Aufführung der Theater-AG Dürrenmatt sozialkritisch fokussiert in Haren inszeniert

Von Petra Heidemann

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Haren. Mit spielerischer Leichtigkeit und interpretatorischem Tiefgang hat die Theater-AG Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ im Harener Gymnasium auf die Bühne gebracht und dabei die Frage, wie weit sich ein Mensch im „Rudelschutz“ von seinen moralischen Grundsätzen entfernen kann, den Zuschauern unter die Haut gehen lassen.

30 Akteure, darunter auch vier Lehrkräfte und ein ehemaliger Schüler, hatten sich im Vorfeld unter der einfühlsamen Leitung von Kathrin Kleesiek-Herding intensiv mit der in Dürrenmatts Tragikomödie thematisierten ethischen Problematik auseinandergesetzt - kein einfaches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die jüngsten Schauspieler gerade erst der siebten Klassenstufe entstammen. Umso bemerkenswerter ist die Leistung, mit welch mimischer Dichte sich das Bühnengeschehen vollzog. Jede Hintergrundhandlung, jede Interaktion am Rande der Szenen wurde nuanciert ausgespielt und gaben dem Ganzen Tragkraft und Glaubwürdigkeit. Den Bezug zum „Heute und Hier“ schuf ein Bahnhofsschild am Bühnenrand, das den Ort „GÜLLEn“ - mit dieser Schreibweise im Sinne Dürrenmatts bewertend - an die Ems positionierte.

Vier ältere Bürger am Bahnsteig

Vier ältere Bürger am Bahnsteig kennzeichnen die Verlassenheit des Ortes, indem sie den genauen Fahrplan der hier immer nur vorbeifahrenden Züge zitieren, bis eben Claire, die inzwischen „alte Dame“, eine Zäsur setzt, per Notbremse den Zug zum Halten zwingt. Ebenso zwingend beginnt sie, die Fäden des gesellschaftlichen Netzwerks des Dorfes aufzulösen und für ihren Rachezweck neu zu knüpfen. Geprägt von ihrer Vertreibung nach mit unlauteren Mitteln verlorenem Vaterschaftsprozess, vom Verlust ihres Kindes, geprägt vom Überlebenskampf in Prostitution und nach einem Flugzeugabsturz, ist sie durch Heirat zu Vermögen gekommen. Und nicht nur ihre Knochen sind eiskalte Prothesen, die sie aufrecht halten. Wie wenig Bedeutung sie nun einer Beziehung zumisst, offenbart sich dem Zuschauer in der Vielzahl der Ehen, die teilweise nur Stunden bestehen.

Insolvente Kleinstadt

Die vom Leben abgehängte, völlig insolvente Kleinstadt erhofft sich von Claires Wiederkehr großzügige Unterstützung, eilt ihr doch der Ruf der Wohltäterin voraus. Claire, die Vanessa Horstig souverän als Grand Dame Szene-beherrschend verkörperte und bis in Lidaufschlag und Fingerspitzen spannungshaltend ausgespielte, bleibt unberührt von den schleimigen Bemühungen der Honoratioren, stellt aber eine Milliarde für Stadt und Bürger in Aussicht, wenn jemand Alfred, den wahren Vater ihres toten Kindes, tötet. Während sich kopflose Genusssucht auf Pump bei den Bürgern ausbreitet, zerreißt es Alfred zwischen biederem Kaufmannsleben, der sich verdichtenden Erkenntnis seiner Schuldhaftigkeit und den romantischen Erinnerungen, die Claire in Waldszenen, die an Shakespeare-Inszenierungen erinnern, bewusst wachruft. Eva Balcke gelang es hervorragend, den Prozess erlebbar werden zu lassen, der sich in Alfred vollzieht - vom unbescholtenen Bürger über nackte Angst vor dem unkalkulierbar gewordenen Handeln seiner Mitbürger zum aufrechten Sich-der-Vergangenheit-Stellen. Unter Claires Anspruch, „Gerechtigkeit kaufen“ zu können, „Konjunktur für eine Leiche“ zu bieten, werden die Bürger zu Marionetten. Das Virus persönlichen Profitstrebens tarnt sich als scheinheilige Verantwortung für das Gemeinwesen: Maria Sophie Deters gab dem als Bürgermeister höchst anschaulich Gestalt; der Arzt (überzeugend von Hanna Wösten dargestellt) beugt sich der Order Claires in seiner Todesdiagnose; auch dem Pfarrer, dem Anna von Herz die richtige Mischung aus Amtsbemühen und zu belächelnder Schwäche gab, findet keine Distanz; das Werte deklarierende Bildungsbürgertum verrennt sich in den Alkohol, Tina Schnelte zeichnete alle Fassetten des Lehrers typisierend. Frauen, „kleine“ Beamte, selbst die Vertreter der Medien lassen sich im aufoktroyierten Spiel der „alten Dame“ instrumentalisieren, sind Teil des einstimmigen Schuldspruchs, lassen diesen für die Kamera sogar wiederholen und machen ihn damit zum billigen Medienreißer.

30 Akteure

Jeder der 30 Akteure füllte seine Rolle, gab ihr Bedeutung für das Ganze. Jedem gelang die Dürrenmatt’sche Gratwanderung, tragische Gesellschaftsanalyse mit skurriler Komik an den Zuschauer zu transportieren, wie die Gänsehaut verursachenden Auftritte der kleinen Monstren oder des ehemaligen Richters in seiner kalt-perfekten Butlerfunktion, Claire geradezu hörig. Nicht nur Mattis Bohlen kommentierte mit seiner Gitarre leise, sondern auch satirisch eingesetzte musikalische Off-Einspielungen ließen aufhorchen.

Im während des Stückes durchgängig präsenten Sarg wurde schließlich nicht nur Alfred zu Grabe getragen, sondern gesellschaftliche Sozialtugenden, die zwecks persönlicher Vorteilsnahme gemeinschaftlichen Mord zur gemeinschaftlichen Pflichterfüllung deklarieren. Das zu vermitteln, bedarf nicht nur des nahezu perfekten Zusammenspiels des Ensembles, sondern auch des gezeigten Mutes, Spannungsbögen durch Schweigen wirken zu lassen - das zeugte von spielerischer Leidenschaft und ließ den Theaterabend zu einem Dürrenmatt würdigen Erfolg werden.


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