sei die angebotene Abfindungssumme schon „jetzt nicht besonders nennenswert“. Dabei habe die Geschäftsführung zudem durchblicken lassen, dass die „restlichen 50 Arbeitsplätze gefährdet“ wären, falls die Mitarbeiter das Angebot nicht annähmen. „Sie wollen uns moralisch und psychisch unter Druck setzen“. Aber auch die restlichen 50 sollen maximal noch bis Juni 2019 in Haren arbeiten können. Für den Betriebsrat sei deshalb klar: „Der Laden in Haren wird dicht gemacht.“

Druck wird aufgebaut

Nach Angaben der beiden Betriebsratsmitglieder habe ein und derselbe Rechtsanwalt auch bei den Belegschaften der anderen betroffenen Firmen Vorschläge unterbreitet. Wie wir bereits berichteten, baut der Windkrafthersteller Enercon bei fünf Tochter- und Zuliefererfirmen in Haren, Emden, Aurich, Magdeburg und Westerstede insgesamt 835 Stellen ab. „Enercon versucht, alle unter Druck zu setzen“, sagt der AERO-Betriebsrat. Er wirft dem Mutterkonzern vor, dass man mit der Harener Belegschaft „nicht ehrlich war“. Jetzt werde der emsländische Standort, der 2012/13 für 30 Millionen Euro errichtet wurde, „nur noch abgefrühstückt“. Die Heuschrecke aus Aurich sei „satt“. Trotzdem wolle der Betriebsrat „keinen Krawall, sondern sachliche Lösungen“.

Starkes Kampfeswille

Zugleich kündigten beide an: „Der Kampfeswille in der Harener Belegschaft ist groß.“ Man habe sich jetzt einen eigenen Rechtsbeistand mit Ralf Müller genommen. Gemeinsam mit ihm wolle der Betriebsrat das Angebot eingehend prüfen. Der neunköpfige Betriebsrat werde „für unsere Leute kämpfen“. Dabei verweisen sie darauf, dass zurzeit noch im Zwei- bzw. Dreischichtbetrieb in Haren Rotorblätter für den Anlagen-Typ 101 produziert würden.

Technisch perfekt

Für Hüring baut Enercon nach wie vor, „technisch perfekte und sehr effiziente Windkrafträder“. Leider seien sie gegenüber der Konkurrenz zu teuer. Für die Arbeitnehmervertreter steht fest, dass der Mutterkonzern die Produktion in andere Werke in die Türkei, nach Portugal oder Russland verlegen will. Dort würden Produktionsstätten bereits teilweise vergrößert. Gerade Russland sei ein großer Markt für Windkraftanlagen. Bei der Rotorblattproduktion sei „Handarbeit“ gefragt und die sei in Deutschland „scheinbar zu teuer“.

Hilfe bei der Politik

Der Betriebsrat „sucht jetzt Hilfe bei der Politik“. Man erinnerte dran, dass der Standort in Haren mit öffentlichen Fördergeldern ausgebaut wurde. Zusätzlich zum Hafenanschluss erhielt das Werk einen Gleisanschluss. Dankbar sei die Belegschaft dem IG Metall-Bevollmächtigten Küste, Thomas Gelder, aber auch dem CDU-Landtagsabgeordneten Bernd-Carsten Hiebing. Beide informierten sich am Montag zusammen in Haren. „Das gute Gespräch mit dem Betriebsrat dauerte eineinhalb Stunden“, sagte der Landtagsabgeordnete. Danach habe er in der Produktion mit Beschäftigten gesprochen. Während vorab noch die Geschäftsführung ein Gespräch mit beiden angeboten hatte, wollte AERO-Geschäftsführer Matthias Drong dann plötzlich nur noch mit Hiebing ohne Gelder sprechen. „Das habe ich abgelehnt“, sagte Hiebing.

Schlechter Umgang

„Er könne nicht verstehen, dass Enercon seinen jüngsten Betrieb einfach plattmache“. 50 Mitarbeiter würden sich in der zweitgrößten Halle des Emslandes nach dem Baudock der Meyer-Werft „verlieren“. Hiebing weiter: „So geht man nicht mit seinen Mitarbeitern um.“ Nach seiner Aussage habe inzwischen auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann ein Gespräch mit Enercon Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig geführt. Weitere Verhandlungen mit Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern sollen alsbald folgen.

Vorgehen katastrophal

IG-Metallbevollmächtigter Thomas Gelder hält das Vorgehen von Enercon für „katastrophal“. Hier stehe der Mutterkonzern in der Verantwortung und nicht die Zulieferer oder Tochterfirmen. Gelder befürchtet sogar, dass „noch weit mehr als 835 Arbeitsplätze“ mittelfristig betroffen sind. Es sei jetzt an Enercon „Alternativen wie „Kurzarbeit mit Qualifizierungen“ aufzuzeigen. Auch die Verlagerung von anderen Produktionslinien und Modellen nach Haren sei denkbar. Der Gewerkschaftler fordert zudem die Politik im Emsland und Ostfriesland aber auch in Hannover und Berlin auf, in Verhandlungen mit dem Unternehmen in Aurich einzutreten.


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