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Regionales Phänomen Vortrag über Heuerleute in Hagen

Von Stefan Buchholz, Stefan Buchholz | 23.01.2017, 19:19 Uhr

Im gediegenen alten Pfarrhaus in Hagen referierte Bernd Robben jetzt über Heuerleute. Sie waren im nordwestdeutschen Raum fast 400 Jahre ein wesentlicher Bestandteil des Lebens auf dem Land.

Robben, ehemaliger Lehrer und jetzt Buchautor, hatte zusammen mit Helmut Lensing vor knapp drei Jahren den viel beachteten Band „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen“ vorgelegt. Die Verkaufszahl von aktuell 14.000 Exemplaren zeige, dass man ein Tabuthema angerührt habe, meinte Robben. Für das Buch arbeitete er selbst nach eigener Angabe „25 Jahre in der historischen Schmuddelecke“. Nur so viel: Robben streifte in seinem Vortrag auch Kapitel über sexuellen Missbrauch, Kindstötungen und Mord.

Neuordnung des Besitzrechtes

Sie waren jene Menschen, die auf dem Land lebten (und arbeiteten), dabei aber keinen eigenen Grund besaßen. Das Phänomen „Heuerling“ entstand nach Dekreten der Landesherren: Man befahl wegen der wachsenden Bevölkerung nach dem 30-jährigen Krieg eine Neuordnung des Besitzrechtes. Allerdings auch nicht deutschlandweit, sondern laut Robben regional beschränkt: vom nördlichen Ruhrgebiet bis Bremen und von der niederländischen Grenze bis Hannover.

Heuerling werden konnte und musste, wer schlichtweg überzählig in der Bauernfamilie wurde. Zur Verfügung stellte man den Söhnen kleine Häuser, maximal drei Hektar Land und etwas Vieh. Wie sie ihre Ernte einfuhren, war zweitrangig, denn zunächst hatten sie dem Bauern zu dienen. Begriffe wie „Mondscheinbauer“ demonstrieren, dass manchen nur die Nacht blieb, um ihren persönlichen Lebensunterhalt zu sichern. „Man weiß aber auch, dass man wegen der höheren Luftfeuchtigkeit nachts kein gutes Getreide ernten kann“, sagte Robben.

Übelste Bedingungen

Unter übelsten Bedingungen verdingten sich manche Heuerleute: Sie verkauften nebenher Flachs als Tödden (Wanderkaufleute). Andere verkauften ihre Arbeitskraft während der Sommermonate in den niederländischen Mooren oder auf den Walfängerflotten. „Das war wirklich eine arge Schinderei für sie“, so Robben. Dennoch: Statistiken zeigen in späteren Zeiten, dass gut die Hälfte der Heuerleute ein gutes, jeder Vierte ein sehr gutes und nur ein Zehntel ein geringes Auskommen hatten.

Denn es gab über die Jahrhunderte unterschiedliche Konjunkturen: Preisverfall durch neue Märkte, die Industrialisierung und neue Markenteilungen führten etwa um 1850 zur ersten großen Massenauswanderung der Heuerlinge in die noch jungen USA.

Vom Land in die Fabrik

Grundlegend änderte sich ihre Lage erst nach 1945 – was zeitgleich auch das Ende der Heuerleute bedeutete. Die nun einsetzende, flächendeckende Motorisierung der Landwirtschaft machte ihre Arbeitskraft auf dem Lande überflüssig, aber in den Landmaschinenfabriken unentbehrlich. „Es war eine Win-Win-Win-Situation für Unternehmer, Landwirte und die Heuerlinge“, lautete Robbens Fazit.