3000 Kilometer in 16 Tagen Hagener fährt mit dem Traktor in die Normandie

Von Werner Barthel

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Hagen. Sie reißen pro Jahr drei- bis fünftausend Kilometer ab. In diesem Jahr sind sie unter anderem mal eben nach Kampen auf Sylt gefahren und haben dort unter den Reichen und Schönen für ein bisschen frischen Wind gesorgt. Jetzt sind Johannes Koehl aus Dröper und Horst Wendt aus Hagen gerade von ihrer Jahrestour zurück. Sie waren in der Normandie. Mit Traktor und Wohnwagen. Für die 3000 Kilometer haben sie sich 16 Tage „Zeit gelassen“.

Gut 50 beziehungsweise 60 Jahre haben Wendts anspruchsvoller „Hürlimann“, dem Rolls Royce unter den Traktoren, und Koehls genügsamer „Deutz“ auf dem Buckel. Trotz des fortgeschrittenen Alters wirken ihre Traktoren wie aus dem Ei gepellt. „Ein Großteil unserer Freizeit ging für ‚Schrauben‘ und Pflege drauf“, sagt der 57-jährige Horst Wendt, und Kumpel Johannes Koehl, 72 Jahre alt, ergänzt: „Inzwischen benötigen unsere Traktoren nur noch kleinere Wartungsarbeiten, damit es richtig rund läuft.“ Dass diese Aussage nicht übertrieben ist, beweisen zum Beispiel die vier Alpentouren, die die Beiden in den vergangenen Jahren unternommen haben.

Abkürzungen über Feldwege

Jetzt also die Normandie. Schon allein die Vorbereitungen würden so manchen Autofahrer nervös machen. Schließlich ging es landauf landab nur auf Landstraßen. Mit Tempo 30 im Schnitt freut man sich über jeden Feldweg, der eine Kilometer lange Strecke abkürzen hilft. Und was das vorangegangene Studium der Landkarten angeht, kann Johannes Koehl detailliert Auskunft geben: „An drei Abenden habe ich insgesamt 14 Stunden am Computer zugebracht, die Route festgelegt, die Karten mit jedem Kaff ausgedruckt und in Folie verstaut auf meinem linken Kotflügel montiert.“ Auf seine Angaben ist Verlass. Schließlich hält er alle Einzelheiten zu Vorbereitung und Durchführung einer Tour im Tagebuch fest.

Welche Brücke trägt die Traktoren?

Ein Risiko blieb trotzdem, das beide bewusst in Kauf genommen haben: Welche Brücke zum Beispiel über die Seine in Frankreich auch Traktorverkehr gestattet, wussten sie im Vorfeld nicht. Koehl: „Die meisten Brücken sind vier- bis sechsspurig angelegt. Ob da eine Fahrbahn auch für Traktoren reserviert ist oder ob wir Kilometer lange Umweg fahren mussten, sollten die Gegebenheiten vor Ort entscheiden.“ Dagegen hatten sie ein anderes Problem gleich bei der Abfahrt geklärt. Wendt: „Johannes fährt voraus. Schließlich wollen wir unser jeweiliges Tagesziel erreichen.“

Tempo der Trecker fast überall willkommen

Um es vorwegzunehmen: Per Zufall haben sie mit ihren 52 beziehungsweise 30 PS starken Maschinen auf Anhieb eine geeignete Brücke gefunden und dank Koehls Recherchen auch immer das jeweilige Tagesziel erreicht – nicht zuletzt auch wegen der treckerfreundlichen Verkehrsbedingungen im Land jenseits des Rheins. Sie geraten geradezu ins Schwärmen, erzählen sie von den Tagen in Frankreich. „Nirgendwo sind wir als lästige Verkehrshindernisse behandelt worden“, berichtet Horst Wendt, „ganz im Gegenteil. Da in den meisten kleinen Städten Tempo 30 gilt, konnten wir überall gut mithalten.“

Begehrte Fotomotive

Auch eine landestypische Eigenart spielte ihnen in die Karten: Fußgängerüberwege auf dem Land sind zum größten Teil erhöht angelegt, sodass hier jeder auf die Bremse geht, will er nicht Schaden für sein Gefährt riskieren. Sobald sie irgendwo hielten, sammelten sich sofort Trauben von Menschen um die Gespanne, fragten nach dem Woher und Wohin und mussten unbedingt noch ein Foto schießen. Johannes Koehl denkt auch gern an eine andere Verkehrsregelung zurück: „Manche Straßen auf dem Land können laut Verkehrsschild zur Hälfte von Radfahrern und zur anderen Hälfte von Traktoren genutzt werden.“

Freundliche Verkehrskontrolle

Das Lob für unsere Nachbarn will bei beiden kein Ende nehmen: „Auf den Campingplätzen, die wir für die Nacht ausgesucht hatten, haben die Betreiber wie selbstverständlich das Gebot der Mittagsruhe unsretwegen aufgehoben. Meistens wurde uns auch ein ausgewählter Stellplatz zugewiesen.“ Auch mit den Gendarmen haben die beiden aus dem Osnabrücker Land nur positive Erfahrungen gemacht. Obwohl es einmal gar nicht danach aussah. Eine zu Beginn bedrohlich wirkende Begegnung mit den französischen Ordnungshütern löste sich schließlich gar zu einer Art Verbrüderungstreffen auf.

