Kritik an Fleischindustrie „Missbrauchte Werkverträge“: Vortrag in Hagen

Von Danica Pieper

In der Fleischproduktion in Deutschland liege einiges im Argen, so die Referenten beim KAB-Vortragsabend. Foto: dpaIn der Fleischproduktion in Deutschland liege einiges im Argen, so die Referenten beim KAB-Vortragsabend. Foto: dpa

Hagen. Sie arbeiten bis zu 20 Stunden am Tag für nicht einmal 1000 Euro im Monat: Die Arbeitsbedingungen osteuropäischer Werkvertragsarbeiter in der deutschen Fleischindustrie sind katastrophal, sagen Matthias Brümmer und Peter Kossen. Der Gewerkschafter und der Geistliche diskutierten am Dienstagabend mit rund 40 Zuhörern im Hagener Pfarrheim, ob es sich bei missbrauchten Werkverträgen um eine moderne Form der Sklaverei handelt.

Als Grünen-Politiker Johannes Bartelt der KAB Hagen einen Diskussionsabend über Werkverträge vorschlug, musste Rainer Apke nicht lange überlegen: „Werkverträge sind ein aktuelles Thema, das uns als christlicher Arbeitnehmerverein natürlich besonders interessiert“, erklärte der Ortsvorsitzende der Hagener Katholischen Arbeitnehmerbewegung, die den Abend gemeinsam mit dem Lienener Sozialseminar ausrichtete. Der Schwerpunkt lag dabei auf dem Missbrauch von Werkverträgen in der Fleischindustrie. Als Referenten hatten die Organisatoren Matthias Brümmer von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sowie Prälat Peter Kossen eingeladen.

Von 2001 bis 2013 habe sich der Umsatz der deutschen Fleischindustrie von 21,6 Milliarden auf 40,8 Milliarden Euro erhöht, berichtete Brümmer, „obwohl Fleischpreise für Verbraucher und Landwirte gesunken sind“. Im gleichen Zeitraum sei die Zahl der Beschäftigten jedoch von etwa 175000 auf 143000 gesunken. „Über 40000 sind jedoch nicht erfasst, da sie aus Osteuropa über Werkverträge kommen“, so der Gewerkschafter. Bei großen Schlachtunternehmen liege der Anteil an Arbeitern mit Werkverträgen mittlerweile bei fast 70 Prozent.

Bettmiete und mehr

In der Regel würden die Arbeiter über Scheinfirmen im Entsendeland angeworben. Man verspräche ihnen ein Gehalt von 1900 Euro, wovon jedoch noch Transportkosten, Kosten für Werkzeug und Arbeitskleidung, Bettmiete oder „Messerpfandgeld“ für die Benutzung von Besteck abgezogen würden. „Am Ende werden nur etwa 700 bis 1000 Euro ausgezahlt“, so Brümmer. Dafür müssten die Arbeiter dann 10 bis 20 Stunden pro Tag an sechs bis sieben Tagen in der Woche arbeiten. Sie lebten mit mehreren Personen in einem Zimmer, die im „U-Boot-Verfahren“ abwechselnd in den Betten schliefen. „Das ist wie im Lager“, meinte der NGG-Sekretär. Wer auf seine Rechte bestehe, werden bedroht oder schlimmstenfalls sogar verprügelt. Brümmer plädierte unter anderem für einen flächendeckenden Mindestlohn, eine direkte Beschäftigung von Arbeitern, mehr Mitbestimmungsrechte für Betriebsräte, häufigere Kontrollen und eine massivere Strafverfolgung.

Auch Prälat Peter Kossen aus Vechta hat sich immer wieder gegen den Missbrauch von Werkverträgen ausgesprochen, wofür er sowohl von Politikern als auch in den eigenen Reihen kritisiert worden sei: „Mach den Mund nicht so weit auf, da sind auch große Kirchensteuerzahler mit dabei“, habe man ihm gesagt. Der Geistliche forderte, dass sich die Kirchen stärker in die Debatte einmischen. „Diese Menschen habe es verdient, in Menschenwürde zu leben und zu arbeiten“, erklärte Kossen. Aber auch die Gesellschaft müsse ihr Konsumverhalten überdenken und sich fragen, was ihr gute Arbeit wert ist: „Wenn ein Kilo Klopapier mehr kostet als ein Kilo Fleisch, dann ist in unserer Wertekonstellation etwas falsch.“