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Die Frage war: Kommen die wieder? Interview mit Domchordirektor Johannes Rahe

Abschied mit Bachs „Magnificat“: Johannes Rahe vor dem Landdomizil des Domchores, dem Kotten in Hagen-Sudenfeld. Foto: Michael HehmannAbschied mit Bachs „Magnificat“: Johannes Rahe vor dem Landdomizil des Domchores, dem Kotten in Hagen-Sudenfeld. Foto: Michael Hehmann

Hagen a.T.W. Wir treffen Johannes Rahe an einem seiner Arbeitsplätze: dem Domchorkotten in Hagen-Sudenfeld. Das Thema des Gesprächs könnte Anlass zur Wehmut geben: Nach fast vier Jahrzehnten geht der Domchordirektor und Leiter des Osnabrücker Jugendchors in Ruhestand. Doch Johannes Rahe ist gut gelaunt wie eh und je.

Die letzten Tage als Domchordirektor haben Sie auf Facebook wie ein Rekrut heruntergezählt. Wie sehr sehnen Sie den letzten Tag herbei?

Das ist weniger Sehnsucht. Natürlich freue ich mich auf die Zeit danach. Die Sache auf Facebook ist entstanden, weil mir einer aus dem Chor am dreißigsten Tag vor dem Abschlusskonzert den 30. Psalm geschickt hat, dann den 29., den 28. und so weiter. Da blieb mir gar nichts anderes übrig, als mitzuzählen. Aber ich hänge ja nicht die Musik an den Nagel, sondern nur das Amt. Ich freue mich auf die Zeit, wo das Verhältnis von Musik zu Bürokratie und Organisation einfach wieder ein besseres wird.

 

Wie sind Sie zum Jugendchor gekommen?

Mein Vorgänger Dieter Broxtermann hat mich gebeten, die Reste eines Jugendchors in Haste zu übernehmen. Zuerst habe ich sagt, ich kann das nicht. Eine Zeit lang hat das in mir gebrodelt, und irgendwann habe ich mit meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau gesagt, wir machen das. Also habe ich mir das „Lehrbuch der Chorleitung“ von Kurt Thomas geschnappt auf dem Orgelboden der Gymnasialkirche durchgeackert: Eine Hand spielen, eine Hand dirigieren, eine Stimme singen und das immer abwechselnd, damit man die nötige Unabhängigkeit gewinnt. Das habe ich geübt bis zur Verdünnung. Mit ehemaligen Knaben aus dem Domchor, Mitschülerinnen meiner jetzigen Frau an der Ursulaschule und älteren Mädchen aus der Mädchenkantorei haben wir den Chor schließlich in die Welt gesetzt. Zur ersten Probe sind 28 Leute gekommen. Wir haben leichte Sachen gesungen, von denen ich dachte, dass die zünden. Die Frage war dann: Kommen die wohl wieder?

 

Das heißt, Sie starteten ohne kirchlichen Hintergrund?

Ja. Aber die Proben fanden im Domchorzimmer statt, und die Jugendlichen kamen aus kirchlichen Institutionen.

Und wie kam es zur Verbindung von Dom- und Jugendchor?

Der Jugendchor lief gut. Irgendwann kamen die ersten Bach-Motetten, geistliche Chormusik, Purcell. Wir veranstalteten sehr eindrucksvolle Konzerte. Vor den Jubiläumsfeiern des Doms 1980 sagte mein Vorgänger dann, ihm werde das mit dem Domchor zu viel. „Willst du das nicht machen?“ Dann wurden die Domkapitulare zum Konzert eingeladen – sie waren tief gerührt. Etwas wie Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln“ kannten die noch nicht, da schwimmt der Dom weg! Ausschreibungen gab es damals außerdem noch nicht, da wurde einfach einer ausgeguckt, und ich stand zufällig da.

 

Angenommen, Sie stünden heute, 40 Jahre später, da – wie wäre das?

Die Bedingungen haben sich ganz stark verändert. Leichter geworden ist es sicher nicht.

 

Wieso nicht?

Weil die Schulreform uns alle Nachmittage kaputt macht. Wir müssen hier etliche Gymnasien koordinieren, die ihren Nachmittagsunterricht alle an einem anderen Tag haben. Außer an Wochenenden findet man kaum noch Termine für eine gemeinsame Probe. Auch ist der Druck auf die Schüler gestiegen – allein dadurch ist die Arbeit wesentlich schwieriger geworden. Und schließlich fehlt durch das Abitur nach zwölf Jahren ein ganzer Jahrgang an Leistungsträgern. Am schlimmsten ist das bei den Männerstimmen. Ich habe, bevor das eingeführt wurde, mal mit einem Politiker gesprochen, der jetzt nicht mehr im Amt steht. Der hat gesagt: „Da haben wir nicht drüber nachgedacht.“ Dabei geht so ein Teil unserer Kultur stillschweigend verloren.

 

Damit sind wir bei gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ihr Abschiedskonzert mit dem launigen Titel „Last Night of JR“ wurde wegen des Champions-League-Finales in München auf 18.30 Uhr vorverlegt. Ist das die Kapitulation der Kultur vor dem Fußball?

