Im Mai lebensgefährlich verletzt Wie durch ein Wunder überlebt: Harener schildert Leben nach Arbeitsunfall

Von Harry de Winter

Matthew Möske sitzt seit dem schweren Arbeitsunfall Ende Mai im Rollstuhl. Er kämpft darum, wieder Laufen zu können. Foto: Harry de WinterMatthew Möske sitzt seit dem schweren Arbeitsunfall Ende Mai im Rollstuhl. Er kämpft darum, wieder Laufen zu können. Foto: Harry de Winter

Haren. Das Leben von Matthew Möske aus Haren-Emmeln hat sich in diesem Jahr durch einen Schicksalsschlag von einem Moment auf den anderen verändert. Bei einem Arbeitsunfall auf einer Baustelle fiel das obere Stockwerk eines Abrisshauses auf ihn herunter. Der 24-Jährige wurde lebensgefährlich verletzt, sitzt nun im Rollstuhl. Dass er das Unglück überlebt hat, grenzt laut seiner Ärzte an ein Wunder.

Der 31. Mai 2018 wird allen, die den 24-Jährigen kennen, für immer in Erinnerung bleiben. An diesem Tag war der Angestellte eines Abrissunternehmens im ostfriesischen Leer auf einer Baustelle tätig. Nach der Mittagspause machte er sich mit seinem Kollegen, der den Bagger bediente, wieder ans Werk. Möske wässerte die Baustelle, um die Staubentwicklung möglichst gering zu halten. Plötzlich stürzte das obere Stockwerk des halb abgerissenen Hauses ein. Der Emsländer wurde von den herunterfallenden Trümmerteilen getroffen und unter ihnen verschüttet. Das Abbruchhaus in Leer. Hier kam es zum Arbetsunfall von Matthew Möske. Foto: Sammlung Möske

Arbeitskollege wird zum Lebensretter

Dass er seine Geschichte überhaupt erzählen kann, verdankt er nicht zuletzt seinem Arbeitskollegen. Geistesgegenwärtig hielt dieser mit der Greifschaufel des Baggers einen ebenfalls herunterfallenden Stahlbetonträger auf, der sonst auf Möske herabgestürzt wäre. „Das wäre mein Todesurteil gewesen", sagt der Harener. „Er hat mein Leben gerettet." Anschließend sprang sein Arbeitskollege von dem Bagger und befreite ihn mit bloßen Händen aus den schweren Trümmern. Den Notarzt hatten zwischenzeitlich Nachbarn alarmiert. „Als mein Kollege sah, dass ich noch atme, ist er in Ohnmacht gefallen. Bis heute hat er mit diesem Vorfall zu kämpfen."

Beinahe wäre auch der Stahlbetonträger auf den Harener gefallen. Sein Arbeitskollege verhinderte dies mit der Greifschaufel des Baggers. Foto: Sammlung Möske

Ärzte ringen um sein Leben

Mit einem Rettungshubschrauber wurde der Harener ins Krankenhaus nach Westerstede geflogen. Doch dort wollte man ihn nicht behandeln, da das Krankenhaus nicht für solche schweren Fälle qualifiziert sei. Der 24-Jährige wurde lediglich stabilisiert und anschließend per Krankentransport nach Meppen ins Krankenhaus gefahren. Hier rangen die Ärzte weiter um sein Leben. 

Bis dahin wusste Möskes Lebensgefährtin Nadine Poker noch nichts von dem Unglück. „Ich hatte mich nur gewundert, warum er sich länger nicht mehr gemeldet hatte", sagt Poker. „Normalerweise hat er mir immer regelmäßig Whatsapp-Nachrichten geschickt und nach mir und seiner Tochter gefragt." Gegen Abend habe es an der Haustür geklingelt. Die Polizei und ein Notfallseelsorger standen vor dem Haus und klärten Poker über den Unfall ihres Mannes auf. Sofort fuhr sie ins Krankenhaus nach Meppen. Drei lange Stunden verbrachte sie im Wartebereich vor der Intensivstation. Dass er es nicht schaffen würde, daran wollte sie nicht glauben. Als sie endlich zu ihm rein durfte, sah sie ihn an Maschinen und Schläuche angeschlossen. 