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Es war kurze Zeit nach der Überquerung der Seine in der Nähe von Montdidier, als die beiden in eine Verkehrskontrolle gerieten. Wendt: „Zunächst durften wir ohne Stopp weiterfahren. Vielleicht waren die Schupos ob des ungewöhnlichen Anblicks unserer Traktoren auch so verblüfft, dass sie keinerlei Reaktion zeigten.“ Doch kaum hatten sie die Kontrollstation passiert, schien doch noch Ungemach möglich: „Mit Blaulicht und Martinshorn überholten sie uns und bedeuteten uns, ihnen zu folgen“, erinnert sich Johannes Koehl.

Auf Parkplatz eskortiert

Mit Tempo 30 zuckelten sodann unsere beiden Traktorfahrer nebst Wohnwagen hinter ihrer blinkenden und dröhnenden Eskorte her. Wie sich herausstellte, hatten die Ordnungshüter diesen Weg gewählt, um ihre ausländischen Gäste sicherheitshalber auf einen Parkplatz zu lotsen, um dort in Ruhe und ungestört einen Plausch zu halten. „Natürlich mussten wir erst unsere Papiere zeigen, aber dann hatten die Gendarmen jede Menge Zeit.“ Schließlich bedeutete man ihnen, sich noch ein Weilchen zu gedulden, da man noch einige Vorgesetzte erwartete. Koehl: „Diese Information wussten wir nun wirklich nicht einzuordnen. Drohte nun doch noch Gefahr?“

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Ganz im Gegenteil, wie sich eine halbe Stunde später herausstellte. Die Neuankömmlinge, die zwei weiteren amtlichen Wagen entstiegen, waren ebenfalls begeisterte Traktorfahrer, die die Gelegenheit nutzen wollten, sich mit ihresgleichen auszutauschen. Wendt: „Ganz genau mussten wir ihnen Auskunft zu den Daten unserer Traktoren geben. Auch für unsere Jahrestouren interessierten sie sich.“ Mit Händen und Füßen waren Wendt und Köhl bemüht, die vielen Fragen zu beantworten. Diese internationale Begegnung endete formvollendet: Sechs französische Polizisten bildeten Spalier, die Hände an den Uniformmützen, als die beiden Gespanne den Parkplatz verließen.

Polizisten stehen Spalier

Nach rund 1500 Kilometern, acht Tagen und Nächten waren Koehl und Wendt am Ziel ihrer Reise angekommen. Hoch über der Küste erhebt sich Le Mont-Saint-Michel in der Nähe von Avranches und der Mündung des Flusses Couesnon aus dem Meer. Das ehemalige Benektinerkloster, im achten Jahrhundert gegründet, wird inzwischen von Ordensleuten der Gemeinschaft von Jerusalem bewohnt und bewirtschaftet. Es hat aus der Not eine Tugend gemacht und seine Pforten für Touristen geöffnet. Per Shuttle werden die Besucher, dreieinhalb Millionen pro Jahr, zur ein Kilometer entfernten Insel auf einer schmalen Straße gebracht. Das Eiland ist mit seinen 55000 Quadratmetern und 830 Meter Umfang wahrlich ein Kleinod. Abtei und Bucht gehören inzwischen zum Weltkulturerbe der UNESCO. Für Frankreich sind sie eine herausragende Station des Jakobweges.

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Auch die Beiden aus dem Osnabrücker Land standen staunend vor dem imposanten Monument. Sie waren sich einig: „Gerade nach den bedrückenden und bewegenden Eindrücken von Bunkern, Wehranlagen und internationalen Friedhöfen entlang fast der gesamten Küste der Normandie ist dieser Ort geprägt von Ruhe und Frieden – wenn man von den Touristen einmal absieht.“

Wohlbehalten zurück in die Heimat

Inzwischen sind Koehl und Wendt längst wieder in der Heimat. Heil und unversehrt, ohne Schleudertrauma oder Bandscheibenvorfall. Obwohl sie 16 Tage lang acht bis zehn Stunden hinter dem Steuer saßen. Obwohl ihr Tagespensum zwischen 120 und 340 Kilometer pendelte. Ihre sportliche Höchstleistung und gesundheitliche Unversehrtheit verdanken sie nicht nur einer guten Kondition. Sie haben sich auch einen Luxus geleistet, der Voraussetzung für diese Art Unternehmen ist: Sie sitzen auf ihren Fahrten in einem Sessel, der eben nicht darauf geeicht scheint, auch noch von der kleinsten Unebenheit der Straße zuverlässig Meldung zu geben. Dieser Sitz fängt Stöße ab und erlaubt gar unterschiedliche Einstellungen in Bezug auf Federung und Verstellbarkeit der Nacken hohen Rückenlehne.

Die Blicke schweifen lassen

Kein Zweifel, Wendt und Koehl haben nun viel zu erzählen von betörend schönen Landschaften und ihren aufgeschlossenen, freundlichen Bewohnern. Das haben sie allen Urlaubern mit ihren Autos voraus: Während der Fahrt die Blicke schweifen lassen, Düfte der Landschaft in sich aufzunehmen oder den Menschen beim sommerlichen Nichtstun zuzusehen. Nicht ohne Grund sind sie sich einig, dass nur Wanderer oder Radfahrer mehr sehen als sie. Was in diesen 16 Tagen dennoch nicht gestillt scheint, ist ihr unersättlicher Hunger nach neuen Traktor-Herausforderungen. Oder wie soll man ihre Überlegungen deuten, nur wenige Wochen nach ihrer Rückkehr bereits wieder an den Vorbereitungen für die nächste Tour zu basteln?


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