Vortrag in Hagen Experte: Viele Priester haben Probleme sich zu binden

Über Pädophilie und sexueller Missbrauch sprach der Fachhmann Wolfgan Weig in der Pfarreiengemeinschaft Hagen, die dabei ist, Missbrauchsgeschehnisse in der Kirche aufzuarbeiten. Foto: Claudia SarrazinÜber Pädophilie und sexueller Missbrauch sprach der Fachhmann Wolfgan Weig in der Pfarreiengemeinschaft Hagen, die dabei ist, Missbrauchsgeschehnisse in der Kirche aufzuarbeiten. Foto: Claudia Sarrazin

Hagen. Die Pfarreiengemeinschaft Hagen ist dabei, Missbrauchsgeschehnisse in der Kirche aufzuarbeiten - auch weil belastete Priester jahrelang in Hagen ihr Amt ausüben durften. Die Frage „Pädophilie und sexueller Missbrauch – was steckt dahinter?“ beantwortete nun Fachmann Wolfgang Weig. Am Ende wurde es emotional.

Rund 70 Hagener kamen ins Gellenbecker Pfarrheim zum Vortrag des Facharzts für Psychiatrie und Psychotherapie und Sexualtherapeuten. Dieser klärte zunächst einige Begrifflichkeiten.

Ohne Theorie geht es nicht

Übersetzt heiße der griechische Begriff Pädophilie „Liebe oder Freundschaft zu einem Kind“, so Weig. Heute würde der Begriff jedoch nur eingeschränkt verwendet werden und beschrieb: Das (primäre) sexuelle Interesse eines Erwachsenen an einem Kind, das noch nicht in der Pubertät ist. Im Zusammenhang von Pädophile und katholischer Kirche stellte Weig klar: „Priester sind nicht signifikant öfter pädophil als andere Männer mit Zugang zu Kindern und Jugendlichen.“ 

Was ist Pädophilie?

Die Amerikanische psychiatrische Gesellschaft definiert Pädophilie wie folgt: Pädophile können sich zu kleinen Jungen, kleinen Mädchen oder zu beidem hingezogen fühlen, oder zu Kindern und Erwachsenen.

Ärzte diagnostizieren eine Pädophilie, wenn:
  • Betroffene wiederholt intensive sexuell erregende Phantasien, Drang oder Verhalten mit einem Kind oder Kindern haben (die in der Regel höchsten 13 Jahre alt sind). 
  • Betroffene sich stark unter Druck fühlen und im Leben schlechter zurechtkommen (in der Arbeit, in der Familie oder im Umgang mit Freunden), oder ihrem Drang nachgegeben haben. 
  • Betroffene mindestens 16 Jahre alt und mindestens 5 Jahre älter als das Kind sind, das als Objekt seiner Phantasien oder Verhaltensweisen dient. (Eine Ausnahme gilt für ältere Jugendliche, die in fester Beziehung mit einer oder einem 12- oder 13-Jährigen stehen.)
  • dieser Zustand für mindestens sechs Monate anhält.


Weig ging darauf ein, dass Pädophilie sowohl von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch im amerikanisch-kanadischen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) aufgeführt wird. Die WHO ordnet Pädophilie als "Störung der Sexualpräferenz" ein. Diese sexuelle Orientierung bleibe ein Leben lang bestehen. 

Beziehungsfähigkeit ist ein Thema 

Davon abgesehen hätten Pädophile ein Problem mit intimen Beziehungen, so Weig: „Ihnen fehlt da die Kompetenz. Sie können ihre Bedürfnisse nicht richtig rüberbringen und die Gefühle anderer schlecht einschätzen." Und als Mitverfasser der deutschen Seelsorgestudie stellte er ein Studienergebnis vor: "20 bis 30 Prozent der Priester haben Defizite in ihrer Bindungsfähigkeit. Sie schneiden im statistischen Mittel schlechter ab als Berufsgruppen wie Ärzte, Lehrer oder Offiziere der Bundeswehr.“ Zudem gäben 30 Prozent der Priester an, sie seien mit ihrer Sexualität unzufrieden. Zuvor hatte Weig schon erklärt, dass nahezu alle Menschen den inneren Antrieb hätten, sich sexuell betätigen zu wollen. Nur ein Prozent sei asexuell. Und im Gegensatz zu den Priestern seien verheirateten Diakone und Pastoralreferenten mit ihrer Sexualität hoch zufrieden. Sie schnitten deutlich besser ab als der Durchschnitt. „Da kann man die Idee bekommen, das hängt ein bisschen mit der Lebensform zusammen“, so Weig, der jedoch mit Blick auf Täter aus anderen Berufen sagte: „Eins zu eins kann man das natürlich nicht umsetzen, und das Zölibat allein ist nicht für eine Pädophilie verantwortlich.“

