Eltern kämpfen für Daniel Müller Agentur verwehrt Harener Autist Berufsausbildung

Von Hermann-Josef Mammes

Stolz präsentiert der 18-jährige Daniel seinen Klapptisch, den er selbst in der Johannesburg in Surwold angefertigt hat. Foto: Hermann-Josef MammesStolz präsentiert der 18-jährige Daniel seinen Klapptisch, den er selbst in der Johannesburg in Surwold angefertigt hat. Foto: Hermann-Josef Mammes

Haren. Der Harener Daniel Müller ist 18 Jahre alt und Autist. Bürokratische Hürden verhindern, dass er eine zweijährige Fachwerkerausbildung in Surwold im Tischlerhandwerk absolvieren kann.

Seit dem Sommer 2017 sitzt der junge Mann, der einen Schwerbehindertenausweis (50 Prozent) besitzt, jetzt Zuhause. Die fatalen Folgen beschreibt seine Mutter Silvia im Gespräch mit unserer Redaktion: „Er lässt den Kopf hängen. Er verkriecht sich in seinem Zimmer.“ Sein ganzes Selbstbewusstsein, das er sich gerade in den vorherigen zwei Jahren aufgebaut habe, sei wieder dahin. Auch die notwendige psychotherapeutische Unterstützung, die im Monat Kosten von 400 bis 500 Euro verursacht, erhält er nicht mehr.

Guter Anfang

Dabei schien der Start ins Berufsleben für den jungen Mann anfangs durchaus möglich: Ab Mitte 2015 besuchte Daniel die Johannesburg in Surwold. Dabei handelt es sich um eine katholische Einrichtung der Jugendhilfe. Der damals 15-Jährige begann nach seiner neunjährigen Schulzeit an der Förderschule Lernen in Haren mit der einjährigen Berufseinstiegsklasse. Hier testete der Fußballfan von Schalke 04 die Metalltechnik und die Holzverarbeitung. Diese Maßnahme wurde nach Angaben seiner Eltern Silvia und Werner Müller „damals aus Mitteln der Jugendhilfe über den Landkreis Emsland“ größtenteils finanziert. Einen Teil der Kosten trugen die Eltern. Daniel erhielt zudem jede Woche in Surwold für zwei Stunden Besuch von Mitarbeitern des Autismus Therapiezentrums Meppen. Der Jugendliche war auf die Therapie angewiesen. Nach Angaben der Eltern machte ihr Junge große Fortschritte.

Tagesablauf klar strukturiert

Nach einem Jahr sollte sich eine weitere einjährige berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) anschließen. Kostenträger wurde jetzt aber die Agentur für Arbeit. Daniel wurde weiterhin morgens um 7 Uhr vom VW Bus der Johannesburg von Zuhause abgeholt und abends um 17 Uhr zurückgebracht. Der Kleinbus startet immer morgens in Meppen und sammelt Jugendliche ein, um sie zur Johannesburg zu bringen - jedoch ohne Daniel. Anfangs wollte die Agentur für Arbeit die beiden wöchentlichen Therapiestunden nicht bezahlen. „Mit unserem Rechtsanwalt haben wir die Weiterzahlung aber durchgeboxt“, erinnert sich Werner Müller. Hierzu bedurfte es aber auch erst eines Beschlusses des Sozialgerichtes Osnabrück vom 13. Juli 2017, also kurz vor Beendigung der Maßnahme.

Große Fortschritte

Wenige Tage später endete die einjährige berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. Daniel hatte große berufliche Fortschritte gemacht. Die Johannesburg GmbH war bereit, Daniel ab September 2017 zum Fachwerker im Holzbereich auszubilden. In der damaligen Stellungnahme der Bildungseinrichtung heißt es: „Daniel entwickelt sich zurzeit sehr positiv. Sowohl schulisch als auch praktisch scheint eine Ausbildung zum Fackpraktiker für Holzverarbeitung für möglich.“ Zudem sei er „freundlich“, „sehr offen“ und habe „gute Umgangsformen“.

Agentur uneinsichtig

Doch zur Ausbildung kam es trotzdem nicht. Die Agentur für Arbeit zeigte sich uneinsichtig. Daniel sollte plötzlich die Ausbildung im Christophorus-Werk in Lingen absolvieren, dort gebe es auch Fachpersonal für Autismus. Allerdings hätte der 18-jährige allein die An- und Abreise mit der Bahn von Haren nach Lingen bewältigen müssen. „Das kann Daniel aber nicht“, sagen die Eltern. Der Junge lebe einfach in seiner eigenen Welt. Er würden vermutlich häufig viel zu spät kommen, weil er sich unterwegs „zu schnell ablenken lässt“.

