Harenerin beteiligt sich an Kampagne Physiotherapeuten kämpfen für Verbesserungen

Von Tobias Böckermann


Haren. Mehr Geld und mehr Zeit pro Patient: das sind zwei der Hauptforderungen einer bundesweiten Kampagne von Physiotherapeuten. Auch die Harener Praxisinhaberin Susan Sauer beteiligt sich daran.

Wer kennt das nicht: der Rücken schmerzt, die Wirbel blockieren oder nach einer Operation fällt das Laufen schwer: Physiotherapeuten, früher auch als Krankengymnasten bezeichnet, helfen dabei, die Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers zu erhalten oder wiederherzustellen. Oft begleiten sie Schlaganfallpatienten oder Menschen nach einer Hirnblutung zurück in einen lebenswerten Alltag.

Aber, so lautet die derzeit laut erhobene Klage: Das System der Physiotherapie ist selbst erkrankt. Eine Kampagne soll für mehr Anerkennung des Berufes sorgen.

Auch Susan Sauer sieht das so. Die 30-jährige Harenerin ist seit sechs Jahren im Beruf, arbeitete lange als Physiotherapeutin in einer Praxis in Papenburg. Seit einem Jahr ist sie in Haren selbstständig und hat dafür von Anfang auf eine Kassenzulassung verzichtet wie sie berichtet. „Es lohnt sich einfach nicht mehr, auf Rezept zu arbeiten“, sagt sie und behandelt deshalb Privatpatienten oder Selbstzahler.

12,14 Euro bekäme sie von der Krankenkasse für eine 15 bis 25-minütige Massage, 19,49 Euro für 30 Minuten Lymphdrainage, die zum Beispiel bei Wassereinlagerungen im Gewebe unerlässlich ist. Zu wenig, um wirtschaftlich zu arbeiten, sagt Sauer. Zu wenig, um Angestellte gerecht zu bezahlen.

Lange Wartezeiten

Die auf eigenen Wunsch fehlende Kassenzulassung bedauert Sauer, denn sie sei Folge und Ausdruck eines Systems, das für die Gesunderhaltung der Menschen enorm wichtig, aber zunehmend unterfinanziert sei. Der Fachkräftemangel nehme zu, Wartezeiten für Behandlungen würden immer länger.

Das beklagen immer mehr Physiotherapeuten und deshalb hat Tim Maller aus Bad Iburg auf Twitter die Kampagne „# ohnemeinenphysiotherapeuten “ gestartet. Die Kampagne klagt an: 500 Euro koste die dreijährige Ausbildung im Monat im Schnitt. Ein Abschluss reiche aber nicht aus, sondern man müsse auch noch Fortbildungen absolvieren, die mehrere Tausend Euro kosteten, nur um dann das anwenden zu dürfen, was man in der Ausbildung bereits gelernt habe.

Drei pro Stunde

Drei Patienten pro Stunde inklusive Befund und Dokumentation seien kaum zu schaffen und bei durchschnittlich 12,64 Euro pro Stunde oder 2300 Euro brutto im Monat ergebe sich nach 40 Berufsjahren im Angestelltenverhältnis eine Rente von 900 Euro. „Wir lieben unseren Beruf, aber wenn es so weitergeht, sterben wir aus“, sagt Maller.

Auch der Bundesverband der Selbstständigen in der Physiotherapie, der VDB, schlägt Alarm. „Der Fachkräftemangel entwickelt sich zu einem zunehmenden Problem“, schrieb der VDB schon vor einem Jahr. Die flächendeckende Versorgung der Patienten sei nicht mehr gegeben, selbstständigen Physios fehlten die Mitarbeiter. Patienten müssten mit langen Wartezeiten rechnen, obwohl eine Verordnung nach Maßgabe der Krankenkassen in einem Zeitraum von 14 Tagen begonnen werden müsse.

Ein Praxisinhaber suchte schon 2017 im Durchschnitt fünf Monate nach einem neuen Mitarbeiter, nach Einschätzung von Susan Sauer dürfte diese Wartezeit in der Region noch länger sein.

Schlechte Vergütung

Durch die schlechte Vergütung im Bereich der physikalischen Therapie (Physiotherapie und Masseur/med. Bademeister), sieht Edgar Lerch, Vorsitzender des VDB-Landesverbandes Niedersachsen aus Bad Bentheim die Gefahr, dass in den niedergelassenen Praxen der bereits vorhandene Fachkräftemangel verstärkt werde. Durch die unter anderem dank Tarifverträgen bessere Bezahlung der Therapeuten in stationären Einrichtungen wanderten immer mehr Therapeuten dorthin ab. Aufgrund der geringen Vergütungen der Krankenkassen sei es den Praxisinhabern aber nicht möglich, vergleichbare Gehälter zu bezahlen.

In der Politik ist das Thema schon vor einiger Zeit angekommen. Mit Roy Kühne aus Goslar sitzt auch ein Physiotherapeut als Abgeordneter im Bundestag. Die für Haren zuständige Abgeordnete Gitta Connemann (CDU) berichtet auf Anfrage, Kühne habe in der abgelaufenen Legislaturperiode eine Änderung des Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetzes (HHVG) auf den Weg gebracht und damit einige Verbesserungen erreicht, unter anderem die Entkopplung von der Grundlohnsumme, die mehr Spielraum für höhere Entlohnung biete. Durchschnittlich sei hier ein Zuwachs um 32 Prozent über drei Jahre vereinbart worden.

Politik will sich kümmern

Auch im aktuellen Koalitionsvertrag fordere die CDU Abschaffung des Schulgeldes, sagt Connemann, die sich selbst bei Praxisbesichtigungen in der Region mit dem Thema beschäftigt hat. Die Schulgeldkosten lägen im Durchschnitt bei 12.000 Euro für drei Jahre. Dies müsse allerdings von den einzelnen Bundesländern umgesetzt werden. „Mit diesem Schritt würde die Attraktivität des Berufs gravierend verbessert werden.“

Aber auch diese Maßnahmen reichten nicht aus, sagt Connemann. Ihr Kollege Kühne habe deshalb ein „Sofortprogramm Therapieberufe“ entworfen, das die sofortige Umsetzung der vereinbarten 32 Prozent Erhöhung fordert. Außerdem solle es weitere 28 Prozent Vergütungserhöhungen im ambulanten Bereich geben, um die Lohndifferenzen zwischen ambulant und stationär ausgleichen zu können. Langfristig fordere man die Vereinbarung von festen Untergrenzen für Vergütungsanpassungen. „Darüber wird derzeit diskutiert“, sagt Connemann.

151.000 Unterschriften

Die Internetkampagne der Physiotherapeuten läuft derweil weiter, auch einige Prominente wie der Sportler Joey Kelly oder die Profitänzer von Let´s Dance haben sich einbinden lassen. Rund 151.000 Menschen haben eine online-Petition unterschrieben. Sie fordert die Einführung flächendeckender Schulgeldfreiheit und des Studiums zum Bachelor of Science Physiotherapie, die Integration wichtiger Zertifikate in die Ausbildung, die Anhebung der Kassensätze und die Erhöhung der Behandlungszeiten.