Künstliches Koma

„Die Ärzte sprechen von einem Wunder, dass ich das überlebt habe", sagt der 24-Jährige. „Meiner Lebensgefährtin haben sie auf der Intensivstation im Krankenhaus gesagt, dass sie sich von mir verabschieden soll, weil ich meine Verletzungen wohl nicht überleben werde." Möske erlitt durch den Arbeitsunfall einen Schädeltrümmerbruch, Hirnblutungen, mehrere Rippenbrüche, Lungenblutungen, Wirbelbrüche an Hals und am Rücken sowie Brüche an Beinen und Füßen. Sein Leben hing an einem seidenen Faden. Wegen der Schwere der Verletzungen wurde er ins künstliche Koma versetzt.

Weil er so schwer verletzt war, hatten die Ärzte ihn ins künstliche Koma versetzt. Foto: Sammlung Möske

Große Erleichterung

„Am nächsten Tag wollte man versuchen, ihn langsam aus dem Koma zu holen", schildert die 22-jährige Lebensgefährtin. Erst dann könne man einschätzen, ob er neben den körperlichen auch geistige Schäden davon getragen habe und ob eine Querschnittslähmung vorliege. Die Erleichterung war groß, als Möske aufwachte. Auch wenn er wegen des Beatmungsschlauches nicht sprechen konnte, signalisierte er seiner Lebensgefährtin durch Händedruck, dass er sie erkannte und geistig voll da sei. An den Unfall selbst kann er sich bis heute nicht erinnern.

Erstaunlicher Heilungsprozess

Eine Woche lang blieb der 24-Jährige auf der Intensivstation und wurde anschließend für eine weitere Woche auf die Neurochirurgie verlegt. Weitere zwei Wochen verbrachte er auf der Unfallchirurgiestation, ehe er entlassen wurde. Dass der junge Mann so schnell wieder nach Hause konnte, war erstaunlich. „Die Ärzte hatten am Anfang gesagt, dass ich bestimmt vier oder fünf Monate bleiben muss", erklärt Möske. „Aber meine Verletzungen heilten alle unerwartet schnell." Dass die Heilung so schnell voran schritt, liegt für den 24-Jährigen an seiner 13 Monate alten Tochter. Sie habe ihm die Kraft und vor allem den Ansporn gegeben und sorge auch jetzt dafür, dass er weiter kämpfe.

Matthew Möske und seine Familie. Lebensgefährtin Nadine Poker und Tochter Naila-Fabienne sind froh, dass er wieder zu Hause ist. Foto: Harry de Winter

Hilfe vom Funpark

Zu Hause traten aber neue Probleme auf. Das Haus der Mutter von Nadine, in dem die Familie lebt, ist nicht barrierefrei. Überall gibt es Stufen und Treppen, die für einen Rollstuhlfahrer nur mit Hilfe zu überwinden sind. Die Dusche ist im oberen Stockwerk des älteren Hauses untergebracht und somit derzeit unerreichbar für Möske. Seine Hilfe bot der Funpark in Meppen an, in dem die Mutter arbeitet. „Sonst hätte ich wohl auf Duschen verzichten müssen", sagt Möske. „Die Duschen im Funpark sind alle ebenerdig. Wir wollen bei uns jetzt aber umbauen und für mehr Barrierefreiheit sorgen."

Belastende Blicke

Im Rollstuhl zu sitzen, ist für den 24-Jährigen sehr gewöhnungsbedürftig. „Das ist schon heftig, wie eingeschränkt man ist." An viele Orte könne er nun gar nicht mehr, weil sie nicht barrierefrei seien. Belastend seien auch die Blicke der Menschen, wenn er sich in der Öffentlichkeit bewegt. „Am schlimmsten war aber bisher, als mich jemand in der Stadt gefragt hat, ob ich die Schlägerei gewonnen hätte und wie es meinem Kontrahenten wohl gehe. Ich habe ihm daraufhin gesagt, was passiert ist. Da hat er sich ganz schnell vom Acker gemacht."

Möske kämpft nun dafür, wieder auf die Beine zu kommen. Foto: Harry de Winter

Ziel: Raus aus dem Rollstuhl

Für die Zukunft hofft Möske, nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen zu sein. „Ich möchte wieder laufen können", wünscht er sich. „Das ist mein oberstes Ziel." Wie schnell er allerdings wieder auf die Beine kommen könne, entscheide sich in den kommenden Monaten, denn es stehen noch Operationen am rechten Bein und an den Füßen an. „Wenn das alles gut verläuft, will ich meiner Lebensgefährtin einen Heiratsantrag machen. Bislang kann ich ja nicht auf die Knie gehen", scherzt er. Das Ja-Wort sei ihm allerdings jetzt schon sicher, signalisiert ihm Poker. 


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