„Krankheit mit 1000 Gesichtern“ Multiple Sklerose: Betroffene Emsländer sprechen über Erkrankung

Von Harry de Winter

Schilderten ihre Erfahrungen mit Multipler Sklerose (von links): Angelika Nehus (DMSG Emsland), Torsten Möller, Andrea Feringa und Monika Theismann. Foto: Harry de WinterSchilderten ihre Erfahrungen mit Multipler Sklerose (von links): Angelika Nehus (DMSG Emsland), Torsten Möller, Andrea Feringa und Monika Theismann. Foto: Harry de Winter

Haren. Wer an Multiple Sklerose, kurz MS, denkt, hat schnell einen Rollstuhlfahrer vor Augen, der nur mit Mühe am alltäglichen Leben teilnehmen kann. Doch MS verläuft bei jeden anders und wird deshalb auch die Krankheit mit den 1000 Gesichtern genannt. Drei Emsländer schildern anlässlich des heutigen Tages der Multiplen Sklerose ihre Geschichte mit der Erkrankung, welche Symptome sie haben und wie sie mit ihr umgehen.

„Multiple Sklerose ist eine Krankheit mit 1000 Gesichtern“, sagt Angelika Nehus von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) Emsland in Haren. Die Krankheit könne sich bei Betroffenen nur leicht bemerkbar machen, aber auch bis zur Bettlägerigkeit führen. „Genauso unterschiedlich ist auch der Verlauf. Bei dem einen verläuft sie in Schüben, beim anderen als schleichender Prozess“, sagt die hauptamtliche Mitarbeiterin der Beratungsstelle.

Ihre ganz eigenen Erfahrungen mit MS haben Torsten Möller, Andrea Feringa und Monika Theismann mit der Krankheit gemacht. Die beiden Erstgenannten sind Betroffene, die Letztgenannte Angehörige eines Erkrankten. Alle drei lernten sich durch die Selbsthilfegruppen der DMSG kennen.

„Ein echter Schock“


Torsten Möller erkrankte 2015 an Multipler Sklerose. Foto: Harry de Winter


Der 39-jährige Torsten Möller aus Herzlake bekam seinen ersten MS-Schub vor drei Jahren. Plötzlich habe er Probleme beim Sprechen und Sehen gehabt, berichtet der Betroffene. Außerdem sei die linke Gesichtshälfte gelähmt gewesen. Mit Verdacht auf einen Schlaganfall wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. „Das war ein echter Schock“, sagt Möller. „Ich bekam eine Thrombose-Therapie verordnet. Die Ärzte konnten aber keine Anzeichen für einen Schlaganfall bei mir entdecken. Also haben sie weitergeforscht, bis sie durch eine Untersuchung im MRT Entzündungen in meinem Kopf feststellten und MS diagnostizierten.“ Der zweite Schub folgte ein halbes Jahr später und führte den gelernten Zerspannungsmechaniker letztendlich in die Arbeitsunfähigkeit, da erneut sein Sehvermögen betroffen war. 

Neues Medikament

„Echte Hilfe“ erfuhr Torsten Möller in einer Reha-Klinik, schildert er. „Ich musste vieles neu lernen und trainierte die Muskelpartien, die durch die MS in Mitleidenschaft gezogen wurden. Außerdem wurde mein Medikament, das ich bis dahin genommen habe, umgestellt. Den Tipp dafür hatte ich übrigens in der Selbsthilfegruppe bekommen. Seit dem geht es mir besser.“ Insgesamt wurden fünf MS-Schübe bei Möller diagnostiziert. Seit März 2017 ist er nun schubfrei. „Mein aktuelles Medikament, Tecfidera, vertrage ich sehr gut. Somit brauche ich auch keine hoch dosierte Cortison-Behandlung, die sonst nach einem Schub verabreicht wird. Diese ist nämlich echt unangenehm und macht einen entweder total müde oder hyperaktiv.“ 

Neuen Mut gefunden

Trotz des recht positiven Verlaufs fiel der Vater zweier Kinder während seiner Erkrankung in eine schwere Depression. Ohne seine Familie und die DMSG hätte er es nicht geschafft, weiterzumachen, sagt er. „Mir fehlte etwas Greifbares. Der Jobverlust setzte mir stark zu. Ich schrieb und schrieb Bewerbungen, aber spätestens im Vorstellungsgespräch erhielt ich eine Absage.“ Doch kürzlich fand Möller einen Arbeitgeber, der ihm eine Chance geben wollte. Mit fünf Stunden pro Woche will er nun langsam den Weg zurück in die Arbeitswelt wagen. „Und dann werde ich im August auch noch zum dritten Mal Vater. Das hat mich dann schlussendlich aus meinem Gemütstief geholt.“

