Mehr als nur eine „Verwahrstelle“ Kindergartenleiterin in Hagen verabschiedet

Von Werner Barthel


Hagen. Als Kind wollte sie unbedingt Köchin werden. Zum Glück für Gellenbeck hat sich Johanna Große Kracht das doch noch anders überlegt. Sie wurde stattdessen Erzieherin und hat ihr gesamtes Arbeitsleben –45 Jahre und 10 Monate- in den beiden Kindergärten der Niedermark zugebracht, die letzten 14 Jahre als Leiterin des St.-Mariens-Kindergartens. Am vergangenen Sonntag wurde sie in den Ruhestand verabschiedet.

Bereits in einem der letzten Pfarrbriefe hatte die Kirchengemeinde auf den bevorstehenden Abschied der langjährigen Leiterin des Kindergartens hingewiesen. Darin kam auch der Dank vieler Eltern zum Ausdruck, die bei so manchen Sorgen und Problemen mit dem Nachwuchs „erst mal zu Johanna Große Kracht gingen. Hier fanden sie stets ein offenes Ohr.“ Besonders ihre heitere Gelassenheit hatte es Eltern wie Mitarbeiterinnen angetan. „Auch ihre Gabe, schnell Zugang zu verschlossenen oder verängstigten Kindern zu finden, nötigte uns Respekt und Hochachtung ab“, sagte zum Beispiel Weggefährtin Melanie Glasmeyer und fügte eine weitere nicht alltägliche Eigenschaft hinzu: „Ich kann mich nicht erinnern, dass Johanna, wie sie überall genannt wurde, jemals einen Tag krank gefeiert hätte.“

Gleich zu Beginn des Familiengottesdienstes wandte sich Pastor Wolfgang Langemann an Johanna Große Kracht: „Sonst gehörten Sie häufig zu dem Kreis derer, die diese Kindergottesdienste vorbereitet haben. Heute statten wir Ihnen mit einigen Beiträgen unseren Dank für Ihr Engagement ab.“ Dieser Dank kam auch gleich in einem Kirchenlied zum Ausdruck, das eigens aus diesem Anlass umgetextet worden war. „Johannas Einsatz ist so wunderbar“, trug eine Schar der Drei- und Vierjährigen vor. Eine Gruppe „Ehemaliger“, alle gerade dem Kindergartenalter entwachsen, oblag es, bei allen anderen Liedern den Part des Vorsängers abzugeben. Sie wurden dabei von zwei Erzieherinnen unterstützt.

Ein Dankeschön war auch jener kleine Exkurs aus der Schöpfungsgeschichte, den ebenfalls eine Mitarbeiterin „Johannas“ vortrug. „Als Gott schließlich die Kindergärtnerin schuf, musste er Überstunden machen, weil er nicht alle benötigten Gaben und Eigenschaften auf Anhieb unterbringen konnte.“ Ein Engel, der ihm über die Schulter schaute, hörte ihn murmeln: ‚Eigentlich müsste ich ihr sechs Paar Hände und drei Paar Augen geben, damit sie wirklich alles sieht und stets fähig ist, an mehreren Orten gleichzeitig zuzupacken.‘“

Eine Umfrage unter den Gottesdienstbesuchern bestätigte schließlich, was längst alle vermuteten. Melanie Glasmeyer ging mit einem Mikrofon durch die Reihen mit der Frage, ob und woher ihnen Johanna Große Kracht bekannt sei. Es gab nicht einen in der voll besetzten Kirche, der nicht schon von „Johanna“ gehört hätte. Viele zählten einst selbst zu ihren Zöglingen. Mit einer Power-Point-Präsentation ließen Melanie Glasmeyer und Co schließlich die Höhepunkte von „Johannas“ langjährigem Wirken Revue passieren.

Johanna Große Kracht verlässt ihre Arbeitsstätte „mit ein bisschen Wehmut“, wie sie in einem Vorgespräch zum Ausdruck brachte. In einer Zeit des Wandels sei sie Erzieherin geworden, als der Kindergarten noch als eine Art „Aufbewahrungsstätte“ angesehen wurde. „In den 70er Jahren war es schwierig, einen neuen Weg zu finden, weil die Kinder – nach allgemeinem Dafürhalten – eh nur von den Eltern beziehungsweise der Schule erzogen würden.“ Sie und ihre Mitarbeiterinnen hätten mit ihrem Verständnis von einem eigenständigen Erziehungsauftrag dann doch so viel Zuspruch und Vertrauen erfahren, dass sie unbeirrt an dem Ziel festhalten konnten, aus den Schutzbefohlenen fröhliche, unbeschwerte und selbstbewusste Kinder zu formen. Heute ergänzen unter anderem Integrationsgruppe, Krippe, verlängerte Öffnungszeiten und nicht zuletzt gemeinsames Mittagessen das Standardangebot. Angst, in ein tiefes Loch zu fallen, habe sie nicht. Reisen, Basteln und Stricken sowie die Kinder aus ihrer Verwandtschaft werden künftig ihre freien Stunden füllen.

Beim abschließenden Empfang ließen Vertreter von Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat, der politischen Gemeinde sowie der benachbarten Schulen und Kindergärten es sich nicht nehmen, sich persönlich zu bedanken und Abschied zu nehmen. Einen Trost hielten ihre Mitarbeiterinnen dann doch noch parat: Sie wiesen „Johanna“ darauf hin, dass dieser Tag nicht der letzte sei, den sie gemeinsam verbrachten. „Der kommt erst am Freitag. Und dann am letzten Tag vor den großen Ferien wollen wir gemeinsam mit unseren Kindern bei einem ausführlichen Frühstück in Erinnerungen schwelgen.“


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