Schlaraffenland im Moor Wie Rütenbrock 1916 vom Schmuggel profitierte

Von Horst Heinrich Bechtluft

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Landstürmer des Ersten Weltkriegs in Rütenbrock sollten die Grenze zu den neutralen Niederlanden bewachen. Foto: Sammlung Bechtluft, TwistLandstürmer des Ersten Weltkriegs in Rütenbrock sollten die Grenze zu den neutralen Niederlanden bewachen. Foto: Sammlung Bechtluft, Twist

Meppen. Es war ein Irrtum, als der Autor Arthur Wolf während des Ersten Weltkriegs die Massen des Torfs im Bourtanger Moor für unerschöpflich hielt. „Er reicht für viele Hunderte von Jahren“, schrieb er nach einer Moorwanderung von Walchum über Rütenbrock und Schöninghsdorf bis nach Meppen. Heute, 100 Jahre später, sehen wir den Abbau von Torf sich dem Ende zuneigen.

Die Landschaft beeindruckte den Wanderer im Kriegssommer 1916 mit ihrer unendlichen Weite am Süd-Nord-Kanal: „Eichen- und Birkenalleen längs des endlosen Kanals spiegeln sich in dem kaffeebraunen Wasser, weiße Wolken hellen den dunklen Streifen auf… Torfstich liegt bei Torfstich dicht neben dem Kanal, unerschöpflich ist der Vorrat an Brennstoff.“ Wolfs Aufsatz „Im Bourtanger Moor“ erschien einige Jahre später in populären Schulbüchern zur Landeskunde (Schlipköter und Pferdmenges: „Norddeutschland“, 1923; Fritz Gansberg: „Deutschland in Lebensbildern“, 1927). Der anschauliche Text dürfte das Bild vom alten Emsland bei Hunderttausenden Schülern in ganz Deutschland geprägt haben.

Gleichzeitig schildert der Autor historisch interessante Einzelheiten zum Geschehen des Weltkriegs 1914 bis 1918 in der Region. Nach dem Überqueren der Ems mit der Fähre bei Steinbild werden Arthur Wolf und sein Begleiter von einem Unteroffizier des Landsturms verhaftet. Der Landstürmer hält die beiden für Spione im Grenzgebiet zu den neutralen Niederlanden. Mehrmals werden die Fremden hinter vorgehaltener Hand gefragt, ob sie nicht an Kartoffeln oder Speck interessiert seien. Die Einheimischen glauben, sie seien „Hamsterer“ aus der hungernden Großstadt.

„Bringt Ihr den Frieden?“

Das Gasthaus in Rütenbrock, in dem sie übernachten, erscheint den Moorwanderern dann als ein Stück Schlaraffenland im Deutschland des Ersten Weltkriegs: „Hier fragt niemand nach unseren Brot- und Fleischkarten… Teller und Schüsseln mit Eiern und Kartoffeln in Speck werden aufgetischt. Alles schwimmt in Fett. Schwarz- und Weißbrot schneidet jeder nach Belieben. Dazu gibt’s saftigen holländischen Käse und einen Trumm goldgelber Butter, der in Leipzig, wo auf den Kopf wöchentlich 70 Gramm kommen, einen Volksauflauf erregen würde. Tee, Milch und Zucker werden reichlich aufgetragen. Eine Kompagnie Landsturmleute hält die Grenzwacht, und am Abendtisch erzählen die Wehrmänner von nichts anderem als von dem Schmuggel, der hier mit holländischen Waren getrieben wird.“

In Groß-Fullen erreichen die Wanderer wieder den Saum des Moores. In der Herberge werden sie von der greisen Wirtin begrüßt, die von einem serbischen Kriegsgefangenen wie von einem Sohn gestützt wird. „Bringt Ihr den Frieden?“, ist deren erste Frage (im Kriegsjahr 1916!). Arthur Wolf schreibt: „Und als wir trauernd verneinen, klagt sie tief: ‚Dat is slimm‘! Beim Scheiden drücken wir ihr die Hand: ‚Im Frieden kommen wir wieder‘.“


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