Mit Kribbeln im Bein fing es an


Mit einem Kribbeln im Bein fing es bei Andrea Feringa 2010 mit MS an. Foto: Harry de Winter


Bei Andrea Feringa nahm die MS einen ähnlichen Verlauf, wenn auch nicht ganz so dramatisch, wie bei dem Herzlaker. Vor acht Jahren hatte die 39-Jährige, die aus Haren-Rütenbrock stammt, ständig ein Kribbeln im Bein. „Das war total lästig“, sagt sie. „Ich bin von Arzt zu Arzt gelaufen. Doch keiner konnte den Grund feststellen.“ Erst ein Neurologe stellte über eine Untersuchung im MRT eine chronische Nervenentzündung fest, die auf MS zurückzuführen war. „Die Diagnose MS hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich war fertig und habe nur noch geweint“, schildert Feringa. „Mein Mann aber stand mit zur Seite und hat gesagt, dass wir das zusammen durchstehen.“ 

Cortison-Therapie

Auf die Rütenbrockerin kam nun eine Cortison-Therapie zu, die sie rund zwei Wochen außer Gefecht setzte. Anschließend begann eine Behandlung mit dem Medikament Avonex. Im Gegensatz zu Möller, der dieses Medikament, welches gespritzt werden muss, nicht gut vertragen hat, schlug die Behandlung bei ihr gut an. „Ich muss mich jetzt ein Mal pro Woche für zehn Minuten mit MS beschäftigen, wenn ich mich spritze. Sonst lebe ich ganz normal“, erklärt Feringa. 

Schubfrei

Trotzdem blieb Andrea Feringa 2011 ein zweiter MS-Schub nicht erspart. Betroffen war dabei ihr rechter Arm. Die 39-Jährige konnte plötzlich beim Essen das Besteck nicht mehr gerade halten und hatte Probleme mit der Koordination. Hinzu kam, dass ihre rechte Gesichtshälfte taub und teilweise gelähmt war. „Ich hatte Glück, dass die Therapie gut anschlug und ich die Symptome überwunden habe. Bis heute habe ich keinen weiteren Schub bekommen“, sagt die Betroffene.

„Stuhlkreis mit heulenden Menschen“


Kennengelernt haben sich die Betroffenen in den Selbsthilfegruppen der DMSG. Foto: Harry de Winter


Feringa und Möller gehen beide regelmäßig zu den Treffen der Selbsthilfegruppen der DMSG in Haren. Beide hatten vorher Vorurteile über Selbsthilfegruppen. „Ich habe mir das als ein Stuhlkreis mit heulenden Menschen vorgestellt“, erinnert sich Torsten Möller. „Aber ich habe hier schnell gemerkt, dass es um mehr geht. Wir sprechen hier nicht nur über die Krankheit, sondern auch über unseren Alltag, unsere Ängste, geben uns Tipps, hören zu.“ Auch Andrea Feringa wusste nicht so recht, ob sie wirklich zu den MS-Teffen gehen sollte. „Ich habe mich dann überwunden und bin einfach hingegangen, nachdem ich ein Seminar an der Historisch Ökologischen Bildungsstätte (HÖB) in Papenburg besucht hatte. Jetzt bin ich froh, dass es diese Selbsthilfegruppe gibt. Sie gibt mir Kraft und Mut. Und ich kann anderen zur Seite stehen.“

Späte MS-Diagnose


Monika Theismanns Ehemann ist seit über 30 Jahren an MS erkrankt. Foto: Harry de Winter


Hier lernten die beiden auch Monika Theismann kennen. Die 53-Jährige aus Osterbrock nimmt schon seit vielen Jahren an den Treffen der Selbsthilfegruppe teil. Ihr Ehemann Walter ist seit mehr als 30 Jahren an MS erkrankt, er ist mittlerweile pflegebedürftig und ist oft auf einen Rollstuhl angewiesen. „Als die Krankheit bei ihm ausbrach, wusste man noch nicht viel über MS“, schildert die Angehörige. „Da mein Mann stark gezittert hat, haben die Ärzte ihm unterstellt, dass er Alkoholiker wäre, konnten aber sonst nichts feststellen. Bis endlich diagnostiziert wurde, dass er MS hat, ist eine lange Zeit vergangen.“

