In den Fängen der Stasi Zeitzeuge erzählt in Hagen von seiner Haft in der DDR

Von Danica Pieper

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Burkhard Seeberg erzählte Hagener Oberschülern von seiner Haft in der DDR. Foto: Danica PieperBurkhard Seeberg erzählte Hagener Oberschülern von seiner Haft in der DDR. Foto: Danica Pieper

Hagen. Es war wohl die falsche Stempelfarbe, die Burkhard Seeberg zum Verhängnis wurde: Weil er versuchte, seine Freundin mit einem falschen Pass nach Westdeutschland zu schmuggeln, saß der Münsteraner in der DDR 13 Monate in Haft. In der Oberschule Hagen berichtete er Zehntklässlern jetzt von seiner Gefangenschaft in Berlin-Hohenschönhausen und Bautzen II.

Auch wenn Deutschland in diesem Jahr den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung feiert, ist die Stasi immer noch Thema in den Medien, wie Lehrer Marcus Sprick seinen Schülern anhand von Schlagzeilen aus den letzten Wochen demonstrierte. Um den Jugendlichen zu zeigen, wie der Geheimdienst arbeitete, hatte Sprick den Zeitzeugen Burkhard Seeberg eingeladen. Als Münsteraner hatte Seeberg mit der DDR nur wenig zu tun, wenngleich er in seiner Jugend Mitglied der DKP war.

Jahrelanges Warten auf ein Telefon

Das änderte sich 1973, als der damals 19-Jährige auf den Weltfestspielen in Ost-Berlin seine spätere Ehefrau kennenlernte. Fortan fuhr Seeberg regelmäßig in den Osten, um seine Freundin zu besuchen, wobei er sich allerdings nur 30 Tage im Jahr in der DDR und 30 weitere Tage in Ost-Berlin aufhalten durfte. Dazwischen war die Kommunikation schwierig: „In der DDR musste man fünf bis sieben Jahre auf einen Telefonanschluss warten“, erklärte Seeberg den verdutzten Schülern.

Ein Gefängnis, das es offiziell nicht gibt

Schließlich beantragte eine Freundin einen bundesdeutschen Reisepass für Seeberg, mit dem er seine damalige Verlobte über Ungarn nach Westdeutschland bringen wollte. Um den Eindruck zu erwecken, dass der Pass bereits benutzt worden war, füllte ein Bekannter ihn mit gefälschten Stempeln – doch der Schwindel flog auf und Seeberg und seine Freundin wurden in Budapest verhaftet. „Wahrscheinlich war die Stempelfarbe falsch“, meinte Seeberg. Das Paar wurde nach Ost-Berlin gebracht und getrennt voneinander im Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert – ein Ort, der offiziell gar nicht existierte und auf keiner DDR-Landkarte verzeichnet war. Für Besuche wurde der damals 25-Jährige extra in einem Fischtransporter in die Haftanstalt Lichtenberg gefahren.

Auch nachts kontrolliert

Knapp acht Wochen verbrachte Seeberg in Isolation – sogar lesen war ihm verboten. Um die Zeit totzuschlagen, bastelte er sich ein Schachspiel aus Mandarinen und Zahnpastatuben und spielte gegen sich selbst: „Es ist aber nicht so prickelnd, wenn man weiß, was der andere vorhat“, scherzte der 61-Jährige. Alle fünf bis zehn Minuten wurde er in seiner Zelle kontrolliert, sogar nachts. Schlafen durfte man nur auf dem Rücken und mit den Händen über der Decke.

Freigekauft

Seeberg wurde zu drei Jahren Haft wegen Menschenhandels verurteilt, seine Freundin erhielt eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten wegen Republikflucht . Nach dem Urteil wurde der Münsteraner in Bautzen II untergebracht, während seine Freundin in Hoheneck einsaß – mit 18 weiteren Frauen in einer Zelle, darunter auch mehrere Mörderinnen. Nach 13 Monaten schließlich die Erlösung: Die Bundesrepublik kaufte Seeberg und seine heutige Frau für jeweils 70000 Mark frei. Die Schüler stellten zwar keine Fragen, dafür lauschten sie aber den Ausführungen des Zeitzeugen gebannt. Sprick: „Nehmen Sie das als Kompliment.“


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