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Erlesenes Programm Musica Viva: „London Baroque“ in der Ehemaligen Kirche Hagen

Von Martina Binnig | 13.09.2011, 13:44 Uhr

Deutsche Arien in einem Konzertprogramm, das mit „The English Muse“ überschrieben ist: Was zunächst wie ein Widerspruch erscheint, löst Charles Medlam, Gambist des Ensembles London Baroque, in seiner Moderation in der Ehemaligen Kirche Hagen mühelos auf. Denn schließlich war Georg Friedrich Händel als Komponist der Arien schon längst englischer Staatsbürger. Und Textdichter der Arien ist niemand anderes als Barthold Heinrich Brockes, mit dem Händel einst in Halle Jura studierte.

Während er derlei Wissenswertes dem Publikum in akzentfreier deutscher Sprache vermittelt, wirkt Medlam selbst wie ein englischer Adeliger aus dem 18. Jahrhundert: Groß, schlank und sehr aufrecht steht er da und strahlt auch in seiner Mimik aristokratische Würde mit einer Prise britischen Humors aus.

Auch Hannah Medlam verfügt über eine enorme Bühnenpräsenz: Die 23-jährige Sängerin, die auch ausgebildete Geigerin ist, wirft mal flehentliche, mal verschmitzte Blicke ins Publikum, und Henry Purcells anrührende „Music for a While“ etwa singt sie mit glänzenden Augen. Dabei überrascht sie mit einer sehr voll klingenden, oft expressiv bebenden Stimme. Dass sie gerade als Mimi in Puccinis „La Bohème“ auf der Bühne stand, nimmt man ihr sofort ab. Doch Hannah Medlam ist nicht nur mit ihrem Vater Charles, sondern auch mit ihrer Mutter Ingrid Seifert, der Konzertmeisterin von London Baroque, nach Hagen gekommen: In der Händel-Arie „Süßer Blumen Ambraflocken“, in der die Schönheit der Natur als Mittlerin zwischen Mensch und Gott besungen wird, umspielt Seifert auf der Violine betörend die sanft schwingende Stimme ihrer Tochter.

Als reine Instrumentalkompositionen stehen Werke von englischen Komponisten des 17. Jahrhunderts auf dem Programm wie etwa die Sonata a 2 von John Jenkins. In einer zeitgenössischen Quelle, die Medlam zitiert, wird Jenkins als „wohlerzogener Gentleman voller Zuvorkommenheit und Güte“ beschrieben, und genauso klingt auch seine Musik: Ruhig fließend imitieren und ergänzen sich Violine und Gambe, entwickeln virtuose Verfeinerungen und finden nach süßer Melancholie zu einem gemeinsamen Dur-Schluss. Dabei empfiehlt sich Cembalist Steven Devine gleichermaßen als aufmerksamer Continuo-Begleiter wie auch später als hervorragender Solist in Händels Suite E-Dur. Auch Charles Medlam stellt sich und sein Instrument mit Carl Friedrich Abels wunderschöner Sonata in d für Viola da gamba solistisch vor. Als Überschrift für das erlesene Konzertprogramm im Rahmen von Musica Viva könnte Henry Purcells Shakespeare-Vertonung „If Love’s a sweet Passion“ stehen, in der die Sprache ist von „suffer with pleasure“ („Leiden mit Vergnügen“).