Den Führer verherrlicht Straßen von Agnes Miegel und Anne Frank treffen sich in Hagen


bar/hpet Hagen. Agnes Miegels Ruf als bedeutende Schriftstellerin hat durch ihre Verehrung des Nationalsozialismus arg gelitten. Viele Kommunen haben gerade in letzter Zeit Straßen und Schulen, die nach ihr benannt waren, umgewidmet. Gleichwohl trifft man in einigen Orten nach wie vor auf Straßen mit ihrem Namen.

So auch in Hagen-Gellenbeck. Und hier an einer durchaus diskutablen Stelle. Denn die kurze Sackgasse nördlich der Natruper Straße, an der nur wenige Häuser stehen, ist die Fortsetzung der Anne-Frank-Straße. Das erschütternde Schicksal der jungen Jüdin Anne Frank während der Nazizeit ist durch seine Tagebuchaufzeichnungen weltberühmt.

So unterschiedlich die beiden Lebensläufe waren, es gibt eine Gemeinsamkeit: Auch die spätere bekennende Hitleranhängerin Agnes Miegel war ein Teenager, als sie ihre ersten Gedichte schrieb. 1879 in Königsberg geboren, gestaltete sich Miegels Leben zunächst sehr wechselvoll: Als Erzieherin verbrachte sie mehrere Jahre in England, schrieb da schon Gedichte, Balladen und Erzählungen und betätigte sich als Journalistin. Ihre erste eigene Dichterlesung hielt sie mit 20. Mit 22 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Im März 1945 musste sie wie viele andere auch vor der heranrückenden Roten Armee fliehen. Über Dänemark gelang sie ein Jahr später wieder nach Deutschland. Bad Nenndorf wurde ihre zweite Heimat. Hier starb sie mit 85 Jahren.

Vor allem ihre Ballade „Die Frauen von Nidden“ hatte sie schlagartig einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Sie beschreibt darin den Untergang des ostpreußischen Dorfes Nidden durch eine Pestepedemie. Wie sich überhaupt ostpreußische Bezüge wie ein roter Faden durch ihre Werke ziehen. „Mutter Ostpreußens“ wurde sie deswegen genannt.

Ihren Ruf als begnadete Heimatdichterin wussten die Nationalsozialisten zu nutzen: Sie wurde deren literarisches Aushängeschild, erhielt auf Betreiben Heinrich Himmlers und Joseph Goebbels den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, hielt Vorträge und Lesungen, bekam Ehrenbürgerschaften verliehen – und ließ sich benutzen. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs bezeichnete Hitler sie als überragendes nationales Kapital. Die Aufnahme in der „Gottbegnadeten-Liste“ befreite sie zudem von allen Kriegsverpflichtungen. Aus ihrer Verehrung Hitlers machte sie kein Hehl, schrieb glorifizierende Hymnen auf den „Führer“ und griff bedenkenlos „Blut- und Bodenthemen“ in ihren Werken auf.

Kritiklosigkeit und Verherrlichung des Nationalsozialismus sind zwei der Vorwürfe, denen sich Miegel später ausgesetzt sah. Verübelt hat man ihr aber vor allem, dass sie zu Lebzeiten zu keinem Augenblick Einsicht oder gar Reue zeigte. Stattdessen schrieb sie: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“

Die Auseinandersetzung mit Leben und Werk Agnes Miegels, so scheint es, hat erst vor wenigen Jahren richtig begonnen. Eine Expertenkommission gar befragte 2011 die Stadt Münster, ob eine Umbenennung der Agnes-Miegel-Straße angebracht sei. Die Antwort der Historiker war unmissverständlich: „...Ausschlaggebend für die Empfehlung der Unbenennung war die Bewertung, dass Agnes Miegel eine Stütze des NS-Regimes im Bereich Kultur war und den ‚Führer’ in ihren Werken verherrlichte.“