Foto: Claudia Sarrazin

Ein feiner und wichtiger Unterschied

In der anschließenden Fragerunde und Diskussion, wurde klar: Der Unterschied zwischen Gelegenheits- und Neigungs-Pädophilie, den Weig zuvor erklärt hatte, war nicht für jeden sofort verständlich: Es gibt einerseits Neigungs-Pädophilie, die nur von Kindern und Jugendlichen angezogen werden. Und es gibt andererseits Gelegenheits-Pädophile, die sich nicht ausschließlich von Kindern und Jugendlichen hingezogen fühlen, sondern auch von Frauen oder Männern. Dieser Unterschied ist nicht nur für die Behandlung wichtig. Er war auch eine Basis für mögliche Schlussfolgerungen, die Weig nur andeutete, weil er sich kirchenpolitisch nicht äußern wollte: „Nahezu alle Priester, die ich gesehen habe, waren Gelegenheits-Pädophile." Und ohne direkt auf das Zölibat einzugehen, fügte er hinzu: „Jetzt kann man sich Gedanken machen, die naheliegend sind, aber die wir nicht beweisen können.“

Hilfe und Schuldfrage

Über echte Neigungs-Pädophile sagte Weig zudem: Da sie ihre Sexualität nicht ändern könnten, müssten sie  lernen, auf die Umsetzung ihrer Neigung zu verzichten. Für sie gebe es inzwischen in Hannover und Berlin die Möglichkeit, sich beraten und begleiten zu lassen, bevor etwas passiert. Allerdings gebe es grundsätzlich zu wenig Hilfe bei sexuellen Problemen in Deutschland. Schuldfähig vor dem Gesetz seien jedoch nahezu alle Pädophilen: "Sie können entscheiden, ob sie etwas tun oder nicht." 

Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“

Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ bietet ein kostenloses und durch die Schweigepflicht geschütztes Behandlungsangebot für Menschen, die therapeutische Hilfe suchen, weil sie sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und darunter leiden.
Im Rahmen der Therapie erhalten die betroffenen Personen Unterstützung, um mit ihrer pädophilen Neigung leben zu lernen, diese zu akzeptieren und in ihr Selbstbild zu integrieren. Ziel ist es, sexuelle Übergriffe durch direkten körperlichen Kontakt oder indirekt durch den Konsum oder die Herstellung von Kinderpornografie zu verhindern.
Das Projekt startete im Jahre 2005 unter dem Titel "Präventionsprojekt Dunkelfeld" in Berlin. Mittlerweile gibt es Standorte in Düsseldorf, Gießen, Kiel, Mainz, Hamburg, Hannover, Leipzig, Regensburg, Stralsund und Ulm. Alle Standorte sind Teil des 2011 gegründeten Präventionsnetzwerks "Kein Täter werden", das nach gemeinsamen Qualitätsstandards arbeitet. Ziel ist es, ein bundesweites, flächendeckendes therapeutisches Angebot zu etablieren.
Mehr Informationen auf https://www.kein-taeter-werden.de/

Was tun mit potentiellen Tätern

Emotional wurde es, als Weig davon sprach, Priester mit einer entsprechenden Orientierung in Altenheime zu versetzen. „Wir möchten sie nicht im Altenheim als Betreuer“, meinte eine Hagenerin sichtlich bewegt. Weig konnte das gut verstehen und sprach von zwei wiederstreitenden Gefühlen seinerseits beim Thema: „Ich will niemanden entschuldigen, aber diese Männer bleiben immer noch Menschen. Sie haben ein Recht auf eine Umgebung, die für sie unverfänglich ist und darauf, sich neu zu bewähren.“ Dies sage er als Psychologe und als Christ, so Weig in die anschließende Stille, die nur vom leisen Applaus eines Einzelnen unterbrochen wurde.

Der Fachmann: Wolfgang Weig

Der Facharzt für Psychiatrie sowie Psychotherapie und Sexualtherapeut Wolfgang Weig hat an vielen Publikationen zum Themenfeld Intimität und Sexualität bei katholischen Priestern in Deutschland gearbeitet. Weig war von 1989 bis 2008 ärztlicher Direktor des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Osnabrück, und zuletzt Direktor des Zentrums für seelische Gesundheit der Niels-Stensen-Kliniken in Osnabrück sowie Professor für Psychopathologie, Salutotherapie und Sexualwissenschaft am Institut für Psychologie der Universität Osnabrück. Aktuell gehört er zum Team der Psychiatrisch-psychotherapeutische Ambulanz am Marienhospital Osnabrück. Zudem war Weig Mitverfasser der Seelsorgestudie, die von 2012 bis 2014 in 22 von 27 deutschen Diözesen durchgeführt und unter dem Titel „Zwischen Spirit und Stress: Die Seelsorgenden in den deutschen Diözesen“ veröffentlicht wurde. Darin ging es unter anderem um die Zufriedenheit der Seelsorgenden, ihren Stress, ihren Bindungsstil, um Beziehungen und Einsamkeit, Intimität und Sexualität. 


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