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Zwei Leben in einem Zeitzeuge „Sally“ Perel zu Gast in Hagener Oberschule

Von Claudia Sarrazin | 30.07.2014, 16:34 Uhr

„Ich war Hitlerjunge Salomon“ heißt die Autobiografie von Salomon „Sally“ Perel, und dieser war vor Kurzem in der Hagener Oberschule zu Gast. Dort hörten die Schüler dem Zeitzeugen gebannt zu und baten ihn anschließend um gemeinsame Fotos anstelle von signierten Büchern.

Es war warm und stickig im Medienraum, in dem Perel an einem heißen Julitag auf seiner Lesereise Station machte. Dennoch hörten ihm seine jungen Leser konzentriert zwei Schulstunden lang zu. „Es ist eine gute Tradition, dass Herr Perel zu uns kommt“, berichtete Lehrer Marcus Sprick. Seit 2009 bewerbe sich die Schule jedes Mal, wenn dieser auf Lesereise in der Region sei. „Dieses Schicksal, das er hat, ist einfach einzigartig.“ Und zur Vorbereitung auf den Besuch hätten seine Schüler natürlich auch diesmal den Film „Hitlerjunge Salomon“ gesehen.

Perel war gekommen, um den Schülern seine 1990 verfilmte Lebensgeschichte zu erzählen, und er stellte fest: „Deutschland ist anders als damals.“ Gemeint war die Nazi-Zeit, damals führte er zwei Leben in einem.

Alles begann, als ein deutscher Soldat den damals 16-Jährige in Weißrussland fragte, ob er Jude sei. Diese Frage brachte ihn zum Nachdenken: „Was ist wichtiger – Glaube oder Leben?“ Hätte er die Wahrheit gesagt, hätte Perel den Tag nicht überlebt. Er griff daher zur „einzigen Waffe“, die ihm zur Verfügung stand: der Lüge. „Nö, ich bin doch kein Jude, sondern Volksdeutscher“, rief Perel. Denn seine Mutter habe ihm zum Abschied den „Befehl“ gegeben, er solle Leben. Sein Vater hingegen habe ihn mit den Worten „Sally, vergiss nie, wer du bist, bleibe ein Jude, dann beschützt dich Gott“ verabschiedet. Sally entschied sich für das Leben. Das bedeutete, aus Sally wurde Josef, kurz „Jupp“, ein Volksdeutscher und Hitlerjunge.

Dabei wurde Perel 1925 als Kind jüdischer Eltern in Peine geboren. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde seine Familie Opfer von Pogromen und Diskriminierung. Daher zog die Familie nach Lodz in Polen. Doch als die deutsche Armee am 1. September 1939 Polen überfiel, waren die Juden auch dort nicht mehr sicher. Deshalb schickten seine Eltern ihre beiden Söhne alleine in Richtung Russland und hofften, dass diese dort in Sicherheit gebracht werden können. Auf der Flucht wurden Sally und sein Bruder Isaak jedoch getrennt. Sally landete in einem Waisenhaus in Grodno und stand kurz darauf vor dem besagten deutschen Soldaten.

Er schaffte es im Anschluss, seine wahre Identität weiterhin zu verschleiern und kämpfte zwei Jahre an der Front gegen die Sowjetunion. Dann wurde er ins „Vaterland“ versetzt und kam auf eine Schule der Hitlerjugend (HJ). Als Perel von dieser Zeit erzählte, begann der heute in Israel lebende Jude seine Sätze mitunter ganz selbstverständlich mit Formulierungen wie: „Wir Hitlerjungen“ oder „Als ich Hitlerjunge war“. Dabei hatte er kurz zuvor noch berichtete, wie er sich vor medizinischen Untersuchungen drückte, um nicht als beschnittener Jude aufzufliegen.

Am Ende seines Berichtes appellierte Perel an die Schüler: „Engagiert Euch für den Frieden, ihr seid die Zukunft!“ Und er erklärte, seine Geschichte solle für die Schüler zum Auftrag werden. „Ihr hört heute eventuell den letzten Zeitzeugen. Deshalb seid ihr ab jetzt Zeitzeugen.“ Denn die Wahrheit müsse wachgehalten werden.

Nach zwei besonderen Geschichtsstunden stellte Kenny (16) fest: „Es ist auf alle Fälle gut, von einem echten Zeitzeugen zu hören, wie der Zweite Weltkrieg war.“ Und Jannik (16) bat Perel, um ein Foto mit ihm. Der Schüler war bei Weitem nicht der Einzige, der mit dem Gast ein „Selfie“ machen wollte. Das sind Selbstporträts, die mit einem Smartphone aufgenommen werden, um die Fotos anschließend in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen.

Dario (15) zeigte sich beeindruckt, wie Perel es geschafft hatte, zu überleben. „Ich interessiere mich sowieso für diese Zeit und habe das so in dieser Form noch nicht mitbekommen“, resümierte Dario, während Alesha (15) erklärte: „Ich bewundere ihn, dass er über die Zeit so frei reden konnte.“