Junge überfordert

Darauf schlug die Bundesagentur für Arbeit vor, Daniel soll stationär im Christophorus-Werk untergebracht werden. „Damit wäre er einfach überfordert“, sagt seine Mutter. Ein neues Zuhause und eine neue Arbeitsstätte würden den Jungen komplett aus der Bahn werfen. Die Eltern zitieren stattdessen ihren Sohn, der immer wieder sage: „Ich will in meine Firma zurück.“

Gutachten macht Hoffnung

Die Eltern lassen bis heute nichts unversucht, um ihr Ziel zum Wohl des Sohnes doch noch durchzusetzen. Neue Hoffnung schöpfen sie aus einem psychologischen Gutachten. Die Agentur für Arbeit selbst hatte das Gutachten bei einer Diplom-Psychologin in Auftrag gegeben. Die Untersuchung fand am 11. Januar 2018 in Nordhorn statt. Daniel sagte der Psychologin, dass es ihm „in der Johannesburg gut gefallen hat, und er dort gerne Holzarbeiten nachging“. Die Gutachterin kommt zu dem Ergebnis, dass sich Danieles „psychische Verfassung in den letzten Monaten verschlechtert hat“. Es sei ungünstig, dass er „keine psychotherapeutische Unterstützung“ mehr erhält. Für eine Ausbildung empfiehlt die Psychologin eine „engmaschige sozialpädagogische und psychotherapeutische Begleitung“. Sie geht auch auf den Vorschlag der Agentur für Arbeit ein, Daniel im Christophorus-Werk in Lingen ausbilden zu lassen: „Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die Unterbringung in einem Internat wird Daniel aktuell sehr schwer fallen.“ Das Resümee der Psychologin ist eindeutig: „Veränderungen der Wohnsituation oder die Einübung der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel könnten sich hemmend auf einen Ausbildungserfolg auswirken.“

Agentur bleibt stur

Trotz des Gutachtens bewegt sich die Agentur für Arbeit bislang nicht. Daniel fällt inzwischen die Decke auf den Kopf. In den ersten Monaten seines unfreiwilligen Nichtstuns konnte er wenigestes noch Gartenarbeiten durchführen. Hin und wieder sind seine hervorragenden Gedächtnis-Fähigkeiten gefragt. „Wenn ich etwas verlegt habe, weiß Daniel fast immer, wo es ist“, sagt seine Mutter. Etwas Abwechslung erfährt der Autist durch ein Hobby, das er erfolgreich betreibt. Daniels große Leidenschaft ist das Luftgewehrschießen. Der 18-Jährige ist sogar amtierender Vereinsmeister bei den Herren (Altersklasse A) beim Schützenverein Emmeln.

Klare Weisung befolgt

Auf Anfrage der Redaktion sagte Bereichsleiter Christian Giesen von der Agentur für Arbeit in Nordhorn: „Aus Datenschutzgründen können wir keine Auskünfte geben.“ Gleichwohl habe seine Behörde „rechtlich einwandfrei gearbeitet“. Gerade bei der Autismus-Therapie handele es sich um eine „Hilfe zum Leben aber nicht zum Arbeitsleben“. In diesem Fall gebe es eine klare Weisung der Agentur für Arbeit, an die der Sachbearbeiter gebunden sei. „Wir können also generell keine Autismus-Therapie bezahlen.“ Auf die Frage, ob denn die gewünschte Ausbildung auf der Johannesburg für Daniel Müller möglich sei, sagte Giesen: „Das ist derzeit keine Alternative.“


Autismus

Beim Autismus handelt es sich um eine angeborene veränderte Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung des Gehirns. Eindrücke werden zu stark zu schwach, bruchstückhaft oder verzögert verarbeitet. Dadurch erleben autistische Menschen ihre Umwelt anders als nicht behinderte Menschen. Sie empfinden ihre Umgebung häufig als Chaos, was zu Veränderungsängsten, Panikzuständen oder dem totalen Rückzug in sich selbst, zu Sprachlosigkeit oder anderen Verhaltensauffälligkeiten führen kann.