Schleichender Prozess

Da es erst seit etwa 15 Jahren zugelassene Medikamente für die Behandlung von MS gibt, hat sich Theismanns Ehemann selbst therapiert, und zwar bis heute ausschließlich mit eisernem Willen. Dafür hat er unter anderem eigene Übungen an diversen Fitnessgeräten entwickelt. Im Gegensatz zu Feringa und Möller verlief die Krankheit bei ihm nicht in Schüben, sondern als schleichender Prozess. Halt und neuen Mut bekamen die Eheleute Theismann in den Selbsthilfegruppen der DMSG. „Wir haben uns mit der Krankheit arrangiert“, sagt die Osterbrockerin. „Wir waren sogar vor drei Jahren noch auf Kreuzfahrt im Mittelmeer. Das war so ein kleiner Traum von uns, den wir uns erfüllt haben.“

„Arbeit erfüllt mich“


Angelika Nehus ist die gute Seele der DMSG im Emsland. Sie kümmert sich hauptamtlich um alle Belange des Vereins. Foto: Harry de Winter


Angelika Nehus ist seit 2007 die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin der DMSG Emsland. Zuvor hatte die 54-Jährige aus Haren keine Berührungspunkte mit MS. Heute plant und koordiniert sie für Betroffene und ihre Angehörigen Freizeiten, Infoabende, Vorträge und natürlich die Treffen der Selbsthilfegruppen. „Ich möchte nichts anderes mehr machen“, sagt Nehus, die eigentlich gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte ist. „Diese Arbeit erfüllt mich und ich glaube, ich kann hier Gutes tun.“ 

Die Arbeit der DMSG

Vor mehr als 30 Jahren wurde in ehrenamtlicher Arbeit die DMSG Landkreis Emsland gegründet. In der Beratungsstelle in Haren laufen alle Fäden zusammen. Sie ist Anlaufstelle für alle Betroffenen, Angehörigen und Interessierten. Hier wird geplant und beraten oder es werden Informationen weitergegeben, wo Betroffene Hilfe bekommen können. Das oberste Ziel des Vereins ist, MS-Betroffenen zur Seite zu stehen und ein offenes Ohr zu haben. „Die Diagnose MS stellt für alle das Leben auf den Kopf“, erklärt Nehus. „Wir versuchen bei der Bewältigung der unterschiedlichsten Probleme, die im Alltag auftreten können, zu helfen.“ 

Alle weiteren Informationen und Kontaktadressen gibt es unter www.dmsg-emsland.de.


Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie ist eine Autoimmunkrankheit bei der sich das Immunsystem gegen den Körper selbst richtet. Die Abwehrzellen greifen die Schutzschicht der Nervenfasern (Myelinscheiden) an. Dadurch entsteht eine Entzündungsreaktion, die zu einem langsamen Abbau der Myelinscheiden führt. Die Folge ist eine Funktionsstörung der betroffenen Nerven, die sich zum Beispiel als Seh- oder Hörstörung äußern kann.

In Deutschland sind schätzungsweise 200.000 Menschen von MS betroffen. Frauen erkranken etwa dreimal häufiger als Männer. Die Krankheit kann in jedem Lebensalter auftreten. Am häufigsten beginnt sie um das 30. Lebensjahr. Auch Kinder und Jugendliche sind davon betroffen. Derzeit sind etwa drei bis fünf Prozent der MS-Patienten unter 16 Jahre alt.

Bis heute ist die genaue Ursache der Multiplen Sklerose nicht bekannt. Es wird vermutet, dass verschiedene erbliche und äußerliche Umstände aufeinandertreffen müssen, damit die Krankheit ausbricht. Langfristig kann die MS zu schweren Behinderungen führen. Weil die Beschwerden so unterschiedlich sind, kann es lange dauern, bis ein Arzt eine MS diagnostiziert.

Multiple Sklerose ist nicht heilbar. Die Behandlung kann aber die Beschwerden während eines Schubs verringern, weiteren Schüben vorbeugen, das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und das Auftreten schwerer Behinderungen verhindern oder hinauszögern.