Wir müssen ja Drogba an die Leine nehmen! Nein, ich sehe darin keine Kapitulation, überhaupt nicht. Das sind ja keine Gegensätze. Aber im Chor wären viele innerlich zerrissen. Und wenn man das vermeiden kann, sollte man das auch tun. Wir haben das einmal erlebt: Wir sangen ein Konzert auf dem Katholikentag in Hamburg, und zeitgleich spielte der VfL um den Aufstieg. Da stand der halbe Chor mit seinen Handys da, und an den Augen konnte ich sehen, wie es stand. Es war die Hölle! Nun ging dieses Spiel in die Verlängerung, und wir hatten zugesagt, bei einem Meditationsgottesdienst zu singen. Und der Geistliche sagte auch noch: „Wir werden jetzt gaaanz ruuuhig... Als dann dieser Gottesdienst endlich zu Ende war, war der VfL aufgestiegen. Dann haben wir die ganze Messehalle violett angestrahlt, und Chris Johns ging an die Orgel und spielte die VfL-Hymne! Diesmal haben wir das entzerrt; ich konnte gerade noch den Druck der Plakate anhalten! So gibt es im Anschluss ans Konzert im Chorsaal Public Viewing. Da kann man dann den Untergang des FC Bayern sehen.

 

Sie sind mit dem Chor um die halbe Welt gereist. Wie schwierig war es, Kinder, Jugendliche und vor allem Eltern davon zu überzeugen, nach Israel oder Iran zu reisen?

Wir begannen ja nicht mit solchen Reisen. Anfangs fuhren wir ins Zeltlager, aber da gab es durchaus auch Leute, die ganz stark mit der Stirn runzelten und sagten: „Dass mir das mal nicht so ein Knutsch-Verein wird!“

 

Gemeint war vermutlich etwas ganz anderes...

Ganz klar! Aber die ersten Reisen gingen nach Lingen, oder wir wanderten den Hermannsweg, übernachteten in Scheunen. 1976 kam die erste Reise nach Belgien – das war schon ziemlich anspruchsvoll. Dann fuhren wir nach England, Finnland – das war schon etwas Besonderes.

 

Es kann ja heikel werden, wenn Menschen zwischen 14 und 20 gemeinsam unterwegs sind. Ist Ihnen da nie mulmig geworden?

Ich habe immer sehr viel Vertrauen in meine Leute gesetzt, und das hat sich bezahlt gemacht. Von Anfang an habe ich gesagt: „Ich bin nicht euer Aufpasser, und jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und wer das nicht kann, gehört hier nicht hin.“ Klar hat ein Teil der Leute Dinge, die Jugendliche nun mal tun, bei uns gelernt: Das betrifft Sexualität, Alkohol, Gruppenverhalten. Davon wollten wir sie auch nie fernhalten. Nur: Wir haben uns nach ausgiebigen Diskussionen Regeln gegeben: Alkohol ja, aber keine harten Sachen. Und bei Pärchenbildungen haben wir festgelegt, dass jeder jederzeit in jeden Raum gehen kann, ohne sich als Spanner fühlen zu müssen. Das war eindeutig, und alles andere war außerhalb meiner Zuständigkeit. Ich habe es immer abgelehnt, den Jugendlichen hinterherzuschnüffeln und zu gucken, ob das alles mit der Moral der katholischen Kirche übereinstimmt. Wichtig ist mir immer das gemeinsame Erlebnis gewesen. Denn daran reifen die Leute.

 

Wenn Sie auf Ihre Zeit als Chorleiter zurückblicken – was konnten Sie nicht verwirklichen?

Es ist umgekehrt: Ich bin überrascht, wie viel ich erreicht habe.

 

Worauf sind Sie besonders stolz?

Das Spektrum. Ich kenne keinen Chor, der so ein breites Spektrum hat, von der ganz frühen morgenländischen Musik über die Gregorianik bis zur experimentellen Musik. Oder das, wofür der Begriff „ethnische Musik“ geprägt wurde: Händels „Hallelujah“ mit einem E-Bass, einer Trompete, einem Keyboard und dreißig Trommeln! Und trotzdem singen wir das europäische Kernrepertoire mit hoher Seriosität. Diese Breite finde ich bemerkenswert und außergewöhnlich.

 

Was machen Sie am Sonntagmorgen?

Viele haben ja gesagt, du wirst in ein tiefes Loch fallen! Ich habe darauf gesagt: Das Loch steht schon bereit, das ist das Freibad in Bad Laer. Da habe ich eine Jahreskarte und werde mit den Seniorenkollegen um die Wette planschen.

 

Keine Memoiren, keine Kreuzfahrt, kein Bienenzüchten?

Ich habe vor, das Leben etwas mehr kommen zu lassen. Erst mal werde ich mich um meine Gesundheit kümmern. Außerdem bin ich schon früher zu Gastdirigaten eingeladen worden, unter anderem auf die Färöer. Dort habe ich mehrere CDs aufgenommen: Tagsüber an den Fjorden entlang und abends eine schöne Probe: Das hat richtig Charakter. Oder in Ungarn: Tagsüber singen, abends Weinprobe mit Tokajer – wenn mir das noch ein paar Jahre vergönnt ist, bin ich sehr glücklich.

 

Festmusik zur Verabschiedung von Domchordirektor Johannes Rahe: Samstag, 19. Mai, 18.30 Uhr, im Dom.


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